• vom 02.11.2012, 14:10 Uhr

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Update: 03.10.2014, 14:44 Uhr

Sachbuch

Das Unsichtbare wird sichtbar




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Von Bettina Figl

  • Das Unsichtbare wird sichtbar
  • Kann man an einem Ort wie Mauthausen leben, und wie soll man mit seiner Vergangenheit umgehen? Ein Besuch der Schauplätze von Johann Epples Roman "Gesternstadt".

Es ist eine herrschaftliche Villa, die dem Besucher weiß verputzt entgegen strahlt. Der Rasen ist fein getrimmt, eine zwei Meter hohe Mauer umrahmt das Grundstück, auf dem sich das größte Haus des Ortes befindet. Durch ein Stahltor blickt man auf den englischen Garten und einen Kiesweg, der zum Haus führt. Dieses markierte einst den Eingang zum Konzentrationslager Gusen I. Die Nazis nannten das Gebäude "Jourhaus", hier wurde den Menschen die Köpfe rasiert und Goldzähne ausgeschlagen. Heute befindet sich das Haus in Privatbesitz, eine Familie lebt darin.

Bernhard Mühleder, Mitarbeiter der Gedenkstätte Mauthausen, vor dem "Jourhaus" in Gusen, mit einem Bild desselben Gebäudes während der NS-Zeit: Das Haus markierte den Eingang zum KZ Gusen I.Heute befindet sich das Haus in Privatbesitz.

Bernhard Mühleder, Mitarbeiter der Gedenkstätte Mauthausen, vor dem "Jourhaus" in Gusen, mit einem Bild desselben Gebäudes während der NS-Zeit: Das Haus markierte den Eingang zum KZ Gusen I.Heute befindet sich das Haus in Privatbesitz.© Foto: Labor Verlag/E. Pruckner Bernhard Mühleder, Mitarbeiter der Gedenkstätte Mauthausen, vor dem "Jourhaus" in Gusen, mit einem Bild desselben Gebäudes während der NS-Zeit: Das Haus markierte den Eingang zum KZ Gusen I.Heute befindet sich das Haus in Privatbesitz.© Foto: Labor Verlag/E. Pruckner

Wie kann man hier leben? Diese Frage stellt sich nicht nur beim Jourhaus. Wo sich der heutige Ort Gusen erstreckt, stand einst Gusen I, eines von neun Nebenlagern des KZ Mauthausen. Unter den Häftlingen galt Gusen I als Endstation.

Information

Johannes Epple: Gesternstadt. Roman, Labor Verlag, Wien 2012.


37.000 Menschen wurden hier ermordet. Die Geschichte ist in dem oberösterreichischen Dorf allgegenwärtig: In der "Grimm-Villa", wo der hochrangige SS-Offizier und Verwalter des Steinbruches des KZ Mauthausen residierte, lebt heute der Bürgermeister von Mauthausen. Auf der Veranda des ehemaligen Bordells für privilegierte Häftlinge, die "Kapos", sitzt ein älterer Mann in der Herbstsonne. Kein Museum, keine Gedenktafeln weisen auf die Geschichte der Gebäude hin, einzig das Memorial inmitten einer Wohnsiedlung fungiert als Mahnmal. Die ehemaligen Verwaltungsgebäude der SS verfallen allmählich, der Denkmalschutz blieb bisher untätig. In den 1980er-Jahren lebten in diesen Bauten türkische Gastarbeiter, sie arbeiteten in den Steinbrüchen des "Wiener Grabens", wo einst die KZ-Häftlinge Steine über die sogenannte "Todesstiege" schleppen mussten.

Spottbilliger Baugrund
Nach dem Krieg war der Baugrund in Mauthausen und Gusen spottbillig, drei bis fünf Schilling kostete der Quadratmeter. Einige Menschen sind nach 1945 zugezogen, andere leben schon immer da. Was ist, wenn man hier aufgewachsen ist, seine Kindheit in Mauthausen verbracht hat? Darf man einen Ort lieben, an dem das größte Verbrechen der Menschheit stattfand?

Diese Fragen veranlassten Johannes Epple, einen Roman über den Ort seiner Jugend zu schreiben. Der Autor ist 1982 geboren und in Mauthausen aufgewachsen, zum Studieren ging er nach Wien und ist geblieben. Das Material seines Romans "Gesternstadt" ist verstörend, macht nachdenklich, mitunter auch zornig. Epple beschwört beim Leser jenes Gefühl herauf, mit dem die heutigen Ortsbewohner permanent leben: Kann man die Vergangenheit denn nicht einmal ruhen lassen? Die Verneinung dieser Frage ist eine der wenigen Antworten, die Epple in seinem Roman gibt.

Die Orte sind real, die Geschichte fiktiv; dass diese dennoch lebensnah ist, resultiert aus Epples Recherche: er sprach mit Menschen aus der Gegend, zog Experten der Gedenkstätte Mauthausen zurate. Hauptprotagonist des Romans ist Paul, eines der "drei Kinder vom Riederbach", die längst keine Kinder mehr sind. Er, seine Cousine Mara und sein Freund Sebastian sind um die 30, Paul kehrt nach vielen Jahren in Berlin zurück, da sein Onkel Michael im Sterben liegt. Mit Pauls Rückkehr wird alles anders: Sebastian und Mara sehen sich plötzlich mit der Vergangenheit konfrontiert - und mit der Zukunft.

Im Zentrum steht die Frage, was nach Michaels Tod mit dem Haus am Riederbach geschehen soll. Abreißen, fordert Michael, dem es zunehmend schlechter geht. Mara indes will das Haus nicht aufgegeben, all die Jahre hat sie sich darum gekümmert, hier haben sie ihre Kindheit verbracht.

Diese wohl widersprüchlichste Figur beschreibt Mauthausen als einen Ort, "an dem es kein richtig oder falsch gibt". Auch der Gedanke, das Haus in eine Gedenkstätte umzuwandeln, behagt ihr nicht: "Wir leben in einem Museum. Dennoch sprechen wir von unserer Zukunft. Zukunft bedeutet handeln. Zukunft bedeutet verändern. Zukunft bedeutet schaffen. Und das soll in einem Museum möglich sein?"

Paul will von Michael mehr über die Vergangenheit erfahren, doch Michael verbirgt ein Geheimnis, auch er hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus schuldig gemacht. Pauls Jugendfreund Sebastian sucht ebenfalls nach Erklärungen, doch sein Großvater starb früh. Um diesem näher zu sein, trat er in seine Fußstapfen und wurde Steinmetz. Sebastian hat Schuldgefühle, denn wie kann er mit Stein arbeiten, mit jenem Material, das die Nazis in diese Gegend trieb und so viele Menschen in den Tod?

Immer wieder fließen in "Gesternstadt" Fiktion und Realität ineinander, etwa wenn Paul von einem Firmengelände in Gusen vertrieben wird. Tatsächlich stehen in Gusen Schilder, die besagen, das Betreten der Privatwege sei verboten. Im Roman wollen die Angestellten den Auftrag ihrer Vorgesetzten erfüllen, indem sie Passanten verscheuchen, und Paul denkt: "Das sind die gefährlichsten Menschen, die es gibt."

Besucht man im realen Leben das Gasthaus Kreuzmühle unweit des Wiener Grabens, sagt der 72-jährige Wirt Hans Hannl über die SS: "Das waren Befehlsempfänger." Er sitzt in seiner Gaststube und klimpert mit dem Teelöffel nervös gegen die Kaffeetasse. Ihm ist anzumerken, dass er nicht gerne über dieses Thema spricht. Dennoch tut er es. Er hat sich daran gewöhnt, dass die Menschen ihm Fragen stellen. Das Gasthaus befindet sich seit jeher in Familienbesitz und liegt nur einen Steinschlag vom KZ Mauthausen entfernt. Hier tranken die SS-Soldaten nach Dienstschluss ihre Biere. 8000 von ihnen waren in Mauthausen und den Nebenlagern beschäftigt, das Wirtshaus war jeden Abend voll. "Privat waren sie die besten Haberer", sagt er. Hat er gewusst, was hier geschieht? "Jeder hat es gewusst", erzählt Hannl. Man habe Schreie gehört, es habe nach verkohlten Leibern gerochen. Fragt man ihn, wie es ist, hier zu leben, zuckt er mit den Schultern und sagt: "Es ist, als würde man neben einem Friedhof leben."

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-11-02 14:17:07
Letzte ─nderung am 2014-10-03 14:44:07



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