• vom 09.08.2013, 14:00 Uhr

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Update: 09.08.2013, 15:14 Uhr

Wissenschaft

Das rätselhafte Leben der Tiere




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Von Peter Markl

  • Philosophen denken gern über Phänomene der Fauna nach, die von der Naturwissenschaft angeblich nicht erklärt werden können. Allerdings sind sie dabei nicht immer auf dem neuesten Wissensstand.

Die Kraken entern die philosophischen Seminare, in denen aus verschiedensten philosophischen oder theologischen Motiven nach Argumenten gesucht wird, mit denen die Möglichkeit einer materialistischen Erklärung des Geistes ein für alle Mal erledigt werden könnte (vorzugsweise ohne nähere Befassungen mit Neurophysiologie und Kognitionswissenschaften). Die bislang in dieser Rolle vermeintlich so bewährten Fledermäuse, die der atheistische Philosoph Thomas Nagel 1974 in dem berühmt gewordenen Essay "What is it like to be a bat?" populär gemacht hat, haben in dieser Funktion ausgedient und sind in informierten Diskussionen unbrauchbar geworden. Und das, obwohl manche Teilnehmer noch immer entschlossen sind, sich durch neue naturwissenschaftliche Resultate nicht inkommodieren zu lassen.

Wer weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein?

Wer weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein?© Foto: dpa/ Harry Melchert Wer weiß, wie es ist, eine Fledermaus zu sein?© Foto: dpa/ Harry Melchert

Wirkung des Zufalls
Da hilft es auch nicht weiter, wenn in Seminaren, die der Theologie zugeneigt sind, eingangs als vertrauensbildende Maßnahme ein bisschen auf Richard Dawkins geschimpft wird. Denn ausgerechnet Dawkins hat den virtuellen Fledermäusen viel von ihrer Signifikanz als Argument gegen eine naturalistische Philosophie des Geistes entzogen und sie als plausibles Paradebeispiel für die Wirkung des Zufalls auch in der Ma-kroevolution etabliert. Dawkins hat schon 1986 in "Der blinde Uhrmacher" darauf hingewiesen, dass es im Lauf der Evolutionsgeschichte durch das Spiel von Zufall und Notwendigkeit zu ähnlichen Problemlösungen kommen kann, wenn Organismen mit vergleichbaren Ausgangsanlagen vor vergleichbaren Überlebensproblemen stehen. Dawkins war bewusst, dass es zwei Gruppen von Fledermäusen gibt, die ein gemeinsames Problem gehabt zu haben scheinen. Nämlich das Problem, in lichtschwachen Umgebungen in Konkurrenz mit anderen Organismen Beutetiere fangen zu müssen. Die einen sind damit durch eine Verbesserung der Lichttüchtigkeit der Augen zu Rand gekommen; vielleicht war es Zufall, dass die anderen zu der alternativen Problemlösung eines Echolotsystems kamen, schließlich hatten die Tiere in beiden Gruppen noch die neuronalen Netzwerke zur Extraktion nützlicher Eigenschaften aus optischen Signalen und deren Synthese zur Erzeugung eines Abbilds der räumlichen Umgebung geerbt.

Information

Literatur:
Peter Godfrey-Smith: On Being an Octopus. Boston Review.
Thomas Nagel: What is it like to be a bat? (1974) http://organizations.utep.edu/Portals/1475
/nagel_bat.pdf

Thomas Nagel: Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature Is Almost Certainly False. Oxford University Press, 2012.
Daniel Dennett: Intuition pumps and other Tools for Thinking. 84 Seiten, Norton & company, 2013.
Wolfgang Prinz: Selbst im Spiegel. Suhrkamp Verlag, 2013.


Mit der Ausführung eines Intelligent-Design-Plans der Art: Wenn Schwierigkeiten des Typs A auftreten, greife auf Trick B zurück, haben solch konvergente Entwicklungen jedoch nichts zu tun. So hat sich der Trick einer Orientierung durch Echolotsysteme bei Organismen, die hochfrequente Schreie ausstoßen können und in einer Umgebung leben, in der Licht Mangelware und die Ernährung von sich bewegenden Organismen unumkehrbar ist, mindestens vier Mal unabhängig voneinander entwickelt: bei Fledermäusen, Zahnwalen, Ölvögeln und Höhlenseglern, von denen große Kolonien in tiefen Höhlen leben.

Dawkins kam schon 1986 zur Vermutung, dass Echolotsysteme keine notgedrungenen Versuche dazu sind, alternative Hörsysteme zu entwickeln, sondern ein Ersatz für das Sehen, wobei die Evolutionsgeschichte nicht ausschließt, dass es eine Frage des Zufalls war, welcher der möglichen Wege eingeschlagen wurde.

Orientierungsversuche
Nagels Fledermäuse wurden als ein mit den Menschen noch zu nah verwandtes Beispiel für das radikal andere kritisiert. Diese Kritik hat sich in dramatischer Weise bestätigt, als die kanadische Wahrnehmungspsychologin Lore Thaler vor zwei Jahren entdeckte, dass es unter Blinden eine kleine Zahl von Menschen gibt, welche mit der Zunge Schnalzlaute von sich geben und aus deren Echo ein räumliches Bild der Umgebung konstruieren können. Als man zwei von ihnen zu aufwendigen Versuchen mit funktionaler Kernresonanz gewinnen konnte, stellte sich heraus, dass die Echolotsignale nicht mit den auditorischen kortikalen Regionen verarbeitet wurden, sondern mit Cortex-Regionen, die sonst mit der Verarbeitung optischer Eindrücke befasst sind. Und das fand man sowohl bei der früh erblindeten Versuchsperson als auch bei der erst spät erblindeten Person.

Eigentlich hätten Nagels Fledermäuse jedoch in den Seminaren nie derart heimisch werden sollen, so brauchbar sie auch auf die Schnelle als Intuitionspumpen gegen den Anspruch der Naturwissenschaften, die materielle Welt vollständig erklären zu können, zu sein schienen. Man geht dabei von der Annahme aus, dass es zwei Typen mentaler Eigenschaften gibt. Die einen, auf die es zur Erklärung von Bewusstsein ankommt - etwa, wie sich etwas anfühlt - sind nur aus der subjektiven Innenperspektive der ersten Person erkundbar. Über die anderen kann man auch von außen in Experimenten etwas in Erfahrung bringen. Nagel fordert nun die Beschreibung einer mentalen Eigenschaft, die man vorher als nur aus der ersten Perspektive erkundbar definiert hat, durch eine objektive naturwissenschaftliche Beschreibung, der notwendigerweise die Außenperspektive zugrunde liegen muss. So angepackt, haben die Naturwissenschaften selbstverständlich keine Chance.

Erlebnis und Analyse
Aber jeder weiß doch, dass es eine Sache ist, ein Erlebnis zu haben, eine andere aber, eine Beschreibung dieses Erlebnisses zu geben. Davon leben ganze Industrien. So wissenschaftlich diese Beschreibung auch sein mag, sie bleibt doch eine Beschreibung aus der Außenperspektive.

Hat ein Krake Probleme, die der Mensch wissenschaftlich nicht verstehen kann?

Hat ein Krake Probleme, die der Mensch wissenschaftlich nicht verstehen kann?© Foto: dpa/ Roland Weihrauch Hat ein Krake Probleme, die der Mensch wissenschaftlich nicht verstehen kann?© Foto: dpa/ Roland Weihrauch

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Dokument erstellt am 2013-08-08 21:41:07
Letzte nderung am 2013-08-09 15:14:52



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