
Das Jahr 1786 begann zu welken, die Karlsbader Kur ging zu Ende, und Goethe beschloss: Ein Zurück nach Weimar kam vorerst nicht in Frage. Das Amt, die Liebe, die Kunst - es wollte sich zusammen nicht fügen. Und so brach der Geheimrat denn auf in das Land, wo die Zitronen so anders blühn, und ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht. Entlastet vom gesellschaftlichen Korsett, berückt von Natur, Kultur und dem südlichen Lebensstil, fand Goethe Sinnlichkeit und Glück: "Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch." ("Italienische Reise").
Der Dichterfürst hatte in Italien zu sich selbst gefunden - und die Bestätigung mancher Vorstellung vom Land. Denn jeder Reisende wird von bestimmten Bildern geleitet. Oder, wie der Sozialwissenschafter und Autor Christoph Hennig formuliert: "Vor der Reiseerfahrung steht die Fiktion." ("Reiselust", Suhrkamp 1999). Im Fall Goethes war es das klassisch-humanistische Italienbild. Es ging auf in jener inneren Landkarte, die auf Wissen, Mythen und Wünschen basiert.
"Seit dem 18. Jahrhundert nehmen Touristen die Sichtweisen von bildender Kunst und Literatur auf, suchen ihre Bilder wiederzufinden und folgen den Routen der Maler, Schriftsteller und ihrer Romanhelden", so Hennig weiter.
Im 18. Jahrhundert vollzog sich ein grundlegender Wandel in der touristischen Weltwahrnehmung: Die Berge und das Meer, einstmals Furcht einflößende Zonen, weckten nun die Reiselust. Albrecht von Hallers Lehrgedicht "Die Alpen" und Rousseaus Roman "Julie, ou la Nouvelle Héloïse" verklärten die Schweizer Hochgebirgslandschaft; die Medizin pries die Heilkraft von Höhen- und Seeluft. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschloss die Eisenbahn sukzessive die schönsten maritimen und alpinen Reiseziele, auch der Ausbau der touristischen Infrastruktur schritt zügig voran. Die Stunde des modernen Tourismus hatte geschlagen. Bald suchte auch der Mittelstand - reisend - Abstand vom Alltag.
Doch in dem Maße, als die Ströme touristischer Glückssucher anschwollen, verstärkte sich die Tourismuskritik. Legendär ist Hans-Magnus Enzensbergers Urteil aus den 1960er Jahren: "Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet." Seither mangelt es nicht an Appellen, doch tunlichst besser, anders, nachhaltiger zu reisen. Die Erfahrung allerdings lehrt: Des Urlaubers Drang, sich mit der ökosozialen Wirklichkeit der Fremde auseinanderzusetzen, bzw. das eigene Reiseverhalten einem Ethik-Check zu unterziehen, hält sich in Grenzen.
Vielmehr triumphiert auch heute noch das uralte Reisemotiv, für eine gewisse Zeit die Realität zu überwinden und einen sinnlichen Traum zu leben. Die entsprechenden Sehnsuchtsbilder lieferte, neben der Kunst und der Literatur, alsbald auch der Tourismus.
Zeitreise ins Glück
Die technische Voraussetzung für das Reiseplakat - und damit das jahrzehntelange Leitmedium des Fremdenverkehrs - wurde mit der Erfindung der Lithographie geschaffen. Sie ermöglichte große Bildformate und hohe Druckauflagen. Um 1890 begann die Erfolgsgeschichte des Reiseplakats. Die ersten Entwürfe stammten zumeist von Grafikern, alsdann übernahmen Künstler diese Aufgabe, und, in deren Folge, die Werbefachleute.
Kunstströmungen, Weltgeschehen und Zeitgeist hinterließen viele Spuren in dieser Ikonographie der Sehnsucht. Die Plakate waren in Reisebüros wie auf Bahn-, Schiffs- und Flughäfen allgegenwärtig. Ab den 1960er/70er Jahren löste die Fotografie das Grafikdesign ab, und die Bedeutung der Reiseplakate nahm rasant ab. Ihre Funktion erfüllten fortan die Hochglanzbilder der Reisekataloge und -bücher, bzw. die Bilderwelten des Internet. Die historischen Reiseplakate indes wurden zu begehrten Sammlerobjekten: Vintage-Bilder, die uns einladen zu einer Zeitreise ins Glück. In diesem Jahr sind gleich zwei opulente Bildbände zu diesem Thema erschienen. Beide umspannen etwa den Zeitraum von 1890 bis 1960/70, als das Medium Reiseplakat seine Hochblüte erlebte. Vielleicht ist dieses Interesse aus der anhaltenden Retrowelle erklärbar, vielleicht aber auch aus einem wachsenden Bedürfnis nach altmodischen, leistungsfernen Reisestilen.

Der Traum vom Meer
Verleger und Autor Johannes Thiele fokussiert sein Buch "Sehnsucht nach dem Meer. Reisen, um glücklich zu sein" (Brandstätter Verlag) auf die Elemente und Codes der "visuellen Verführung": das tiefblaue Meer, die romantische Küste, das glamouröse Strandleben oder auch das einfache Ferienglück. Die ausgewählten Reiseposter sind nach den beliebtesten Destinationen am Mittelmeer und Atlantik, an Nord- und Ostsee gegliedert.
Interessante Abrisse zur Entwicklung des Küstentourismus, zu den Reisemotiven wie zur Ästhetik und Botschaft der Poster begleiten die farbenprächtige Bilderflut. Thiele veranschaulicht den Einfluss der jeweils epochentypischen Kunstströmungen auf das Plakatdesign. Vom Naturalismus und Impressionismus über Art Nouveau und Art Deco bis zur Neuen Sachlichkeit reicht der Bogen. Auch einzelne Künstler wie Signac, Matisse, Picasso oder Chagall gaben ästhetische Impulse, bzw. entwarfen eigene Werbeplakate. Die bildliche Entwicklung "von der puren Illustration zum einprägsamen Symbol", zur Konzentration auf ein Motiv wird ebenso erkennbar wie die zunehmende Straffung der Werbetexte.

