• vom 05.10.2012, 14:00 Uhr

Vermessungen

Update: 05.10.2012, 16:29 Uhr

Reportage

"Die Müllhalde der Türkei"




  • Artikel
  • Fotostrecke
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bettina Figl

  • Die Bewohner Nord-Zyperns fühlen sich von allen Seiten im Stich gelassen - und von einer Wiedervereinigung ist die geteilte Insel weit entfernt. Ein Lokalaugenschein.

Einige Monate hat Simoni Symeonidou in der Pufferzone gelebt, heute erinnert nur noch das besprayte Tor an die "Occupy"-Bewegung. - © (c) Figl

Einige Monate hat Simoni Symeonidou in der Pufferzone gelebt, heute erinnert nur noch das besprayte Tor an die "Occupy"-Bewegung. © (c) Figl

In der Altstadt der zypriotischen Hauptstadt Nikosia sitzen Menschen spätabends in Tavernen unter Weinlauben oder schlecken Eis auf Parkbänken. Die Zyprioten genießen die Abkühlung in den Abendstunden, denn auch im Herbst ist es hochsommerlich heiß.

Das Bild vom florierenden Nachtleben ändert sich schlagartig, überquert man den Grenzposten auf der Einkaufsmeile Ledra Richtung Norden: kaputte Wege, geschlossene Lokale. "Pseudo-Staat" und "Schande für Europa": Die Bewohner Nord-Zyperns fühlen sich von allen Seiten im Stich gelassen: Von der Türkei, die kolonialherrschaftlich von Ankara aus die Fäden zieht; von den Griechisch-Zyprioten im Süden, die 2004 gegen eine Wiedervereinigung gestimmt haben; und von der EU, die - so die Meinung vieler - Mitschuld an der Pattsituation hat.

Information

Zur Zweiteilung Zyperns kam es 1974, als türkische Truppen als Reaktion auf den Versuch griechisch-zypriotischer Nationalisten, die Insel mit Griechenland zu vereinigen ("Enosis"), den Norden besetzten. Seither ist Zypern als einziges europäisches Land zweigeteilt: Offiziell ist die gesamte Insel seit 2004 Teil der EU, im von türkischen Truppen okkupierten Norden, der etwa 36 Prozent der Insel ausmacht, wird EU-Recht jedoch nicht angewandt. Der ungelöste Zypern-Konflikt ist Grund dafür, dass die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU auf Eis gelegt sind. Von 1878 bis 1960 war die Insel eine britische Kolonie, bis heute gibt es zwei britische Militärbasen. Derzeit befinden sich etwa 50.000 türkische Soldaten im okkupierten Teil. Die UNFICYP in Zypern ist (nach jenen in Israel und Indien) die drittälteste noch bestehende Friedensmission der Vereinten Nationen (UN). Die Pufferzone erstreckt sich über 160 Kilometer, an manchen Stellen ist sie drei Meter, an anderen sieben Kilometer breit. Die Zahl der UN-Soldaten ist in den vergangenen Jahren auf 860 geschrumpft, unter ihnen befinden sich zur Zeit vier Österreicher. Dieser Artikel ist im Rahmen des EU-Projekts "Eurotours" zum Thema "Europäischer Frühling? Zwischen Bürgerprotest und Demokratiekrise" entstanden.



© GRAPHIC NEWS © GRAPHIC NEWS

Die 28-jährige Simoni Symeonidou kennt die Insel nur zweigeteilt. Die Grenze in den Norden übertrat die griechische Zypriotin erstmals 2003, als der Check Point beim Ledra Palace - dem einst prächtigsten Hotel der Insel - geöffnet wurde. Damals stellte ihre Mutter erstaunt fest: "Der Norden ist wie der Süden vor dreißig Jahren, als wäre die Zeit stehen geblieben." In den vergangenen zehn Jahren hat sich zwar einiges getan, doch eine Konstante gibt es: Die Grüne Linie, die Nord und Süd trennt.

Sener Levent, Chefredakteur der nordypriotischen Tageszeitung "Afrika", auf seinem Schreibtisch zwischen dem Bildschirm der Überachungskamera und Papierstapeln.

Sener Levent, Chefredakteur der nordypriotischen Tageszeitung "Afrika", auf seinem Schreibtisch zwischen dem Bildschirm der Überachungskamera und Papierstapeln.© (c) Figl Sener Levent, Chefredakteur der nordypriotischen Tageszeitung "Afrika", auf seinem Schreibtisch zwischen dem Bildschirm der Überachungskamera und Papierstapeln.© (c) Figl

Als junge Menschen Anfang 2012 in Anlehnung an die weltweiten Occupy-Bewegungen die UN-Pufferzone besetzten, war die junge Künstlerin Symeonidou dabei: "Wir haben geschafft, was die Politik nicht schafft", erzählt sie mit glänzenden Augen. Knapp sechs Monate lang lebte die junge Künstlerin mit anderen Aktivisten in der Pufferzone; erst in Zelten, später besetzten sie ein Haus. Sie organisierten Diskussionen, Tangokurse, Film- und Poesieabende: "Diese Zeit hat mein Leben verändert", sagt der 23-jährige Türkisch-Zypriote Ediz Arcu. Vorher kannte der Webdesigner mit Piratentuch niemanden im Süden, heute trifft er seine Freunde fast täglich vor der Phaneromeni Kirche in Nikosia. Sie verständigen sich auf Englisch, und wie viele trauert Arcu der Besetzung nach, die - angeblich gewaltsam - durch die griechisch-zypriotische Polizei zerschlagen wurde.


Drohung der UN
Heute erinnert nur noch ein blechernes Tor mit der Aufschrift "Illusion - We want to live together" an die Proteste. Die Vereinten Nationen sympathisierten mit der Bewegung, sagt Michel Bonnar-deaux, Sprecher der UN-Friedensmission auf Zypern. Die Aussichtsposten entlang der Pufferzone sind verwaist, inzwischen gehen die Soldaten nur noch auf Patrouille. Knapp 57 Millionen Dollar kostet der Einsatz jährlich. Um einer Lösung in der Zypern-Frage näher zu kommen, drohte die UN, man werde diese Summe nicht ewig bezahlen. Die Republik Zypern reagierte darauf, indem sie für ein Drittel selbst aufkommt. "Das ist ihre Lösung", sagt Bonnardeaux mit zynischem Unterton.

Über den ungelösten Konflikt habe die EU "viel hinweggeschaut", sagt die fraktionslose EU-Parlamentarierin Angelika Werthmann. Die österreichische Politikerin erhebt in ihren parlamentarischen Anfragen regelmäßig ihre Stimme für Zypern. Der Vorwurf der Untätigkeit der EU in Nordzypern stimme jedoch nicht, sagt sie: Zwischen 2006 und 2011 wurden 259 Millionen Euro für den wirtschaftlichen Aufbau zur Verfügung gestellt, das Budget für 2013 wird derzeit verhandelt.

Fast alle Insulaner wollen die Wiedervereinigung, wie sie sagen. Doch 2004 bat Zyperns damaliger Präsident Tassos Papadopoulos sein Volk in einer Fernsehansprache unter Tränen, dem Annan-Plan - ausgearbeitet vom seinerzeitigen UN-Generalsekretär Kofi Annan - nicht zuzustimmen.

76 Prozent der Griechisch-Zyprioten folgten seinem Aufruf und stimmten in einer Volksabstimmung gegen den Plan zur Wiedervereinigung. Als Gründe gelten die als unzureichend angesehene Kompensationen der Vertriebenen von 1974 sowie mangelhafte Rechte, in die ursprüngliche Heimat zurückkehren zu dürfen. Viele türkischstämmige Zyprioten sprechen heute von Vertrauensbruch, und Mehmet Talat, ehemaliger "Präsident" Nordzyperns, sagt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Jedes Mal, wenn ich die Grenze auf der Ledra Straße überschreite, gebe ich ihnen die Schuld".

Als Talat Präsident war, verhandelte er mit Dimitris Christo-fias, der seit 2008 Präsident der Republik Zypern ist. Sie seien die "Führer der Lösung" gewesen, sagt Talat nicht ohne Stolz - doch diese ist heute so weit entfernt wie eh und je. Derzeit wird nur auf Repräsentativebene verhandelt. Offiziell sind die gescheiterten Gespräche der Grund, warum Christofias bei den Wahlen 2013 nicht mehr antreten wird. Tatsächlich soll die Explosion des Kraftwerks Vassilikos dahinterstecken, bei der im Sommer 2011 zwölf Menschen getötet wurden. In den explodierten Containern befanden sich illegale Waffen aus dem Iran, die für Syrien bestimmt waren. Den Schaden schätzt Andreas Theophanous, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Nikosia, auf zwei Milliarden Euro.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Reportage, Türkei, Extra, Zypern

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-10-04 18:51:18
Letzte nderung am 2012-10-05 16:29:47



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Das Janusgesicht der Melancholie
  2. "Zuerst stoßen sie immer auf ein Schweigen"
  3. Kampfkunst als Psychotherapie
  4. "Ich bin Katholik mit einem
    heidnischen Hang"

Werbung




Werbung


Werbung