Darauf war das Mädchen nicht vorbereitet. "Was ist 57 minus 8?", fragt der Deutsche in flüssigem Dari. Niemand meldet sich, die Mädchen starren mit einem Bitte-nicht-ich-Blick zu Boden. Der Mann zeigt auf eine Schülerin. Na? Das Mädchen überlegt, setzt an, stockt - und sagt nach einer Weile: das Ergebnis. Anschließend sackt sie zusammen wie ein Ballon, aus dem jemand die Luft rausgelassen hat. Peter Schwittek lächelt und zwinkert der Lehrerin zu. Er trägt eine hellblaue Schalwar Kamiz, das traditionelle afghanische Gewand aus Oberhemd und Pluderhose.
Chance gegen Apathie
Die Abu Bakre Sediq Moschee ist ein hellblauer Kasten in einer Seitenstraße des Kabuler Stadtteils Jagatut, wo bärtige Männer auf den Straßen palavern und Besuchern unter ihren Turbanen freundlich zulächeln. Polizisten dösen auf Schemeln in der Mittaghitze, ihre Kalaschnikows auf den Knien. Der Militärflughafen von Kabul ist nur wenige hundert Meter entfernt, ständig fliegen Hubschrauber über den Lehmbauten, Flugzeuge landen und starten, denn der Krieg ist auch hier nicht weit entfernt.
Das afghanische Abenteuer begann 1973, als Peter Schwittek eine Dozentenstelle an einer Universität in Kabul annahm. Über die Jahre folgten weitere Aufenthalte in Afghanistan und Pakistan. Seit 1998 lebt der 70-jährige Mathematiker nun mit seiner Frau Anna Maria dauerhaft in Afghanistan und leitet die "Organisation zur Förderung regionaler afghanischer Initiativen und Nachbarschaftshilfen", kurz: OFARIN. Im Persischen heißt Ofarin auch: "gut gemacht!" "Das sagen Lehrer zu ihren Schülern. Darüber hat Peter lange nachgedacht", sagt Annemarie Schwittek und kichert.
"Bei uns lernen die Schüler innerhalb eines Jahres lesen und schreiben - und verstehen den Inhalt des Gelesenen", sagt Peter Schwittek. Rund 5500 Kinder, mehr als die Hälfte davon Mädchen, lernen zur Zeit bei OFARIN, mal mehr, mal weniger. Es ist der Versuch auf Mikroebene, die afghanische Jugend aus der Apathie des Analphabetismus zu reißen, ihrem Leben eine Richtung zu geben, eine Chance.
Vor dem Eingang zur Moschee stehen Pantoffeln, Slipper, Sandaletten und sogar ein paar Stöckelschuhe. Im Erdgeschoss und im ersten Stock des Gotteshauses sitzen rund dreihundert Mädchen. Vorne jene, die schon lesen und schreiben können, sechzehn, siebzehn, manchmal zwanzig Jahre alt. In der Mitte diejenigen, bei denen es noch ein bisschen hapert, die Wörter nach Form und Länge im Gedächtnis abspeichern, aber keine Buchstaben lesen können. Und ganz hinten hocken die Kleinsten, die noch zu jung für den Unterricht sind, und sehen ihren Schwestern beim Lernen zu.
Peter Schwittek lehnt an einer Säule in dem Gebetsraum der Moschee, der zum Klassenzimmer umfunktioniert ist, und erzählt von einer Realität, die anders aussieht, als sich das die afghanische Regierung und internationale Organisationen vorgaukeln: Von einem Land, in dem zwar der Besuch staatlicher Schulen kostenlos ist und Mädchen theoretisch wieder zur Schule gehen, wo das Ausland Geld für Lehrer bereit stellt und wo ständig neue Schulen und Schulbänke gebaut werden. Aber auch davon, dass die Lehrer ihren Lohn nur schleppend bezahlt bekommen - und auf dem Land oft gar nicht.
Verwaiste Schulen
"Die Mädchen werden auch nicht beaufsichtigt, viele erscheinen daher gar nicht zum Unterricht", sagt Schwittek und putzt seine Brille. Vor allem arme Familien können es sich nicht leisten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Die Töchter müssen im Haushalt helfen, die Söhne den ganzen Tag über betteln, Schuhe putzen oder Telefonkarten auf der Straße verkaufen. Diese Kinder will Peter Schwittek auffangen, denn für die meisten hat Bildung in ihrem Leben keinen Platz. Sie sind die Verlierer in diesem Land, haben keine Chancen und sind somit empfänglich für die Idee des "Heiligen Krieges". Menschen mit Wissen haben mehr Widerstandskräfte dagegen.
Viele Mädchen gingen deswegen nicht zur Schule, weil Eltern ihre Töchter nicht aus dem Haus lassen oder glaubten, dass Mädchen aus religiösen Gründen nicht zur Schule gehen sollten. Sie hätten Angst, dass sie auf dem Schulweg von Männern angemacht werden oder dass ihnen jemand etwas antue, weil er glaubt, dass es gegen den Islam verstoße, dass Mädchen zur Schule gehen, sagt die 17-jährige Homeira.
Sie ist ein schmales Mädchen mit zierlichen Händen und gepflegten Fingernägeln. Für Homeira bedeutet der Unterricht am Nachmittag alles, es ist ihre letzte Chance, ein bisschen Unabhängigkeit zu erlangen. "In die Moschee lassen sie ihre Tochter gehen, denn die ist nicht weit weg und die Eltern kennen den Mullah meistens sehr gut", erzählt Peter Schwittek.
Geschlechter-Trennung
Zweimal am Tag wird in der Abu Bakre Sediqu Moschee der Koran gegen Schulbücher getauscht und der Mullah begrüßt Lehrer und Lehrerinnen im Gebetssaal. Für jeweils neunzig Minuten wird hier gelehrt und gelernt, streng nach Geschlechtern getrennt, wie es in Afghanistan üblich ist: Von sechs bis halb acht Uhr morgens lernen hier die Burschen ihre Muttersprache Dari, Mathematik und Religion, und von zwei bis halb vier Uhr nachmittags büffeln die Mädchen.

