• vom 01.11.2013, 01:00 Uhr

Vermessungen


Tod

Im Todestanz sind alle gleich




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Von Wolfgang Zaunbauer

  • Ob Papst oder Bettler - in den spätmittelalterlichen Totentanzdarstellungen verschwimmen angesichts der latenten Pestgefahr die Grenzen zwischen
  • den Gesellschaftsschichten.

In der Kärntner Gemeinde Metnitz ist die älteste Totentanzdarstellung Österreichs zu bestaunen. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert. - © Zaunbauer

In der Kärntner Gemeinde Metnitz ist die älteste Totentanzdarstellung Österreichs zu bestaunen. Sie stammt aus dem 15. Jahrhundert. © Zaunbauer

"Herr Kaiser, euch hilft nicht das Schwert, Zepter und Krone sind hier nichts wert.

Ich habe euch bei der Hand genommen, Ihr müsst zu meinem Reigen kommen."

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Fährt man über die Semmeringstrecke nach Kärnten, so verweist kurz vor Friesach ein Wegweiser auf das "Metnitzter Totentanzmuseum" - und man tut gut daran, den Abstecher zu wagen, denn die 2000-Seelen-Gemeinde Metnitz wartet mit einer kunsthistorischen Sensation auf. Den 600 Jahre alten Karner, also das achteckige Beinhaus auf der Südseite der Kirche, ziert nämlich eine mittelalterliche Totentanzdarstellung aus dem 15. Jahrhundert - die älteste in Österreich. Zugegeben, die Originale befinden sich im Museum auf der Nordseite der Kirche, doch die Kopien am Karner sind nicht minder beeindruckend.

Bilder und Verse
25 Tanzpaare zeigt das Fresko, jeweils eine Person mit Tod - in Form eines Skeletts oder verwesenden Leichnams mit aufgebrochener Bauchhöhle -, die auf einen weit aufgerissenen Höllenrachen zuschreiten. Zu den einzelnen Darstellungen gehören jeweils Texte in Reimform, wobei jeweils die dargestellte Person auf die Tanzeinladung durch den Tod repliziert. Den Anfang macht der Papst - in der mittelalterlichen Hierarchie der ranghöchste Mensch auf Erden -, und das keineswegs freiwillig. "Ich war eyn heiliger bobist genant/die wyle ich lebete ane forchte bekannt/Nw werde ich gefurt frefillich/Czum tode ich were mich oppiglich", heißt es in noch vom Mittelhochdeutsch stark geprägtem frühem Neuhochdeutsch. Übersetzen lässt sich das in etwa folgendermaßen: "Ich wurd‘ ein heiliger Papst genannt, mein Lebtag als furchtlos bekannt. Nun werd‘ ich frech geführt zum Tode. Ich wehre mich mit aller Heftigkeit" - wobei jede Wehr zwecklos ist.

Dem Papst folgen der Kaiser - dem (wie oben angeführt) weder Schwert, Zepter noch Krone helfen, wenn es ans Sterben geht -, Kaiserin, König, Kardinal, Patriarch, Erzbischof, Herzog, Bischof, Graf, Abt, Ritter, Akademiker, Arzt, Edelmann und Edelfrau, Kaufmann und Nonne - also die gehobenen Stände der mittelalterlichen Gesellschaft.

Albin Egger-Lienz gehört zu den modernen Malern, die das Totentanz-Motiv aufgriffen.

Albin Egger-Lienz gehört zu den modernen Malern, die das Totentanz-Motiv aufgriffen.© apa Albin Egger-Lienz gehört zu den modernen Malern, die das Totentanz-Motiv aufgriffen.© apa

Dazu kommen aber auch Krüppel, Koch, Bauer, Kind und Mutter. "Es ist der Versuch, ein Gesamtbild der ständischen Gesellschaft abzubilden", sagt Gert Kaiser, emeritierter Professor für Germanistik und früherer Rektor der Universität Düsseldorf, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Mitunter kam es zu Abweichungen und Ergänzungen, etwa durch Heiden oder Juden, Handwerker, Studenten oder Huren, aber in Summe waren alle Totentanzdarstellungen der damaligen Zeit nach dem selben Schema aufgebaut - und das waren einige. Laut Uli Wunderlich, Präsidentin der Europäischen Totentanz-Vereinigung, gab es Ende des 15. Jahrhunderts in Europa mindestens hundert derartige Darstellungen.

Der tanzende Tod provoziert dabei doppelt: Nicht der zu jener Zeit allgegenwärtige Tod irritiert die Betrachter, sondern die Tatsache, dass er tanzt, "dass er den Inbegriff des Lebendigen, den Tanz für sich usurpiert" (Kaiser). Gleichzeitig war der Tanz als Ausdruck von Zügellosigkeit und Sittenverfall der Amtskirche ein Dorn im Auge, weshalb sie ihn aus dem kirchlichen Raum verbannt hat. Noch im frühen Mittelalter waren Tänze mitunter Teil der kirchlichen Liturgie und auch auf Friedhöfen durchaus üblich.

Pest und Todesangst
Die älteste Totentanzdarstellung entstand wohl 1424/25 an der Mauer des Pariser Friedhofs Saints-Innocents. Wie sie aussah, ist heute allerdings unbekannt, nur ihr Text ist überliefert. In Basel entstand 1439 ein Totentanz an der Mauer des Friedhofs des damaligen Dominikanerordens. Es ist nur noch in Bruchstücken vorhanden, seit die Mauer 1805 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Das Basler Fresko dürfte jedoch für Metnitz als Vorlage gedient haben, wobei der Text jenem des sogenannten "Heidelberger Blockbuchs" entspricht, der wiederum in einem für Thüringen und Sachsen typischen Ost-Mittelhochdeutsch verfasst ist, wie Uli Wunderlich erzählt. Im 15. Jahrhundert fanden Totentänze in ganz Europa Verbreitung - es war allerdings mehr als eine Modeerscheinung.

"Der größere Rahmen, in den die Totentänze hineingehören", war der Ausbruch der Pest, schreibt Gert Kaiser in seinem Buch "Der tanzende Tod", das seit seinem Erscheinen 1983 das wohl wichtigste Werk zu dem Thema ist. Kaiser spricht von einer "Epoche des Massensterbens". Tatsächlich hat der Schwarze Tod alleine von 1347 bis 1353 rund ein Drittel der Bevölkerung Europas dahingerafft. Bis ins 18. Jahrhundert blieb die Pest eine ständige Bedrohung.

Memento Mori
Der Tod war allgegenwärtig. Und er kam schnell. Bei der Lungenpest sterben die Betroffenen innerhalb von zwei bis drei Tagen - da bleibt keine Zeit zur kurzfristigen Buße. Gleichzeitig konnte er auch quälend langsam eintreffen, denn die Pestwellen, die über das Land zogen, konnten "von den Menschen recht genau verfolgt werden", schreibt Kaiser. "Es gehört zu den Schrecken der Pest auch das hilflose Warten auf ihr Eintreffen. Und das ist die Zeit der Bußpredigt, die große Stunde des Memento mori." Auch wenn vereinzelt die Parole "carpe diem" galt und es in Anbetracht des nahenden Todes zu exzessiven Ausschweifungen kam, so dominierte im späten Mittelalter doch die Furcht vor dem Zorn Gottes über einen sündhaften Lebenswandel. Die Totentänze sind daher klar als Predigt zu verstehen, als Mahnung zur ständigen Buße, um für den Fall der Fälle seelisch gewappnet zu sein.

Karner in Metnitz.

Karner in Metnitz.© Zaunbauer Karner in Metnitz.© Zaunbauer

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-10-31 16:38:09
Letzte ─nderung am 2013-10-31 22:48:07



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