• vom 15.06.2012, 14:00 Uhr

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Nostalgie bis in den Tod


Von Bruno Jaschke

  • Die Beach Boys feiern, mit Brian Wilson an Bord, ein unverhohlen vergangenheitsseliges Platten-Comeback - und unterstreichen just damit, was für eine große Band sie waren.

Die Beach Boys anno 2012 - mit Brian Wilson, der am 20. Juni 70 Jahre alt wird, in der Mitte. - © EMI

Die Beach Boys anno 2012 - mit Brian Wilson, der am 20. Juni 70 Jahre alt wird, in der Mitte. © EMI

Ständig finde ich mich in der Position, die Beach Boys verteidigen zu müssen. Ein an sich intelligenter Berufskollege erklärte kürzlich, die Beach Boys seien für ihn ungefähr dasselbe wie Hansi Hinterseer. Er ist klassischer Musikfan. Aber auch weite Teile der Pop-Klientel urteilen ähnlich wegwerfend.

Das hat soziologische und demografische Gründe. Die Bekanntschaft mit dem Werk der Beach Boys beschränkt sich weitgehend auf meine Generation oder noch älter, also 50 plus; die Jüngeren kennen sie allenfalls per Namen. Eine Durchdringung mehrerer Generationen wie bei Elvis Presley, den Beatles oder Rolling Stones hat bei den Beach Boys nicht stattgefunden. Ihre Fans sind - zumindest hierzulande - Zeitgenossen wie der Cartoonist Manfred Deix, und in den USA Musiker wie Animal Collective, die Fleet Foxes, die Ramones oder die Flaming Lips.

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Die großteils eher bescheidene Wertschätzung der Beach Boys unter den Musikkonsumenten spiegelt eine bestimmte, zeitlich in den 60ern und frühen 70ern verankerte popmusikalische Sozialisation wieder. Zum einen symbolisierten sie im Unterschied zu den Stones, selbst den Beatles oder den Byrds, in adretter Aufmachung Gesellschaftskonformität und "heile Welt".

Zum anderen pflegten sie, abseits des Instrumentalvirtuosen-Kults, etwa rund um Ginger Baker oder Jimi Hendrix, einen Musikstil, der von der damals tonangebenden Progressiv-Rock-Liga schnell mit dem Totschlag-Argument "Kommerz" geächtet wurde: des viel- und in sich stimmigen Pop-Songs. Dass die Beach Boys mit der menschlichen Stimme, dem demokratischsten aller Instrumente, ihrerseits Virtuosen waren, unterlief die Wahrnehmungsschwelle dieser Klientel.

Distanz zum Frühwerk

Ich war übrigens auch nie ein großer Beach Boys-Fan. Natürlich habe ich immer das Genie ihres Songschreibers und Produzenten Brian Wilson bewundert. Aber von den vier großen "B"s der Pop-Geschichte habe ich die Beach Boys stets den Beatles, Byrds und Big Star hintangestellt. Die Beatles, die ihnen von der Anlage der Musik her am ehesten vergleichbar waren, hatten für mein Empfinden die zwingenderen Songs; die Byrds hatten mehr Verve - und Big Star hatten Alex Chilton. Den Beach Boys bin ich eigentlich erst auf Berufswegen näher gekommen. Ähnlich wie bei Dylan zwang mich einfach ihr Stellenwert zur intensiveren Auseinandersetzung, zum Nachholen versäumter Hausaufgaben, zum Wiederhören und Neu-Bewerten. Labour Of Love gewissermaßen, heute durch das Internet erheblich erleichtert.

Ihr Frühwerk mit all seinen erfolgreichen Surfer-Hymnen hält mich allerdings - einzelne und eher atypische Songs wie "In My Room" ausgenommen - immer noch auf Distanz. Ihr angeblich revolutionäres "Meisterwerk" "Pet Sounds" halte ich (ebenso wie Gerald Schmickl) für überschätzt. "Smiley Smile", das aus Fragmenten der erst 2004 als Brian Wilson-Album und 2011 als BBs-Box Set veröffentlichten "Smile"-Suite zusammengestoppelt wurde, ist dagegen tatsächlich wunderbar. Ähnlich grandios zwischen Spinnigkeit und Versponnenheit laviert "Surf’s Up" von 1971; nach "Holland" und "Sail On Sailor", dem letzten Brian Wilson-Klassiker, war der Ofen aber aus.

Danach wurden die Beach Boys - ohne Brian, der sich immer mehr und in den 1980ern dann gänzlich zurückzog - zu Nachlassverwaltern ihrer selbst, holten mit Tourneen, Hit-Kompilationen und äußerst mäßigen Neuaufnahmen aus dem Markt, was eben zu holen war, und gefielen sich daneben - auf Betreiben ihres sehr einfach gestrickten Sängers Mike Love - als Repräsentanten eines reaktionären Amerika und Wahlwerber republikanischer Präsidentschaftskandidaten.

1997 erklärte mir Sean O’Hagan, Kopf des exzellenten Surfer-Electronica-Ensembles High Llamas, warum er das ehrenvolle Angebot, die Beach Boys zu produzieren, in den Wind schlug: "Bruce Johnston (der in den 60ern mit Brian Wilsons Rückzug von Tour-Aktivitäten in die Band hineingewachsen war, Anm.) sagte, er wollte endlich wieder einmal etwas künstlerisch Großes machen. Aber wenn die Beach Boys eine Platte machen, dann beruht das auf strategischer Planung und einem Kompromiss zwischen den Mitgliedern. Ich wusste das, daher war mir auch klar, dass es eine verrückte Idee war, dass ich denen sagen sollte, okay, versammeln wir uns um das Piano und machen wir das Nachfolgealbum von ,Pet Sounds‘ Jahrgang ’97. Und ich wollte keine Fußnote der Beach Boys-Geschichte werden. Ich meine, ich liebe die Beach Boys, ich liebe ,Smile‘ und ihr Vermächtnis. Aber die Leute, die das gemacht haben, sind nicht dieselben wie jene, die sie jetzt sind. Das sind 55-jährige Leute, die Michael Bolton mögen. Kann man mit so jemandem arbeiten? Nein, kann man nicht. Also habe ich’s bleiben lassen."

Heute sind die Beach Boys alle um die 70 und mögen noch wesentlich schlimmere Leute als Michael Bolton: George W. Bush zum Beispiel, Ex-Präsident der USA. So weit, so abschreckend.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-15 12:32:09
Letzte Änderung am 2012-06-15 13:19:22


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