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Update: 06.07.2012, 13:42 Uhr
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Indiens Silicon Valley auf Talfahrt


Von Günter Spreitzhofer

  • Chips und Jobs an der Kippe: In Bangalore, mittlerweile zu Bengaluru umgetauft, nehmen soziale Zerreißproben zu. Die "IT-Zentrale der Welt" droht das Opfer ihres eigenen Wachstums zu werden.

 - © EPA

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Südindiens Software--Industrie hat eine lange Tradition. Kurz nach der Unabhängigkeit, in den 1950ern, wurde Bangalore zur Keimzelle des Fortschritts gemacht: Mit Bharat Systems (Militärtechnik) und der indischen Telecom agierten hier bereits vorher erfolgreiche Großunternehmen. Massive staatliche Investitionen flossen vor allem in militärische Forschungsprojekte, die weit genug weg von China und Pakistan entwickelt werden konnten - politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit wurden zum ersten Credo des jungen Riesenstaates.

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Topjobs für Rückkehrer
In den 1980ern, unter Premier Rajiv Gandhi, entstanden erste Technologieparks für Unternehmensgründungen. Texas Instruments verlegte, als erstes transnationales Unternehmen, Softwaredienstleistungen in die Region - der Startschuss für einen gewaltigen Influx von Multis, die zunächst Produktion und dann auch Entwicklung nach Bangalore outsourcten.

Das Platzen der Dot-Com-Blase trieb bald darauf über 30.000 hochqualifizierte indische Computerfachleute zurück nach Südasien: Ein Motivmix aus Push-Faktoren (drastisch gesunkener Bedarf in Europa und den USA) und Pull-Faktoren (Indien als neuer Motor für Innovation) war kennzeichnend für die Rückkehrer, die - oft an westlichen Universitäten ausgebildet - eine Fülle neuer Unternehmen gründeten. 1991 waren nicht einmal ein Dutzend IT-Firmen ansässig, heute sind es über 1500, die rund 180.000 Mitarbeiter beschäftigen - etwa so viele wie im amerikanischen Vorbild Silicon Valley.

100 % Jobsicherheit im Callcenter - Plakat in Bangalore. Spreitzhofer

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Alles schien wunderbar, ein rasanter Aufschwung ohne Ende, der ganz Indien zum zukunftsorientierten Global Player machen sollte: Studien der US-Bank Goldman Sachs sehen Indien als schnellst wachsende Volkswirtschaft der Welt, die 2035 auf Platz drei vorrücken dürfte.

Das benötigt geballtes Know-How. Hindustan Aeronautics Limited, ein Flugzeughersteller, oder die Indian Space Research Organization, ein Satellitenproduzent, nutzen die High-Tech-Infra-strukturballung genauso wie der Boombereich Biotechnologie.

Noch gibt es die großen Einkaufcenters, aber immer öfter fressen sich Slums in diese Parallelwelten.

Noch gibt es die großen Einkaufcenters, aber immer öfter fressen sich Slums in diese Parallelwelten. Noch gibt es die großen Einkaufcenters, aber immer öfter fressen sich Slums in diese Parallelwelten.

Fast die Hälfte der rund 250 indischen Biotechnologiefirmen sitzt mittlerweile im Großraum Bangalore. Der weltgrößte Exporteur von IT-Dienstleistungen ist das Land heute schon. Die Mieten waren günstig, die Lohnkosten auch. 300 bis 800 Euro monatlich für Programmierer waren für internationale Konzerne gering, für indische Verhältnisse wiederum großartig - rund ein Drittel der Inder lebt heute noch vom sprichwörtlichen Euro am Tag.

"IT liegt in der Luft"
China produziert Waren, Indien Wissen. Indien "liefert" jährlich fast 200.000 Informatiker, Deutschland 10.000. Indiens Top-Ausbildungen halten jedem Vergleich stand: Das Indian Institute of Technology (IIT) platzierte sich in einem globalen Ranking kürzlich hinter den US-Ingenieursschmieden Berkeley, MIT und Stanford auf Rang vier. Mindestens jeder dritte indische IT-Experte arbeitet in einer einzigen Stadt: Bangalore.

China ist die Fabrik der Welt, Indien das Entwicklungslabor. Die Elite der internationalen Software-Entwicklung, die meisten Telefondienstleister und immer mehr Entwicklungsabteilungen, wie etwa von General Electric und Daimler-Chrysler, sind in die indische Metropole eingezogen. "IT liegt hier einfach in der Luft", sagt Georg Kniese, Geschäftsführer des deutschen Software-Konzerns SAP, der jährlich bis zu 100.000 indische Bewerbungen vorliegen hat.

Grüne Parallelwelten
Wer Karriere machen wollte, ging nach Bangalore und hatte bis vor kurzem ein gutes Leben sicher. Intel und IBM, Cisco und Dell, Bosch und Motorola, Siemens und McAfee: Die Großen der Branche sind alle da und haben sich in Technologieparks niedergelassen, wie Electronics City oder International Technology Park (ITP). Parallelwelten ohne Wellblech, ohne Gestank, ohne Lärm, mit eigenen Kläranlagen. Mit lichtdurchfluteten Innenhöfen, Parkanlagen, lieblichen Brunnen und viel Grün. Oasen aus Stahl und Glas, getrennt durch Sicherheitsschleusen von dem indischen Alltag draußen vor dem Stacheldraht, wo Kühe leere Pizzakartons und zerrissene Handyhüllen fressen.

Bloß wird es immer schwieriger, dorthin zu kommen. Stundenlange Anfahrtszeiten in klapprigen Stadtbussen, Stau und Smog sind nicht gerade motivationsförderlich. Also sorgen oftmals firmeneigene klimatisierte Luxusbus-Flotten für Abholdienste. Die stehen zwar auch im Stau, dafür gekühlt und unterhaltsam für alle, die Videos lieben. Eine Spielfilmlänge geht sich oft genug aus, auch auf acht Kilometern Pendeldistanz.

China war gestern, das Land der Stunde sei Indien, schrieb die "Financial Times" noch 2005. Zumindest Indiens Vorzeigestadt schlägt derzeit jedoch selber die Stunde. Die Stadt beherrscht den eigenen Boom schon lange nicht mehr. Zwischen 2001 und 2011 hat sich die Bevölkerungszahl verdoppelt: Groß-Bangalore hat mittlerweile fast 10 Millionen Einwohner. Der drittgrößte Ballungsraum Indiens liegt auf 900 Meter Seehöhe, mit vergleichsweise angenehmem Klima ohne tropisch-schwüle Sommerhitze. Überhitzung ist dennoch weder zu übersehen noch zu überhören, ganz abgesehen von qualmenden Motorrikscha-Auspuffen und nächtlichen Presslufthämmern in der neuen, schicken Fußgängerzone.




Schlagwörter

IT-Branche, Extra, Indien

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-05 17:54:25
Letzte Änderung am 2012-07-06 13:42:15


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