• vom 24.08.2012, 14:15 Uhr

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Retter im Lendenschurz


Von Christina Walker

  • Der US-amerikanische Schriftsteller Edgar Rice Burroughs erschuf vor 100 Jahren den Dschungelhelden Tarzan - Die Hintergründe eines Mythos.

Die imposanten Bilder kamen aus Hollywood: An verregneten Sonntagnachmittagen schwang sich Johnny Weissmuller von Liane zu Liane durchs Wohnzimmer und erfüllte es mit seinem Uuuuaaahuuuaaah! Keiner konnte den Tarzanschrei so wie er, weder Lex Barker noch Christopher Lambert, die (nebst vielen anderen) später den Herrscher des Dschungels verkörperten. Tarzan, das war der Unbesiegbare, der sich der Bestie in Löwen- oder Krokodilsgestalt auf den Rücken warf, um täppische Dschungelneulinge vor dem sicheren Tod zu bewahren. Tarzan, das war der edle Wilde, der die Souveränität des Urwalds und seiner (guten) Bewohner gegen (böse) Eindringlinge verteidigte. Tarzan, das war ein kraftstrotzendes Bild von einem Mann, das Frauen erbeben ließ - und zugleich ein naives Naturkind, das sich bereitwillig hat zivilisieren lassen, natürlich von einer Frau.

"Tarzan bei den Affen", Stummfilm 1918.

"Tarzan bei den Affen", Stummfilm 1918.Wiki/First National Pictures Inc. "Tarzan bei den Affen", Stummfilm 1918.Wiki/First National Pictures Inc.

Sparsame Moral
Nun wird der Retter im Lendenschurz schon 100 Jahre alt. Anlass genug, sich dem "Urtarzan", den Edgar Rice Burroughs 1912 erdachte, wieder etwas anzunähern - einem Helden mit Abgründen. Einem, der Fleisch (natürlich von eigener Hand erlegt) noch zuckend und roh (fr)isst und dabei laut knurrt. Einem, der nicht bloß aus Hunger und zur Selbstverteidigung, sondern "zuweilen auch aus Vergnügen" tötet. Überhaupt ist Burroughs in seinen ersten "Tarzan"-Geschichten erfrischend sparsam mit übertrieben zivilisatorischer Moral. Sie ist für ein Überleben im Dschungel ohnedies untauglich. Auch die "afrikanische" Wildnis, die Burroughs für Tarzan erfand, hat mit der orchideenverhangenen Exotik der meisten Verfilmungen wenig gemein. Töten oder Getötet werden, Fressen oder Gefressen werden, lauten die Gesetze der grünen Hölle. Der Dschungelautokrat

Information

Edgar Rice Burroughs: "Tarzan bei den Affen", "Tarzan und die Schiffbrüchigen", "Tarzan und der Verrückte". 3 Romane in Kassette. Mit einem Nachwort von Georg Seeßlen. Übersetzt von Ruprecht Willnow, Marion Hertle und Stephan Pörtner. Illustrationen von Patric Sandri. Walde + Graf Verlag, Berlin 2012, 620 Seiten, 27,80 Euro.

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Im ersten "Tarzan"-Roman ("Tarzan of the Apes", 1912) gibt es nicht zuletzt unter Tarzans eigener "Familie" dauernd Streit: Ständig piesackt Tarzan die männlichen Anführer der Gruppe von Menschenaffen. Rächt sich der heranwachsende Junge so intuitiv für den Tod seiner Eltern, Lord und Lady Greystoke, den Anthropoiden verschuldet haben? Die Liebe seiner Affenmutter Kala, die das einjährige Menschlein "adoptiert" und aufgezogen hat, versöhnt Tarzan nicht mehr lange. Von Kala hat Tarzan seinen Namen, er bedeutet (übersetzt aus der Affen-Sprache) "Weiß-Haut". Und diese Weißhaut (die, stets der Sonne ausgesetzt, immer knackig braun ist) merkt sehr bald, dass sie anders ist. Ein schneller Verstand und Selbstvertrauen sind "Kennzeichen seines überlegenen Wesens". Außerdem verfügt Tarzan über "beträchtliche Körperkraft". Keine Frage, dass er seinen Machtanspruch unter den Affen geltend macht. Was ihn zudem leitet, ist ein "ererbter Instinkt": Tarzan fühlt sich als Angehöriger einer höheren Rasse (obwohl er bislang keinem ihrer Vertreter begegnet ist). Seine Überlegenheit beweist der "Herr der Affen" dann auch den im Dschungel heimischen Indigenen-Stämmen, die meist recht einfältig daherkommen oder gar dem Kannibalismus frönen.

Damals stieß sich kaum jemand an solch sozialdarwinistisch inspirierten Rassedünkeln, verfuhr man doch mit Amerikas Ureinwohnern, den Indianern, kaum besser. Als Angehöriger der US-Kavallerie hatte der in Chicago geborene Edgar Rice Burroughs (1875-1950) selbst an Einsätzen in den Indianergebieten teilgenommen. Aus gesundheitlichen Gründen quittierte er aber den Dienst in der Armee. Alsdann folgte eine berufliche Niederlage nach der anderen, als Cowboy, als Goldschürfer, als Eisenbahn-Polizist oder als Vertreter für Bleistiftspitzer. Sein Trost? Einer war die ausgiebige Lektüre von Pulp-Fiction-Heften. Doch sie stellten ihn bald nicht mehr zufrieden - und Burroughs griff selbst zur Feder. Freunde dieser Trivialliteratur liebten sein "Under the Moon of Mars". Noch im selben Jahr, 1912, erschien "Tarzan of the Apes. A Romance of the Jungle" in der Oktoberausgabe des New Yorker "All-Story Magazine". Die Leser waren wieder begeistert. Der Markt verlangte nach mehr und bekam es.

Zwei Dutzend "Tarzan"-Romane erschienen in den nächsten Jahrzehnten. Über 40 Kinofilme, etliche Radio-Serials, Comics und TV-Serien entstanden. Dazu kamen Tarzan-Spielzeug, Tarzan-Kleidung oder Tarzan-Eiscreme. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Und an allem verdiente Burroughs mit. Denn er war einer der Ersten, dem es gelang, die Rechte an seiner Kreation zu behalten. Noch heute wird diese von der ERB (E. R. Burroughs) Inc. weltweit vermarktet.

Göttlicher Held
Burroughs schrieb sich mit "Tarzan" aus der finanziellen wie aus der persönlichen Krise. Dass sein Held einen Sieg nach dem anderen erringt, ist durchaus als Kompensation zu lesen. Wohl auch, dass Burroughs nicht müde wird, Tarzans gottgleiche Erscheinung zu preisen, "seine aufrechte und vollkommene Gestalt". Dabei wehrt sich Tarzan gegen seine Vergöttlichung (zumeist durch naive Eingeborene). Er will ein "normaler Mensch" sein. Doch ein solcher zu werden, ist nicht einfach.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-23 19:50:09
Letzte Änderung am 2012-08-24 14:13:59


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