• vom 05.10.2012, 14:00 Uhr

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Update: 05.10.2012, 14:01 Uhr
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Ein freier Staat auf Raten


Von Martin Heintel

  • Der Kosovo ist nach wie vor ein gefährdetes Land, das zwar von internationalen Organisationen unterstützt, vom einstigen Mutterland Serbien jedoch nicht als eigenständiger Staat anerkannt wird.

Der weit verbreitete Witz im Kosovo, dass ein Politiker, Geschäftsmann und Polizist ein und dieselbe Person ist, wird schon beim Grenzübertritt mit unserem Reisebus augenscheinlich. Während ein anderer Bus problemlos und flott die Grenze von Albanien in den Kosovo passiert, sitzen wir fest. Unser mazedonischer Fahrer, auf das Phänomen angesprochen, erwiderte lapidar: "Die haben bezahlt!" Obwohl bereits aufgrund brütender Hitze viele Wasserflaschen von uns an die Zöllner verteilt wurden, um die Amtshandlung in Fluss zu halten, hörten wir von diesen ein mantraartiges "coffee!", das Codewort für Geld, das auch bei den zahlreichen Polizeikontrollen gerne ausgesprochen wird. Um unseren nächsten Termin - bei der Kosovarischen Zollbehörde in Prishtina - pünktlich einhalten zu können, sammelten wir im Bus "Kaffeegeld", und wie durch Zauberhand waren wieder alle Pässe bei uns.

Der "Boulevard Bill Clinton" in der Hauptstadt Prishtina . . .

Der "Boulevard Bill Clinton" in der Hauptstadt Prishtina . . .© Heintel Der "Boulevard Bill Clinton" in der Hauptstadt Prishtina . . .© Heintel

Der Sprecher der Zollbehörde, auf dieses Phänomen angesprochen, meinte, dass seit dem Aufbau der Grenzkontrollen bereits über 200 korrupte Grenzbeamte ausgetauscht wurden und zusätzlich eine Servicehotline zur Verfügung stünde, um genau über solche Fälle sofort berichten zu können. Leider hatten wir diese Telefonnummer bei unserer Ausreise nach Mazedonien nicht bei der Hand, dort warteten wir, bis das Wasser zur Neige ging, und es allen Beteiligten zu heiß wurde. . .

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Unklare Grenzen
Kosovo ist ein Schleusenland, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Während es im Süden offizielle bilaterale Grenzen und Grenzübergänge gibt, wie wir sie von vor 1989 kennen, gibt es diese im Norden nicht. Da das "Mutterland" Serbien den Kosovo nicht als eigenstaatlich anerkennt, gibt es im Norden keine Grenzübergänge im üblichen Sinn. Organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Handel mit Drogen, Waffen und Treibstoff gehören zum Tagesgeschäft. Auffällig die Dichte des Tankstellennetzes, das weit jenseits des täglichen Bedarfs liegt und auf hintergründige Geschäfte abseits der Mineralölindustrie schließen lässt.

Der Kosovo ist ein De-facto-Regime, deutsche Medien sprechen sogar von einem Failed State, dessen völkerrechtlicher Status umstritten ist. Nach dem Krieg im Jahr 1999 wurde der Kosovo unter die Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen gestellt, die Unabhängigkeitserklärung des Parlaments folgte im Jahr 2008. Dennoch weigern sich zahlreiche Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen bis heute, die deklarierte Unabhängigkeit der Republik Kosovo anzuerkennen. Serbien hingegen betrachtet den Kosovo nach wie vor als eigene autonome Provinz.

. . . und auch das "Hotel Victory" in Pristhina gibt sich amerikanisch.

. . . und auch das "Hotel Victory" in Pristhina gibt sich amerikanisch.© Heintel . . . und auch das "Hotel Victory" in Pristhina gibt sich amerikanisch.© Heintel

Viereinhalb Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung wurde das Büro der Internationalen Zivilverwaltung (ICO) Mitte September 2012 geschlossen. Die Balkanrepublik ist nun auch formell selbstständig. Die ICO überprüfte die Einhaltung des bereits 2007 vorgelegten Ahtisaari-Planes. Nach diesem sollte es dem Kosovo erlaubt sein, eigene nationale Symbole zu führen und auch eigenständiges Mitglied in internationalen Organisationen zu werden. Die Basis dafür sollte in einer international überwachten Unabhängigkeit liegen. Trotz Schließung dieser Einrichtung bleibt der Kosovo ein freier Staat auf Raten und die NATO vor Ort.

Laut Diskussionen mit unterschiedlichen nationalen wie internationalen Einrichtungen im Kosovo ist die Bevölkerung des Nordens gespalten, zumindest befangen. Berichten zufolge sind die Sozialleistungen und auch das Gesundheitswesen, die im Norden von Belgrad für die serbischen Minderheiten (mit)finanziert werden, besser als im Rest des Landes. Die Europäische Mission steht somit zumindest in Teilen des Landes in Konkurrenz zu einer Realsituation, die "von außen" bewusst beeinflusst wird. Serbien verfolgt eine Doppelstrategie: EU-Integration und das Behalten des Kosovo als eigener Provinz werden gleichzeitig angestrebt. Kosovo liebäugelt hingegen mit einer NATO-Mitgliedschaft.

Im Norden des Landes gibt es daher zwangsläufig zahlreiche Parallelstrukturen. Zivilschutz, Schulen und Ausbildung sowie Krankenhäuser werden zum Teil von Belgrad finanziert. Schulbücher transportieren im Norden des Kosovo andere Inhalte als im Süden des Landes. Dementsprechend gehen auch Lehrmeinungen und das Geschichtsverständnis auseinander. Auch die Kosovo-Police soll im Norden des Landes Gehalt sowohl aus Prishtina wie Belgrad beziehen, das Amtshandeln der Polizei gegenüber Kosovo-Albanern divergiert also von dem gegenüber der serbischen Minderheit. Es gibt somit zahlreiche Profiteure der Instabilität, die serbischen Minderheiten sehen sich wiederum durch Prishtina majorisiert und in ihren Rechten ungenügend unterstützt.

Das Volk ist in vielerlei Hinsicht in sich gespalten. Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahren, ein sehr untypisches Bild der Altersverteilung im europäischen Vergleich. Ältere leben und arbeiten vielfach im Ausland, vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA. Schätzungen der Weltbank zufolge leben im Kosovo 88 Prozent Albaner, sieben Prozent Serben und die restlichen fünf Prozent stammen aus anderen ethnischen Gruppen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-05 13:59:12
Letzte Änderung am 2012-10-05 14:01:49


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