• vom 19.01.2013, 13:00 Uhr

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Die verborgene Schönheit




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Von Ralf Hanselle

  • Der New Yorker Fotograf und Maler Saul Leiter musste lange Zeit auf internationale Anerkennung warten. Demnächst werden Fotos dieses unangepassten Bildkünstlers im Kunst Haus Wien gezeigt.

Harlem, 1960.

Harlem, 1960.© Saul Leiter/Courtesy Howard Greenberg Gallery, N.Y. Harlem, 1960.© Saul Leiter/Courtesy Howard Greenberg Gallery, N.Y.

Das Leben passiert. Es geht dahin, flaniert die Straße hinunter, wartet unmerklich an einem Kaffeehaustisch. Nichts, was es aufhalten könnte. Das Leben ist beiläufig. Vorübergehend. En passant. Nur ein Blick, schon geht es weiter. Manchmal steht es vielleicht unbemerkt an der Station für den Autobus oder es wartet auf der anderen Seite einer Schaufensterfront. Vielleicht ist es schon da, bevor man weggeht. Und bevor man ankommt, ist es fort. So gesehen hat Saul Leiter alles richtig gemacht. "Bevor man mich entdeckt hat, habe ich die üblichen Dinge gemacht", sagt er. "Malen, Kaffeetrinken, fotografieren, faulenzen, reden und lachen". Das war schon das ganze Geheimnis. Egal, ob die Welt über Saul Leiter geredet oder ob sie über ihn geschwiegen hat.

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Faul, und stolz darauf
Jetzt, nach 60 Jahren, nach all dem Warten, dem Schauen, dem Schweigen, redet sie. Eigentlich sei er immer davon ausgegangen, irgendwann in Vergessenheit zu geraten. Schließlich sei er eine faule Person gewesen. Und er sei stolz darauf, eine faule Person gewesen zu sein. Manchmal aber, wenn er sich anschaue, was er in der Zwischenzeit so alles geschaffen habe, dann müsse er zugeben, dass er vielleicht gar nicht so faul gewesen sei, wie er es von sich selbst immer behauptet habe.

Taxi, ca. 1957.

Taxi, ca. 1957.© Saul Leiter/Courtesy Howard Greenberg Gallery, N.Y. Taxi, ca. 1957.© Saul Leiter/Courtesy Howard Greenberg Gallery, N.Y.

Vielleicht ist es sogar richtig, dass die Welt jetzt über Saul Leiter redet. Für ihn selbst aber ist das eher eine Bürde. Er hatte doch eigentlich eine Übereinkunft mit dem Leben getroffen - er wollte von ihm in Ruhe gelassen werden. "Ich weiß gar nicht, was die Kunst an mir sein soll", sagt er. "Ich frühstücke und ich gehe spazieren. In letzter Zeit gehe ich auch mal öfters zu Starbucks."

Saul Leiter ist ein komischer Kerl. Kauzig, verquer und leicht verletzbar. Und doch: mit dem Leben scheint sich der 88-jährige Fotograf und Maler auszukennen. Immerhin wollte er in seiner Jugend mal Rabbi werden - ein Weiser; ein Lebenslehrer.

Schon der Vater war Rabbiner gewesen, ebenso der Großvater und der Urgroßvater. Was also hätte für Saul Leiter näher gelegen? Die Taten der Väter, sagt schon der Talmud, seien den Söhnen ein Wegweiser. Doch irgendetwas ist schief gelaufen. Zwar begann er Mitte der 1940er Jahre tatsächlich mit einem Theologiestudium; doch statt in der Talmud-Schule landete er immer öfter in den Bibliotheken und Museen seiner Heimatstadt Pittsburgh. Er streunte umher, studierte Kunstbände, schaute sich Gemälde an: Manet, Picasso, die frühen Abstrakten.

Und dann, mit 23, fiel sein Entschluss: Er wollte nach New York und Künstler werden. Ein Künstler wie Richard Pousette-Dart oder Willem de Kooning. Namen, die er in der Bibliothek gelesen hatte. Später, im East Village, wurden sie Freunde. Für Sauls Vater aber war der Junge verloren. Ein Sohn, benannt nach einem biblischen König, wollte ein Bettelmann werden. "Bei meiner ersten Ausstellung", erinnern sich Leiter, "hat mein Vater vor Scham geweint."

Er redet nicht gerne über seine Familie. New York, das war sein großer Bruch. Seine Emigration aus der Knechtschaft der Eltern. Damals fing er an, erste Bilder zu malen - reduziert, farbig, gegenstandslos. Oft Wasserfarben auf Papier. Bilder, die geprägt waren vom abstrakten Expressionismus - von Ad Reinhardt, Philip Guston oder Willem de Kooning. Mit Letzteren zusammen hatte er damals sogar eine Ausstellung, in den frühen 50er Jahren. Einmal noch, sagt Leiter, sei da auch sein Bruder zu ihm nach New York gekommen. Doch der hatte Saul nicht mehr verstanden. Das Leben, hatte der Bruder gesagt, sei nicht dafür da, glücklich zu sein.

Saul Leiter aber war da bereits anderer Meinung. Mit dem Leben kannte er sich schließlich aus: Es ist beiläufig und flaniert die Straße hinunter. Einmal, 1952, da stand es irgendwo am Straßenrand und ließ sich sanft vom Schnee berieseln. Es war geduldig und schien einfach zu warten - vor "Pepsi"- und "7up"-Reklamen. Bunt war es, und irgendwie unglaublich schön.

Keiner hat es so gesehen wie Saul Leiter; dieses banale Leben im Vorübergehen. Bereits 1947 hatte er angefangen, diese kleinen Dinge festzuhalten. Er hatte im Museum of Modern Art eine für ihn bewegende Ausstellung gesehen: Henri Cartier-Bresson, den Meister des beiläufigen Augenblicks. Das hatte in ihm eine Tür geöffnet. Leiter kaufte sich eine Leica Ic und streifte mit ihr um die Häuserblocks. Er hatte einen Entschluss gefasst: Er wollte nicht mehr nur wie ein Abstrakter malen, er wollte auf gleiche Art auch fotografieren. Flächig, farbig, fast gegenstandslos: die Silhouetten der fremden Passanten, die Schatten der Großstadtbilder. Sein größtes Motiv wurde die Straße.

Verwischungen
So sammelt Saul Leiter den Alltag ein - Woche für Woche; Jahr um Jahr. Besonders an den Schmuddeltagen, die sich über die Bilder wie Schlieren und Verwischungen legen. Mitten im Stakkato des Verkehrs und über dem "Blickwispern" der Passanten hinweg macht er sich auf die Suche nach einer verborgenen Schönheit. Zunächst offenbart sich diese schwarzweiß-gespiegelt in überlagerten Fensterscheiben oder eingekeilt zwischen PKW’s.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2013-01-17 18:11:11
Letzte Änderung am 2013-01-18 12:26:08



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