• vom 16.09.2012, 09:00 Uhr

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Mutter Österreicherin, Vater Angehöriger einer Besatzungstruppe

Die unsichtbare Generation


Von Barbara Stelzl-Marx

  • Das Schicksal der damals sogenannten "Soldatenkinder" wird zurzeit von der Geschichtswissenschaft erforscht.

Ursula F. hatte eine Liebesbeziehung mit dem sowjetischen Besatzungssoldaten Wladimir Kuleov. Im Oktober 1947 kam die gemeinsame Tochter Angelika auf die Welt. Als Erinnerung an ihren Vater sind ihr nur einige Fotos und Briefe geblieben. Die Suche nach ihm war bisher erfolglos.

Ursula F. hatte eine Liebesbeziehung mit dem sowjetischen Besatzungssoldaten Wladimir Kuleov. Im Oktober 1947 kam die gemeinsame Tochter Angelika auf die Welt. Als Erinnerung an ihren Vater sind ihr nur einige Fotos und Briefe geblieben. Die Suche nach ihm war bisher erfolglos.© Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung Ursula F. hatte eine Liebesbeziehung mit dem sowjetischen Besatzungssoldaten Wladimir Kuleov. Im Oktober 1947 kam die gemeinsame Tochter Angelika auf die Welt. Als Erinnerung an ihren Vater sind ihr nur einige Fotos und Briefe geblieben. Die Suche nach ihm war bisher erfolglos.© Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung

"Hast Du Dir je Gedanken gemacht, was mit mir - Deiner Tochter - geschehen wird? Hast Du Dir je Sorgen gemacht, ob ich wenigstens einen guten Stiefvater bekäme? Ich vermute fast, dass ich - Deine Tochter - für Dich mehr als tot bin, nämlich gar nie existiert habe." Das schreibt die Tochter eines britischen Besatzungssoldaten in einem Brief an ihren unbekannten "Siegervater" des Jahres 1945.

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Brigitte Rupp ist nicht allein mit ihrem Schicksal. Ab Dezember 1945 kamen in allen vier Zonen Österreichs sogenannte "Besatzungskinder" auf die Welt: als Folge freiwilliger sexueller Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und Besatzungsangehörigen, aber auch als Folge von Vergewaltigungen. Sie galten als "Kinder des Feindes", obwohl die Väter de jure keine Feinde mehr waren. Ihre "Schande" bestand darin, meist un- oder außerehelich geboren worden zu sein, aber auch darin, den "falschen" Vater zu haben.

Laut Angaben der einzelnen Bundesländer wurden zwischen 1946 und 1953 rund 8000 "Soldatenkinder", wie ein zeitgenössischer Terminus lautete, geboren. Die Gesamtzahl dürfte allerdings österreichweit bei mindestens 20.000 liegen. Schließlich gaben viele Mütter bei der Geburt den Vater als "unbekannt" an. Für Deutschland geht man von mindestens 100.000 Kindern von Besatzungssoldaten aus.

Scham und Schweigen
Trotz ihrer großen Zahl waren - und sind - die Betroffenen gleichsam "unsichtbar". Viele wurden an den Rand der Gesellschaft und Familie gedrängt, sie wuchsen bei Pflege- oder Großeltern auf und waren von einer merkwürdigen Mischung aus Tabuisierung und mysteriösen Anspielungen Außenstehender umgeben. Viele schämen sich jetzt noch, über ihre Abstammung zu sprechen, oder stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Bis heute gibt es weder in Deutschland noch in Österreich eine staatliche Einrichtung, die sich der Anliegen der Betroffenen annimmt.

Sexuelle Beziehungen zwischen einheimischen Frauen und Besatzungssoldaten bildeten ein signifikantes Phänomen der Nachkriegszeit mit unterschiedlichen Reglements: Am freizügigsten gingen französische Behörden mit dieser Begleiterscheinung der Truppenstationierung im Ausland um. Sie betrachteten - im Unterschied zu den amerikanischen und britischen Besatzern - Österreich als "befreite" und nicht als "besiegte" Nation. Somit galt von Anfang an kein "Fraternisierungsverbot". Hingegen erließ das angloamerikanische Hauptquartier am 13. Mai 1945 ein striktes "Fraternisierungsverbot", das es im Sommer 1945 lockerte und schließlich im Herbst 1945 aufhob. Auch Eheschließungen, die zunächst als die "intimste und extremste Form der Fraternisierung" verboten gewesen waren, wurden später erlaubt. Zahlreiche Frauen wanderten folglich nach Frankreich, Großbritannien oder in die USA aus; ehemalige Besatzungsangehörige dieser Nationen blieben aber auch für immer in Österreich.

Die Haltung der sowjetischen Seite stellte in diesem Zusammenhang einen Sonderfall dar. Offiziell existierte von Anfang an kein "Fraternisierungsverbot". Allerdings betrachtete der Kreml Geschlechtsverkehr zwischen sowjetischen Armeeangehörigen und nichtsowjetischen Frauen im Ausland als "politisch verwerflich". Eheschließungen waren de facto nicht erlaubt.

Die betroffenen Frauen - und ihre Kinder - wurden vielfach von der Gesellschaft ausgegrenzt: Anonyme Drohbriefe, öffentlich affichierte Schmähschriften oder in Zeitungen abgedruckte Spottgedichte fallen in diese Kategorie. Sogar gewaltsame Aktionen gegen "Ami-Bräute" wie das Abschneiden der Haare als Zeichen der Schande sind belegt. Die Beziehungen galten als Verrat, als Zeichen der Ehrlosigkeit und der nationalen Untreue. Die zentrale Metapher in diesem Zusammenhang war die "Hure", die sich für Schokolade, Nylonstrümpfe oder Zigaretten verkaufte.

Der Kabarettist Gerhard Bronner berief sich 1960 in seinem berühmten, von Louise Martini vorgetragenen Chanson "Chesterfield-Girl" auf dieses stigmatisierende Klischee: "Ich rauch immer Chesterfield, ohne überlegen, / angfangt hat’s vor vielen Jahr’n, als die Ami war’n in Wien. / Damals war a Chesterfield für mich ein Vermögen. / Und die Menschen legen für ein Vermögen sehr viel hin. // Und so legte ich mich hin für an netten GI, den traf ich in einer Bar, /und ich kriegte einen Gin, Zigaretten und dann, / wie es halt so üblich war, / an Raucherkatarrh. "

"Besatzungskinder - ein Weltproblem" betitelte die "Arbeiter-Zeitung" einen Artikel vom November 1955 und erklärte: "Wo immer ausländische Soldaten - als Verbündete oder als Eroberer - mit der Bevölkerung eines Landes Beziehungen anknüpfen, werden uneheliche Kinder geboren. Das war zur Zeit der römischen Legionen so, und daran wird sich wohl noch lange nichts ändern." Den Anlass für diese Veröffentlichung bildeten "materielle Not" und "moralische Schwierigkeiten" in Form von Diskriminierung und Stigmatisierung, worunter besonders "Mischlingskinder" in Österreich litten.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-13 18:54:08
Letzte Änderung am 2012-09-14 16:45:06


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