
"Blondinen sind dumm" - das empfindet jeder als lächerliches Pauschalurteil, ebenso wie "Der Büroschlaf ist der gesündeste". Beides lässt sich statistisch nicht beweisen. Welche Blondinen sind für die Blondinen und welche Büroschläfer für die Büroschläfer repräsentativ? Wie sortiert man sie nach Alter, Einkommen, Bildung, Grad der Müdigkeit oder Vorlieben, damit ein fairer Querschnitt herauskommt?
Zudem wäre der "Gegenbeweis" auch grotesk: Sind alle Nicht-Blondinen klug - und alle Nicht-Büroschläfer krank? Da wäre doch die Diskriminierung von Araberinnen oder Afrikanerinnen mit einem Schlag erledigt, weil sie nicht blond sind. . .
Falsche Pauschalierung
Daraus folgt, dass Pauschalurteile kindisch bis infam sind, weil sie vom Einzelnen auf Alles schließen. Ein krasses Beispiel dafür lieferte 1879 der deutsche Historiker Heinrich Treitschke: "Die Juden sind unser Unglück!" Sie gefährden nämlich "deutsches Leben", doch der "gesunde Instinkt" des Volkes habe das erkannt.
Treitschke unterlegte diesem Vorwurf einen Klassiker an Vorurteil: Er bewertete "die" Juden am positiven Selbstbild der Deutschen und manipulierte zudem die Statistik, damit der "gesunde Instinkt" des Volkes die Juden als existenzielle Bedrohung wahrnehme. Damals waren Juden nur in Berlin in den Medien, im kulturellen Schaffen und in den freien Berufen statistisch "überpräsent". Das Volk verstand aber "Überpräsenz" der Juden in ganz Deutschland - und die Antisemiten aller nationalistischen Schattierungen walzten diese "Statistik" agitatorisch aus.
So wie 1896 der glühende österreichische Antisemit Georg von Schönerer: "Emanzipierte Juden zeigen sich übermütiger, hartherziger, ausbeutungssüchtiger und schadenfroher als je. Überall sehen wir sie im Bunde mit Elementen des Umsturzes. Daher muss der Antisemitismus von jedem treuen Sohne seiner Nation als größter Fortschritt dieses Jahrhunderts angesehen werden." Hitler verschärfte den Antisemitismus mit jener "Animalisierung", die das Vorurteil in Richtung "Untermenschen" lenkte und den Rassen-Totalitarismus rechtfertigen sollte: Juden seien Parasiten im deutschen Volkskörper, die ausgemerzt gehörten. Deshalb stilisierte er sich als "Robert Koch der Politik", der diesen Bazillus entdeckt hat und ausrotten wird - wie sechs Millionen Opfern des Holocaust widerfahren.
Allerdings wucherte dieser Antisemitismus auf dem Mistbeet eines uralten Vorurteils: Juden seien die kollektiven Mörder Jesu, "Brunnenvergifter" und damit Urheber der Pest, Ritualmörder christlicher Kinder, blutsaugende Wucherer oder Verschwörer gegen die abendländische Kultur.
Umgangssprachlich bedeutet Vor-Urteil ganz simpel, dass jemand ein Urteil ohne ausreichende Sachkenntnis fällt. Selbst die Wissenschaft kommt ohne Vor-Urteil nicht aus, nämlich als "Zwischenstation" der Forschung. Der Grazer Theologe und Philosoph Johann Fischl erklärte diese "Zwischenstation" als Prüfung, ob ein Forschungsprojekt den Gesetzen der Logik standhält, an einem simplen Beispiel: Jemand baut einen Steg. Er rammt Pfeiler in den Boden, prüft ihre Stabilität, verbindet das Ufer mit Balken und Brettern mit den Pfeilern, prüft abermals, setzt die nächsten Pfeiler und so fort. So entsteht ein stabiler Steg. Also widerspräche es der Logik, einfach drauflos zu bauen.
"Vorurteil" bezeichnet aber auch eine vorgefasste Meinung, die abwertet oder diskriminiert und sich dabei negativer Stereotypen bedient. Sie entsteht durch mangelhafte Begründung, starre Verallgemeinerung und Ausklammern aller Fakten, die das Urteil erschüttern könnten. Daher sucht man zur Stütze des Vorurteils Fakten, die eine Meinung untermauern. Albert Einstein befand daher: "Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein Atom."
Negative Stereotypen
Jeder kennt emotionsgeladene Vorurteile: dreckiges Schwein, feiger Hund, dumme Gans, falsche Schlange. Da dienen sachlich unhaltbare "Negativeigenschaften" von Tieren als Punze für Menschen. Politisch aktiviert diese Animalisierung latenten Argwohn gegen Tiere. Stalin ließ "Parteifeinde" als "tollwütige Hunde" erschießen, Castro punzierte seine Gegner als "Würmer", die man zertreten werde, und Gaddafi nannte die Revolutionäre "Ratten", die hinterhältig aus dem Untergrund zubeißen.
Wie immun ein Vorurteil gegen überprüfbare Fakten sein kann, belegt die populäre Darstellung des Euro als "Teuro". Der offenkundige Vorteil des Euro für Österreich zählt nicht, wohl aber das "Preisgefühl" bei Waren, welche die Verbraucher häufig kaufen. Da stört doch nur die Analyse der Statistik Austria, dass die Preise in den zehn Euro-Jahren um 22 Prozent, in den letzten zehn Schilling-Jahren zuvor aber um knapp 25 Prozent gestiegen sind. Und auch in England oder Schweden lag die Teuerungsrate ohne Euro etwas höher.