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Update: 17.09.2012, 14:18 Uhr

Musikgeschichte

Der Vater des Papageno




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Von Friedrich Weissensteiner

  • Vor 200 Jahren starb Emanuel Schikaneder, der eine umtriebige Figur des Wiener Theaterlebens gewesen ist. In die Geschichte ist er vor allem als Librettist von Mozarts "Zauberflöte" eingegangen.

Am 30. September 1791 fand im Theater auf der Wieden, einer kurzlebigen Wiener Vorstadtbühne, die Premiere der letzten Mozart-Oper statt. Uraufgeführt wurde im vollen Theatersaal, der etwa achthundert Zuseher fasste, das vom Komponisten selbst als "Große Oper" bezeichnete Werk "Die Zauberflöte". Mozart selbst stand am Dirigentenpult, Emanuel Schikaneder, der Textdichter und Prinzipal des Hauses, sang den Papageno, Josepha Hofer, die Schwägerin Mozarts, die Königin der Nacht. Aus späterer Sicht war diese Uraufführung ein eminent bedeutsames Ereignis in der Wiener Musikgeschichte. Die meisten Zeitgenossen haben das freilich nicht so empfunden. Die Kritiker nicht, vor allem aber nicht das Publikum. Es waren größtenteils einfache Leute, die das vier Jahre zuvor eröffnete Theater aufsuchten. Sie kamen, um sich zu unterhalten, Spaß zu haben, zu lachen und für ein paar Stunden den tristen Alltag zu vergessen.

Der Vogelfänger und die drei Damen in der "Zauberflöte"-Aufführung der heurigen Salzburger Festspiele.

Der Vogelfänger und die drei Damen in der "Zauberflöte"-Aufführung der heurigen Salzburger Festspiele.© EPA Der Vogelfänger und die drei Damen in der "Zauberflöte"-Aufführung der heurigen Salzburger Festspiele.© EPA

Das Leben in der Vorstadt war im 18. Jahrhundert alles andere als vergnüglich. Niemand wusste das besser als der Theatermacher Emanuel Schikaneder. In den von ihm selbst verfassten und inszenierten Stücken, aber auch in den Possen und Lustspielen anderer Autoren zielt der gewiefte Bühnenpraktiker auf Effekte ab. Auch bei der Erstaufführung der "Zauberflöte" lässt er es an Einfällen und technischen Tricks nicht fehlen. Er hat alles überlegt und durchdacht und mit den Mitteln der damaligen Zeit werbemäßig vorbereitet. Emanuel Schikaneder weiß, was man tun muss, um Vorstadtbewohner in das Theater zu locken. Er versteht es, sich und seine Schauspieltruppe ins rechte Licht zu setzen.

Information

Literatur: Eva Gesine Baur: Emanuel Schikaneder. Der Mann für Mozart. C. H. Beck Verlag, München 2012.

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Der große Erfolg
"Die Zauberflöte" löst beim Premierenpublikum zwar keine Jubelstürme aus, die Zuseher reagieren während der Aufführung verhalten. Der Dirigent befürchtet schon das Ärgste, aber am Ende der Vorstellung gibt es zu seiner Erleichterung freundlichen Beifall. Und auch Schikaneder atmet befreit auf. Die Zustimmung ist doch so groß, dass er im Oktober die Oper 24 Mal auf das Programm setzen kann und er spielt es in diesem Haus dann insgesamt noch 223 Mal. "Die Zauberflöte" wird ins Tschechische und Italienische übersetzt und erobert vom kleinen Vorstadttheater in Wien aus eine Bühne nach der anderen. Aus Frankfurt am Main berichtet am 9. November 1793 Goethes Mutter ihrem Sohn nach Weimar: "Neues gibt’s hier nichts, als dass die Zauberflöte 18 mahl ist gegeben worden - und das Haus immer gepfropft voll war - kein Mensch will von sich sagen lassen - er hätte sie nicht gesehn - alle Handwerker - Gärtner - ja sogar die Sachsenhäußer - deren ihre Jungen die Affen und Löwen machen gehen hinein so ein Specktakel hat mann hier noch nicht erlebt . . . "

Auch Goethe selbst bringt in seiner Amtszeit als Theaterdirektor in Weimar die Oper zur Aufführung. Allerdings in einer von seinem Schwager Christian Vulpius textlich stark veränderten Fassung, die Schikaneder keineswegs gefällt. Aber es wird ein Erfolg. Der Theaternarr aus Straubing kann zufrieden sein. Finanziell ist er zumindest vorübergehend aus dem Wasser. Der zuletzt schwer verschuldete Mozart hat nichts mehr davon. Er ist am 5. Dezember 1791 in seinem letzten Domizil, in der Rauhensteingasse Nr. 8, am "hietzigen Frieselfieber", wie es im Totenbeschauprotokoll heißt, gestorben.

Schikaneder trauert um seinen Freund und Logenbruder. Die Zusammenarbeit mit ihm ist leider nur kurz, aber dafür ausgesprochen einträchtig gewesen.

Das Theater auf der Wieden, in dem eine der erfolgreichsten Mozart-Opern aus der Taufe gehoben wurde, war Teil eines riesigen Zinshauskomplexes vor dem Kärntnertor am rechten Wienflussufer auf dem Areal zwischen der heutigen Operngasse, der Margareten- und der Wiedner Hauptstraße.

Das auf einem Grundstück der Familie Starhemberg errichtete, mehrmals auf- und umgebaute Freihaus in der Vorstadt Wieden war das größte Mietzinshaus im Umfeld der kaiserlichen Residenzstadt. Es beherbergte in 225 Wohnungen, die auf 32 Stiegen verteilt waren, bis zu eintausend Bewohner: Künstler, niedrige Beamte, Kleinhändler, kleine Geschäftsleute und Handwerker. Die Unterkünfte bestanden größtenteils aus Zimmer, Küche und Kabinett, die größeren Wohneinheiten blieben den sogenannten Herrschaften vorbehalten.

Die Wohnsiedlung war materiell autark. Im Erdgeschoss der insgesamt sechs Innenhöfe befanden sich mehrere Gasthäuser, eine Bäckerei, Schuster- und Tischlerwerkstätten, ein Sattler, ein Schmied, ein Seifensieder und ein Mühlereibetrieb. Es gab eine eigene Apotheke, eine Schule, eine Kirche und eben auch ein Theater. Zugänglich war der Wohnhauskomplex durch vier Tore, die abends geschlossen und bewacht wurden.

Auch Schikaneder bezog dort mit seiner Frau eine Wohnung, als er die Leitung des Theaters übernahm, Mozart ging bei seiner Schwägerin, die mit ihrer Familie in der Anlage wohnte, ein und aus. Als er einmal in seiner Stadtwohnung vor verschlossenen Türen stand, suchte er die Hofers auf und fand dort eine liebevolle Aufnahme.

Emanuel Schikaneder 1791 als Ur-Papageno. Bild: Wikimedia Commons

Emanuel Schikaneder 1791 als Ur-Papageno. Bild: Wikimedia Commons© Wikimedia Commons Emanuel Schikaneder 1791 als Ur-Papageno. Bild: Wikimedia Commons© Wikimedia Commons

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Dokument erstellt am 2012-09-14 16:18:15
Letzte Änderung am 2012-09-17 14:18:57



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