• vom 22.11.2013, 11:52 Uhr

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Update: 22.11.2013, 12:03 Uhr

Phantastik

Auf in schöne, neue Welten




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Von Andreas Tesarik

  • Die Anzahl der fiktiven Welten ist explodiert - und die Wechselwirkungen mit der Realität sind lebhaft wie nie zuvor. Da kann man sich schon fragen, ob man wirklich in der besten aller möglichen Welten lebt.

Ein Traum von Mittelerde - visualisiert von Peter Jackson im anlaufenden zweiten Teil der Verfilmung von "Der Hobbit". - © Foto: Warner Bros.

Ein Traum von Mittelerde - visualisiert von Peter Jackson im anlaufenden zweiten Teil der Verfilmung von "Der Hobbit". © Foto: Warner Bros.

Die meisten Schriftsteller hätten es wohl anders gemacht. Von J.R.R. Tolkien heißt es, er habe mit philologischem Spieltrieb zuerst die Elbensprachen Quenya und Sindarin erfunden und dann den Kontinent Mittelerde mit seiner Mythologie und Geschichte, bevor er sich Gedanken darüber machte, was er mit diesem Handlungsraum anfangen könnte. Bekanntlich konnte er eine Menge damit anfangen. So war, bevor Bilbo, Frodo oder Gandalf einen Fuß auf ihren Boden setzten, Mittelerde bereits fertig durchgestaltet, und dass "Der Herr der Ringe" auf Bergen, in Wäldern und Landstrichen spielt, die scheinbar mehr sind als nur gut erfunden, liegt auch daran, dass die Geschichte tiefer wurzelt als in den Seiten bloß eines Buches. Mittelerde erscheint so plausibel wie ein reales Land. Der Autor Andrew O’Hehir meinte dazu einmal, Tolkien habe seine Luftschlösser zu einem gewissen Teil aus echten Steinen gebaut ("...you might say that the imaginary castles are built with a certain amount of genuine stone").

Mit der Verfilmung von Peter Jackson zu Anfang der 2000er Jahre ist Mittelerde auch für jene ein Begriff geworden, die sich nichts aus Fantasy machen, ja mehr noch: Die fiktive Geographie ist zu einem Teil der realen geworden. Zumindest in Neuseeland, wo "Der Herr der Ringe" und später "Der Hobbit" verfilmt wurden. Man kann dort den Ort besuchen, wo für den Film das Auenland war und sich noch immer befindet (nahe dem Städtchen Matamata auf der Nordinsel), oder den Mount Doom (bzw. Mount Ngauruhoe) besteigen, die Air New Zealand nennt sich "the official airline of Middle-earth", und für die Filmpremiere des ersten Teils von "The Hobbit" wurde die Hauptstadt Wellington kurzzeitig in "Middle of Middle-earth" unbenannt. Wie es aussieht, gehört Tolkiens Welt bereits zum neuseeländischen Selbstverständnis wie der Kiwi-Vogel, James Cook oder die Maori. Da soll noch jemand sagen, Literatur könne die Welt nicht verändern.

Information

Umberto Eco: "Die Geschichte der legendären Länder und Städte". Hanser, München 2013.
Alberto Manguel, Gianni Guadalupi: "The Dictionary of Imaginary Places: The Newly Updated and Expanded Classic". Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2000 (deutsch: "Von Atlantis bis Utopia". Ullstein, Frankfurt u.a. 1981 - nur mehr antiquarisch)


Nun gibt es schon länger Mittelerde-Enthusiasten, die die Ereignisse des Ersten Zeitalters oder den Stammbaum der Könige von Gondor im kleinen Finger haben, bisher aber blieben die Fiktionen brav zwischen zwei Buchdeckeln oder auf der Kinoleinwand. Das ist anders geworden. Manche Menschen leben sogar in erfundenen Welten, wenigstens zeitweise. Sollten Sie auf der Straße einem Zwerg oder einer Bande Orks begegnen, dann wundern Sie sich nicht, die sind vermutlich unterwegs zu einer Fantasy Convention, um dort einen Humpen Met zu kippen oder mit arroganten Elfen die Kunststoffklingen zu kreuzen. Am Abend hängen sie das Kettenhemd in den Kleiderkasten und sind wieder Menschen wie Sie und ich. Zumindest noch. Denn was passieren kann, wenn eine Fiktion zu stark wird, dafür gibt es einen klassischen Präzedenzfall.

Die Kraft der Fiktion
Jorge Luis Borges erzählt in "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius" von einer Geheimgesellschaft, die seit Jahrhunderten damit befasst ist, zuerst ein Land und dann einen ganzen Planeten zu erfinden, "mit seinen Bauwerken und seinen Spielkarten, dem Schrecken seiner Mythologien und dem Gemurmel seiner Sprachen, mit seinen Kaisern und Meeren, mit seinen Mineralien und seinen Vögeln und Fischen, mit seiner theologischen und metaphysischen Polemik". Am Ende der Geschichte ist die (ursprünglich geheime) Enzyklopädie Tlöns allgemein bekannt geworden, mit der seltsamen Konsequenz, dass immer mehr Objekte des fiktiven Tlön in der Wirklichkeit auftauchen - und der erfundene Kosmos den realen nach und nach verdrängt. Die Menschen studieren lieber die Geschichte der Länder Tlöns als die ihrer eigenen, selbst Weltsprachen wie Englisch oder Spanisch drohen zu verschwinden. Dabei konnte, als er dies in den 1940ern schrieb, nicht einmal Borges etwas von Mittelerde wissen, von FanCons oder Sprachkursen für Sindarin und Quenya, ganz zu schweigen von der aufblühenden Fantasy-Literatur oder von Adventure-Games.

Diese vor allem, die Fantasy-Literatur und Adventure-Games für Computer und Spielkonsolen, haben seit Tolkiens und Borges’ Tagen die Anzahl der fiktiven Welten explodieren lassen, wobei unter einer fiktiven Welt ein komplex ausgestalteter Handlungsraum zu verstehen wäre, der mehr umfasst, als für eine Erzählung zwingend nötig ist - also viel mehr als nur eine erfundene Hausnummer in Londons Baker Street. Sogenannte Role-Playing-Games, die seit den 1970er Jahren ganz analog mit Würfeln, Papier und Vorstellungskraft gespielt werden, treiben da die üppigsten Blüten. Das deutsche "DSA"-System imaginiert einen Kontinent namens Aventurien in einer Detailfülle, die fast schon mit der 40-bändigen Tlön-Enzyklopädie gleichzieht. Online-Spiele wie "World of Warcraft" oder "Ultima Online", die rund um die Uhr von zigtausenden Abenteuerlustigen bespielt werden, umspannen gleich mehrere Kontinente. Und die Online-Plattform "Second Life" bietet eine virtuelle Parallel-Erde an; allerdings ist es nach dem Hype des Jahres 2007 ziemlich still darum geworden.

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Dokument erstellt am 2013-11-22 11:56:04
Letzte nderung am 2013-11-22 12:03:45



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