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Update: 28.09.2012, 14:47 Uhr
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"Gruß an einen Bekannten"


Von Ulrich Zander

  • Eine Episode aus dem Kalten Krieg: Der Sowjetagent Bogdan Staschinskij hatte in München zwei ukrainische Exilpolitiker mit einer Giftpistole getötet. Von einem deutschen Gericht wurde er dafür äußerst milde bestraft.

Am 12. Oktober 1957 verlässt ein glatzköpfiger Herr am Münchner Karlsplatz die Straßenbahn. Derweil lauert ein junger Mann im Treppenhaus des Gebäudes der sowjetfeindlichen Zeitschrift "Suchasna Ukraina" auf Chefredakteur Lew Rebet, den Kopf der ukrainischen Nationalbewegung. Als das Opfer nahe genug herangekommen ist, betätigt der Killer den Auslöser seiner Spezialwaffe. Kaum hörbar entlädt sich ein feiner Strahl Flüssigkeit in das Gesicht des Exilpolitikers. Rebet stirbt auf der Stelle.

Bogdan Staschinskij in jungen Jahren.

Bogdan Staschinskij in jungen Jahren.© Sammlung C. Volant Bogdan Staschinskij in jungen Jahren.© Sammlung C. Volant

Der Täter drückt ein Tuch vors Gesicht, eilt ins Freie und inhaliert die Dämpfe eines Gegengiftes, nachdem er schon zuvor ein schützendes Medikament eingenommen hatte. Nach dem Mord wirft er die Waffe - eine Leichtmetall-Rohrkonstruktion zum Abfeuern von Blausäure aus der Werkstatt des sowjetischen Geheimdienstes KGB - in den Köglmühlbach.

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Der Mörder fährt nun mit der Bahn nach Frankfurt am Main und fliegt am folgenden Tag nach West-Berlin. Von dort begibt er sich nach Karlshorst, zum KGB-Hauptquartier im Ostteil der geteilten Stadt, wo er erfährt, dass der Tod des Regimekritikers von den Behörden als Folge eines Herzleidens angesehen wurde: das perfekte Verbrechen.

Information

Literatur:
Helmut Höfling: Späher, Spitzel und Spione. Ensslin und Laiblin Verlag 1989.
Martin Arz: Todsicheres München, Hirschkäfer Verlag 2009.

Der Weg zum Agenten
Im Sommer 1950 wurde der Lehrerstudent Bogdan Nikolaijewitsch Staschinskij, geboren 1931 bei Lemberg, als Schwarzfahrer erwischt. Ein Offizier der Transportpolizei - Ableger des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes - drohte mit Repressalien gegen die mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisierende Familie.

Plötzlich ändert der Verhörspezialist seine Taktik, sagt, all das könne er vermeiden, wenn er "einer von uns" werde. Bogdan unterschreibt die Verpflichtungserklärung. Von nun an verfasst er Spitzelberichte über antikommunistische Aktivitäten, bewegt sich unter ukrainischen Nationalisten und liefert mindestens einen davon ans Messer. Drei Jahre lang wird der inzwischen überzeugte Jungkommunist mit allen Tricks der "Schlapphutbranche" vertraut gemacht. Er lernt Deutsch und lässt sich 1954 als "Josef Lehmann" in der DDR nieder, zuerst in Dresden, dann in Berlin. Er macht "Dienstreisen" in den Westen, kümmert sich um "tote Briefkästen" und unterweist neue Agenten in Chiffriertechniken.

Bogdan besitzt eine eigene Wohnung in Ost-Berlin und reichlich Geld. Zur Tarnung arbeitet er als Automechaniker, später als Dolmetscher. Sein gutes Aussehen, die geschmackvolle Kleidung, das gewandte Auftreten und seine aufmerksame Art beeindrucken die 21-jährige Inge Pohl. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Pflichtgemäß meldet Bogdan seine Eroberung den Vorgesetzten. Eine langwierige Überprüfung ergibt, dass die Friseurin keine amerikanische Spionin ist. Die Liaison wird geduldet.

Im Frühjahr 1957 erhält Staschinskij den Mordauftrag Rebet. Er reist wiederholt nach München, um dessen Umfeld auszuforschen. Nach dem erfolgreichen "Gruß an einen Bekannten", wie politischer Mord im KGB-Jargon hieß, nahm Bogdan als Anerkennung eine Kamera entgegen. 1959 akzeptiert er einen weiteren "ehrenvollen Auftrag": die Liquidierung des Stepan Bandera. Der galt im Westen als "Pfahl im Fleisch der Sowjetunion". Der Ex-Nazikollaborateur mit mörderischer Vergangenheit war nun Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten. Er hatte enge Kontakte zu westlichen Diensten und betreute in der Sowjetunion operierende Westagenten.

Beim Versuch, in Banderas Wohnhaus zu gelangen, brach der in Moskau angefertigte Schlüssel entzwei. Eine gute Gelegenheit, sein Opfer in dessen offen stehender Garage zu töten, hatte Staschinskij nicht genutzt. Denn der KGB-Mann wurde zunehmend von Selbstzweifeln gepeinigt. Aus Angst, Inge könne ihn verlassen, wagte er jedoch nicht, ihr sein wahres Ich zu offenbaren.

Der letzte Mord
Am 15. Oktober 1959 siegt das "Pflichtgefühl" ein letztes Mal. Mit Hilfe eines neuen Dietrichs vom "Moskauer Schlüsseldienst" gelangt er ins Treppenhaus des Mietshauses in der Kreittmeyr-straße. Als Bandera versucht, die Wohnungstür zu öffnen, drückt Staschinskij ab. Erst viel später ziehen die Ermittler ein Verbrechen in Erwägung, da Glassplitter (von der zerplatzten Giftampulle) im Gesicht des Toten entdeckt wurden. Als Bogdan in der Wochenschau Bilder der weinenden Witwe mit den Kindern am Sarg seines Opfers sieht, verlässt er schluchzend das Kino. Der Killer ist "weich" geworden. Seine Vorgesetzten ahnen davon nichts.

Im Dezember 1959 wird der Doppelmörder in Moskau von KGB-Chef Alexander Nikolajewitsch Schelepin persönlich empfangen und bekommt den "Orden des Roten Banners" an die Brust geheftet. Bogdan nutzt die wodkaselige Stimmung, um eine Heiratserlaubnis zu erhalten. Schelepin stellt die Genehmigung in Aussicht. Voraussetzung sei jedoch ein Umzug an die Moskwa, "um aus Inge eine anständige Sowjetbürgerin zu machen".

Bogdan hatte ihr inzwischen, sie wohnten nun tatsächlich in Moskau, sein Doppelleben - allerdings ohne die Morde - gestanden. Inge war entsetzt, forderte die sofortige Übersiedlung in den Westen, hielt ihm jedoch, als er das ablehnte, aus Liebe die Treue. In der grauen Mangelgesellschaft der UdSSR wirkten die obligatorischen Besichtigungen von Indus-triewerken, Kolchosen, Neubausiedlungen, Schulen und Revolutionsgedenkstätten anders als vom KGB erhofft. "Eines Tages wirst du aufwachen und geheilt sein", prophezeite Inge ihrem Joschi. Das Unbehagen der beiden wuchs ins Unerträgliche, als Bogdan auf der Jagd nach krabbelnden Wanzen deren elektronische Vettern am Bettgestell entdeckte und feststellen musste, dass seine Post geöffnet worden war.

Der ukrainische Journalist Lew Rebet war eines von Staschinskis Opfern.

Der ukrainische Journalist Lew Rebet war eines von Staschinskis Opfern.© Süddeutscher Verlag Der ukrainische Journalist Lew Rebet war eines von Staschinskis Opfern.© Süddeutscher Verlag




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-27 18:59:10
Letzte Änderung am 2012-09-28 14:47:38


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