• vom 11.01.2013, 13:10 Uhr

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Hundert Jahre Nationalstolz




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Von Wolfgang Bahr

  • Das 1912 erbaute Gemeindehaus der Stadt Prag ist der Stein gewordene Anspruch der Tschechen auf einen eigenen Staat. - Und der wurde hier auch tatsächlich gegründet.

Fragt man Touristen aus Österreich, was sie in Prag gesehen haben, so werden nur wenige spontan das Obecní d?m nennen. Das Gemeindehaus liegt zwar strategisch an einem durchaus markanten Ort der Stadt, am nordöstlichen Ende des Grabens (Na p?íkop?); vom dort befindlichen Pulverturm nimmt der Königsweg seinen Anfang, auf dem einst die Herrscher quer durch die Altstadt und über die Karlsbrücke auf den Hradschin zogen, um sich im Veitsdom zum König von Böhmen krönen zu lassen.

Das Gemeindehaus mit der reich verzierten Kuppel, links daneben der Pulverturm.

Das Gemeindehaus mit der reich verzierten Kuppel, links daneben der Pulverturm.© Foto: J. Royan/Wikimedia Das Gemeindehaus mit der reich verzierten Kuppel, links daneben der Pulverturm.© Foto: J. Royan/Wikimedia

Doch dominiert das Gebäude den Blick weder vom Graben noch vom Platz der Republik her, unter dem sich eine Metro-Station befindet. Die Architekten, der in ?eský Brod geborene Antonín Balánek und der in Enns zur Welt gekommene Osvald Polívka, lösten das Problem, indem sie den stumpfen Winkel der Hauptfassade mit einer hohen Kuppel und einer reich verzierten Altane versahen. Es lohnt sich, den Eingangsbereich mit seiner reichen Symbolik zu betrachten.


Reiche Symbolik
Am auffälligsten ist das gewaltige Glasmosaik der Huldigung an das slawische Prag von Karel pillar. Die Lünette ist von einem Spruchband umfasst, in dem die Stadt aufgefordert wird, der "bösen Zeit" zu widerstehen, wie sie dies seit Alters her getan habe. Zwei - Demütigung und Auferstehung des tschechischen Volkes darstellende - Figurengruppen von Ladislav aloun, dem Schöpfer des Hus-Denkmals auf dem Altstädter Ring, verleihen der Botschaft Nachdruck. Das Glasmosaik erinnert an jenes über dem alten Hauptportal des Veitsdoms, der im Hintergrund, noch ohne ausgebautes Hauptschiff, abgebildet ist, und die zentrale Figur, die an die Seherin Libussa erinnert, hält in den Händen die Wenzelskrone. Der jugendliche Reiter links von ihr kann als Fürst Wenzel interpretiert werden, und rechts deutet ein Geigenspieler darauf hin, dass das Repräsentationshaus auch ein Musentempel ist.

Unterhalb des Mosaiks sind die Wappen der historischen Prager Städte aufgefädelt. Das Wappen der vereinigten Hauptstadt prangt sowohl oberhalb des Mosaiks als auch am üppigen schmiedeeisernen Geländer der geräumigen Es-trade. Ein ausgeklügeltes Belüftungs- und Befeuchtungssystem, eine Rohrpostanlage, eine elek-trisch traktierte Orgel sowie zwei pompöse Aufzüge machten das Obecní d?m 1912 zu einem der fortschrittlichsten Bauwerke seiner Art in Europa. Nicht weniger als 1800 Lampen wurden bei der Totalrenovierung in den Neunzigerjahren gezählt, viele in Messing gefasst, mit Bleikristall und Spiegeln garniert, viele aber auch in Girlanden zur Schau gestellt, wobei das gespendete Licht nicht nur Wohlstand, sondern auch die den Tschechen heilige Aufklärung symbolisiert.

Das Obecní d?m gleicht mit seinen kunstvollen Ausarbeitungen auch noch der kleinsten Details einer Leistungsschau des böhmischen Handwerks, was sich gut mit der Kunstauffassung der Secession vertrug, und es dokumentiert das wirtschaftliche Selbstbewusstsein einer Nation, die bereit ist, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen. Es ist exakt das Gegenteil dessen, was das seit langem verunsicherte und 1918 tatsächlich kollabierte Österreich empfand, das sich als Kleinstaat für nicht lebensfähig hielt und unter den Schutzmantel Deutschlands schlüpfen wollte.

1912 hieß es für die Tschechen aber noch warten. Während das Königreich Ungarn ungebrochen alle Madjaren institutionell umfasste, blieben die Tschechen bis zum Ende der Monarchie auf die drei Länder der Wenzelskrone Böhmen, Mähren und Schlesien aufgeteilt. Und während in Budapest seit 1896 ein monumentales Parlamentsgebäude den Machtanspruch versinnbildlichte, sollte diese Funktion in Prag das Obecní d?m übernehmen.

Auch die Wahl des Bauplatzes am Ort des sogenannten Königshofes, in dem von 1383 bis 1484 die böhmischen Könige residierten, ehe sie auf den Hradschin zurückkehrten, entsprang der Argumentationslinie der tschechischen Nationalbewegung, die sich nicht am Naturrecht orientierte, sondern am böhmischen Staatsrecht, also an der historischen Einheit der Länder der Wenzelskrone. Hinzu kam, dass der Bauplatz in einer damals deutsch geprägten Umgebung lag: Der Graben war der Korso der Deutschen und schräg gegenüber lag das "Deutsche Haus", das nach der Vertreibung der Deutschen zum "Slawischen Haus" und nach der "Samtenen Revolution" 1989 zu einem Büro- und Geschäftszentrum mutieren sollte.

Von daher gesehen ist es stimmig, dass sich die Staatswerdung des Jahres 1918 im Gemeindehaus der Stadt Prag vollzog. Am 6. Jänner verabschiedeten hier die tschechischen Abgeordneten zum österreichischen Reichsrat sowie zu den Landtagen der Länder der Wenzelskrone die "Dreikönigs-Deklaration", die einen selbständigen Staat forderte.

Am 13. April verdichteten sich die Intentionen im ebenfalls hier geleisteten "Nationaleid" und am 28. Oktober 1918 verabschiedete im Gemeindehaus der erweiterte Nationalausschuss das Gründungsgesetz des Tschechoslowakischen Staates; am selben Tag übernahmen hier seine Vertreter von zwei k. u. k. Generälen die Militärgewalt in Prag.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-01-11 10:56:06
Letzte Änderung am 2013-01-11 13:09:14



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