• vom 17.08.2012, 14:30 Uhr

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Das orthodoxe Bollwerk


Von Thomas Veser

  • Das bulgarische Kloster Rila ist nicht nur ein Kunstschatz ersten Ranges, sondern auch ein Ort der Spiritualität und ein Symbol der nationalen Identität Bulgariens.

Der heitere, verspielte Innenhof gehört zu den auffälligsten Schönheiten des Bauwerks. - Foto: Veser

Der heitere, verspielte Innenhof gehört zu den auffälligsten Schönheiten des Bauwerks. Foto: Veser

"Wer das Rila-Kloster nicht besucht hat, war nicht in Bulgarien." - Das behauptet in diesem mit Klosteranlagen reich gesegneten Balkanland zumindest der Volksmund. Von Sofia aus lässt sich das leicht überprüfen, liegt das Rila-Kloster doch fast vor der Haustüre. Dank EU-Zuschüssen konnte die Autobahn in das gleichnamige Gebirge gut ausgebaut werden, man kommt zügig voran. Bald zeichnen sich die oft über 2000 Meter hohen, schneebedeckten Gipfel des südwestlich liegenden Gebirgsmassivs nahe der Grenze zu Makedonien ab.

Der Bus verlässt die Autobahn und schaukelt über eine schmale Landstraße durch Dörfer, die seltsam menschenleer wirken. In zahlreichen Serpentinen fährt man immer höher in eine wilde, archaisch anmutende Waldlandschaft. Der Weg zum glänzendsten Stern unter den vielen Klöstern Bulgariens verlangt den Besuchern in der Hochsaison auf den letzten Kilometern Geduld ab. Endlich ist die Straße zu Ende, mit etwas Glück können die Autofahrer auf der Parkfläche vor dem Kloster einen Platz ergattern.

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Dahinter zeichnet sich die Silhouette des höchst gelegenen Klosters in Südosteuropa ab. Im zehnten Jahrhundert in einem langen und tief eingeschnittenen Tal auf fast 1200 Metern vom Eremiten Ivan Rilski gegründet, gilt das legendäre "Rilski Manastir" als Bulgariens wichtigste Schatzkammer der Malerei und Holzschnitzkunst.

Von außen lässt sich das bestenfalls erahnen. Kleine Fenster, die an Schießscharten erinnern, durchbrechen die bis zu 20 Meter hohen Wände, die durch Stützstreben noch größer wirken. Rila sieht aus wie eine Gebirgsfestung - düster, wehrhaft und uneinnehmbar. Genau diese Wirkung wollten ihre Erbauer erzielen. Die Osmanen hatten während der fast 500-jährigen Besetzung Bulgariens das abgelegene Kloster zwar nie angetastet; dennoch erlebte die Klostergemeinschaft, die zu ihren Glanzzeiten bis zu 300 Mönche umfasste, etliche Überfälle und Naturkatastrophen.

Der Neuaufbau
Nachdem ein Großbrand Rila 1833 in Schutt und Asche gelegt hatte, wurde es umfassend neu und größer als je zuvor erbaut - als orthodoxes und nationales Bollwerk gegen die muslimische Fremdherrschaft. Auf deren Ende mussten die Bulgaren damals noch etliche Jahrzehnte warten. Dabei gingen die Baumeister mit solch einem Feuereifer an die Aufgabe heran, dass eine angegliederte Kirche aus dem Jahr 1343 vollständig abgebrochen wurde. Wirklich alt ist nur der völlig erhaltene Chreljo-Turm, ein fünfstöckiger gedrungener Festungsturm mit der freskenbemalten Christi-Verklärungskapelle in luftiger Höhe. Auf über 32.000 Quadratmetern entstanden bis 1962 wieder 300 Mönchszellen, vier freskenverzierte Kapellen, eine Bibliothek sowie ein ausgedehnter Wirtschaftsbereich. Holzschnitzereien und Fresken schmücken die zehn größten Gästezimmer.

Vor den zwei Eingangstoren warten Verkäufer von Devotionalien auf Kundschaft, sie bieten Kreuze, Ikonen und religiöse Literatur an. Ein paar Meter weiter riecht es verführerisch nach frischen Mekitzi, Teigkrapfen, die kurz in Öl gebacken und dann mit Puderzucker, Honig oder Marmelade überzogen werden.

Diesem Zwischenimbiss sind auch Maria Stankova und Slavka Katrandzhieva, die an diesem Tag von ihrem Wohnort Sofia aus einen Ausflug ins Rila-Gebirge unternehmen, nicht abgeneigt. So gestärkt, lassen sie den Trubel vor den Klostermauern hinter sich und betreten nach dem Eingangstor eine völlig andere Welt.

Nicht nur frühmorgens oder am späten Nachmittag, wenn sich dort nur wenige Besucher aufhalten, herrscht eine herrliche Stille. "Der Ort besitzt eine eigene Atmosphäre, eine bestimmte Energie, die dafür verantwortlich ist, dass man einfach zur Ruhe kommt und die Zeit vergisst", bekräftigt Maria, die als Übersetzerin und Philologin arbeitet.

Malereien und Fresken
So wenig einladend sich Kloster Rila von außen gibt, so heiter und verspielt bleibt der gepflasterte Innenhof, gerahmt von mehrstöckigen, mit Erkern und Balkonen verzierten Wohnflügeln, in Erinnerung. Luftige Arkaden sowie verschieden hohe Bögen aus Stein und Holz gliedern die Fassaden oben und unten. Je nach Tageszeit bieten bemalte Ziegel sowie weiße und schwarze Fassadenteile, Ornamente und Wandmalereien dem Auge ein abwechslungsreiches Spiel von Licht und Schatten.

Bei jedem Besuch betrachtet Maria fasziniert die Darstellungen auf den Wandmalereien und Fresken in und an der Klosterkirche. Hunderte von Gemälden waren damals geschaffen worden, sie zeigen biblische Szenen, Heilige, aber auch Persönlichkeiten des Zeitgeschehens wurden in kräftigen, lebhaften Farben verewigt. Selbst Szenen aus dem alltäglichen Leben der mittelalterlichen Bulgaren, darunter zünftige Bankette im Freien, haben die namenlosen Künstler verewigt.

Nicht weniger eindrücklich wirken auch heute noch die Darstellung von Fegefeuer und Hölle, bevölkert von furchterregenden Bestien und Feuer speienden Fabelwesen. Dieses Panoptikum des Schreckens sollte dem Betrachter vor Augen führen, welche Folgen ein zügelloser Lebenswandel nach dem Tod im Jenseits heraufbeschwören kann. Wohlgerüche aus der Klosterküche vermitteln den Betrachtern zur Mittagsstunde das beruhigende Gefühl, noch im Diesseits zu weilen.

Die Klosterkirche ist mit prächtigen Fresken ausgeschmückt.

Die Klosterkirche ist mit prächtigen Fresken ausgeschmückt.Foto: Veser Die Klosterkirche ist mit prächtigen Fresken ausgeschmückt.Foto: Veser




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-16 15:12:13
Letzte Änderung am 2012-08-17 13:42:18


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