• vom 13.07.2012, 13:30 Uhr

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Update: 13.07.2012, 14:57 Uhr
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Die Beziehung zwischen der EU und ihren Bürgern steht auf der Kippe

Sprache unter Spardiktat


Von Clemens Neuhold

  • Spricht sie weiterhin nur in Kürzeln à la EFSM, EFSF und ESM, anstatt eine gemeinsame Zukunft zu versprechen, verliert die EU an Gefolgschaft.

Am Anfang war das Wort . . . Cartoon: Wolfgang Ammer

Am Anfang war das Wort . . . Cartoon: Wolfgang Ammer

In einer Beziehung ist Sprachlosigkeit der Anfang vom Ende. Jener Punkt, an dem man keine Worte mehr findet, die Nähe erzeugen, und alles nur noch wie ein Therapiegespräch klingt; an dem jede verkrampfte Reminiszenz an die gemeinsamen Sonnenstunden einen weiteren Schatten über die gemeinsame Geschichte legt; an dem nur noch ein Partner wie ein Maschinengewehr spricht, während sich der andere wegdreht und schweigt.

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Es scheint, als wäre die Beziehung zwischen Europa und den Bürgern an diesem Punkt angekommen. Seit Monaten versucht die EU, die Bürger in einer stenografischen Kürzelsprache von der gemeinsamen Zukunft zu überzeugen: EFSM, EFSF und ESM. Das erinnert an den Song der "Fantastischen Vier" über die Abkürzungs-Manie der Deutschen: "ADAC, DLRG, ojemine, PVC, FCKW, is nich ok, GbR, GmbH - ihr könnt mich mal."

Was soll sich der Bürger anderes denken als "hobts mi gern", wenn Politiker - und manche Journalisten - sich gar nicht mehr richtig bemühen, diese Kürzel in eine verständliche Sprache zu übersetzen. Wenn etwa die Grünen ihren Verhandlungserfolg mit der Regierung forsch mit "ESM ja, Fiskalpakt nein!" zusammenfassen, wenn es vom EU-Gipfel heißt: "Faymann fordert Banklizenz für ESM", eine Qualitätszeitung "Merkel will Eurobonds nach Schengen-Art" aufs Cover schreibt, und wenn sogar der Populist Strache das Volk mit ganzseitigen Inseraten "gegen das ESM-Diktat!" aufpeitschen möchte, kann die Reaktion des Volkes doch nur noch sein: "SMS, ESM, seid ihr plemplem?"

EU-Kommissar Rex
Der "Rettungsschirm" war der letzte Versuch einer Metapher, einer sprachlichen Brücke zum Volk; aber der bleibt in der Hitze des Gefechts immer öfters zugeklappt in der Ecke stehen, weil Erklärungen Politikern Redezeit und Journalisten Zeilen kosten.

Nun ist die Schwierigkeit, Europa zu erklären, so alt wie die EU selbst. Die EU ist seit ihrer Gründung zu einer technischen Sprache geradezu verdammt. Das liegt in erster Linie daran, dass die Nationalstaaten ihrem europäischen Dach, ihrem Spitzeninstitut, keine Minister zugestehen, sondern nur "Kommissare". Die Verfassung darf höchstens "Vertrag" heißen, der Außenminister "Hoher Beauftragter", das Gesetz "Richtlinie" oder "Verordnung". EU-Steuern gibt es keine, nur "Direktzahlungen".

Sprache ist Macht - und Macht ist die Hoheit über die Begriffe. Wollen die Nationalstaaten ihre Macht behalten, müssen sie ihre Begriffe mit Klauen und Zähnen verteidigen. Das Resultat: Beim Kommissar denkt man an weiterhin eher an "Tatort" oder "Rex" und bei Ashton weiterhin eher an den Schauspieler Kutcher. Die EU bleibt dort, wo sie die Nationalstaaten haben wollen: im fernen Brüssel, mit ihren Kommissaren im EU-Kommissariat.

Aber die EU hat sich ihre Sprachlosigkeit auch selbst zuzuschreiben. Niemand hat es den EU-Politikern angeschafft, einen ganzen Kontinent ohne Grenzen nach einem Kaff in Luxemburg zu benennen ("Schengen"). Das Stabilitäts-Korsett des Euro hätte einen anderen Namen verdient als "Maastricht-Kriterien". Und wer die Banken mit einer Stadt sicherer machen will, die gar nicht in der EU liegt ("Basel"), der will wohl gar nicht so recht verstanden werden - internationale Verträge hin oder her.

"Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt", hat der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, den Wachstumsprozess der Union hinter den Rücken der Bürger selbstkritisch beschrieben.

Zu Ende gedacht, bedeutet das: Je technischer und komplizierter die EU-Begriffe, desto besser für eine EU, die sie durch die Hintertür bei den Menschen einschleicht. Ohne griffige Begriffe können Menschen nur schwer begreifen, "was da beschlossen wurde", und die EU kann "weiter machen, bis es kein Zurück mehr gibt".

Worauf trifft der Sager Junckers besser zu als auf "ESM" und "Fiskalpakt"? Da geht es um 700 Milliarden Euro - und der Bürger versteht doch nur Bahnhof. Man ist verleitet, den EU-Granden zu unterstellen, ihre Projekte absichtlich mit sperrigen Kürzeln zu verschleiern, damit sie am Stammtisch nicht funktionieren und niemand aufsteht.

Hinterlist kann man den Gründervätern und -müttern jedoch nicht vorwerfen. Sie waren davon überzeugt, etwas Großes zu schaffen. Je komplizierter und bürokratischer der Prozess wurde, desto kleiner aber wurde der Schatz an prickelnden Worten, die für eine dauerhafte Beziehung wichtig sind. Und dann schlich sich die Methode ein, die Juncker beschrieb: noch ein Konvent, noch eine Erweiterungsrunde, noch ein Vertrag, benannt nach einer unbedeutenden Stadt oder einem Buchstabenmonster - bis Politiker und Experten Sätze im Mund führten, die ins Kabarett, aber nicht in die Weltpolitik gehören: "EZB und IWF wollen einen ESM, der auf dem EFSF aufbaut."




Schlagwörter

Extra, Sprache, EU

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-07-13 10:42:10
Letzte Änderung am 2012-07-13 14:57:41


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