• vom 01.03.2013, 14:00 Uhr

Vermessungen


Plastiksackerl

Behältnisse des Lebens




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Von Andreas Schindl

  • Von schwarzen Lederkoffern, roten Aktentaschen und gelben Plastiksackerln
  • Wie Dokumente, Opernlibretti und Bestechungsgelder aufgehoben und transportiert werden.

Der ehemalige britische Schatzkanzler Alistair Darling mit der berühmten "red box", in welcher britische Minister seit 1860 wichtige Unterlagen transportieren.

Der ehemalige britische Schatzkanzler Alistair Darling mit der berühmten "red box", in welcher britische Minister seit 1860 wichtige Unterlagen transportieren.© APAweb / EPA / Richard Lewis Der ehemalige britische Schatzkanzler Alistair Darling mit der berühmten "red box", in welcher britische Minister seit 1860 wichtige Unterlagen transportieren.© APAweb / EPA / Richard Lewis

Meine ersten Erfahrungen mit Aktentaschen habe ich im Alter von elf oder zwölf Jahren gemacht: Einer meiner Schulkollegen, er sollte später für einen Erotikverlag und danach für einen österreichischen Privatfernsehsender arbeiten, transportierte seine Hefte und Bücher in einer solchen. Der Schulkollege, mein Bruder und ich hatten es uns zur Angewohnheit gemacht, am Heimweg von der Schule einen Abstecher zu einem Bach zu machen. Irgendwann sind wir aus lauter Übermut auf die Idee gekommen, die Schul- bzw. Aktentaschen des jeweils anderen in möglichst hohem und weitem Bogen ans andere Ufer zu werfen.

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Eines Tages geschah es jedoch, dass der Griff der Aktentasche des Schulkollegen just in dem Moment abriss, als ich zu einem großen Wurf ansetzte. Die Folge waren etliche durchnässte und damit unleserlich gewordene Hefte, für deren Wiederherstellung von den Eltern des Schulfreundes sogar Schmerzensgeld gefordert wurde . . .

Rablbauers Koffer
Bis vor rund 15 Jahren war es üblich, wichtige Dinge in Aktentaschen oder -koffern zu transportieren. Der Kabarettist Lukas Resetarits spekuliert in seinem aktuellen Programm "Unruhestand" darüber, dass die Bauarbeiter in ihren Aktentaschen am Weg zur Baustelle ihre Extrawurstsemmeln und Bierflaschen transportierten, während sie nach Feierabend dieselben mit jenen Ziegelsteinen füllten, die sie zum Bau des eigenen Einfamilienhauses benötigten.

Neben anderen derart lebenswichtigen Gütern wurden gerne auch inoffizielle Geldbeträge in Aktentaschen oder -koffern von A nach B befördert. Der Unternehmer Bela Rablbauer etwa trug seine Parteispende (an die ÖVP) 1979 im berühmten schwarzen Koffer in den Parlamentsklub.

Auch Udo Prokschs ursprüngliche 400.000 US-Dollar, die er zusammen mit einigen inkriminierenden Fotos vor seiner Verhaftung in Wien Schwechat im Flugzeug an die mit ihm befreundete Galeristin Evelyn Oswald übergeben hatte, befanden sich in einem Aktenkoffer. Bei seiner Festnahme am Wiener Flughafen waren die Fotos verschwunden und nur mehr 40.000 Dollar im Koffer. Was mit den Bildern und dem Geld geschehen ist, weiß man bis heute nicht.

Mit der Verbreitung der Laptops um die Jahrtausendwende verschwanden die ledernen Transportbehältnisse allmählich. Im März 2003 soll der damalige BAWAG-Generaldirektor Helmut Elsner für seinen Du-Freund Hermann Gerharter 600.000 Euro aus einem Privatkredit persönlich von dessen Konto abgehoben und ihm in einem Plastiksackerl übergeben haben. Der Ex-Konsumchef soll sich höflich bedankt und dem Bankdirektor das Plastiksackerl ohne Geld, dafür aber mit einer Bonbonniere zurückgegeben haben. Der Kredit, aus dem das Geld stammte, soll daraufhin von Elsner als uneinbringlich ausgebucht worden sein.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-02-28 19:20:04
Letzte Änderung am 2013-03-01 12:03:10



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