• vom 22.02.2014, 11:00 Uhr

Vermessungen


Naturwissenschaft

Forscherdrang und Marktgespür




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Von Herbert Hutar

  • Der österreichische Wissenschafter und Industrielle Carl Auer von Welsbach hat mit seinen Erfindungen, insbesondere mit dem Gasglühstrumpf, Technik- und Wirtschaftsgeschichte geschrieben.

Carl Auer von Welsbach (1858-1929).

Carl Auer von Welsbach (1858-1929).© Wikimedia/gemeinfrei Carl Auer von Welsbach (1858-1929).© Wikimedia/gemeinfrei

Wien. Es war eine Karriere, wie man sie in unseren Zeiten im Silicon Valley vermuten würde: ein junger Student, ein brillanter Wissenschafter, der an der besten Universität forscht, der an die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnisfähigkeit geht. Er entdeckt ein neues Verfahren, lässt es patentieren, entwickelt es zur Marktreife, verkauft es an die Industrie und ist mit 27 Jahren Millionär. Mit dem Geld gründet er eine Firma und macht weiter, rastlos: Als Forscher mit Kontakten zu den Spitzen seines Faches in aller Welt und ebenso als Unternehmer.


Carl Auer von Welsbach hat das in Österreich vor mehr als 100 Jahren geschafft. Die noch ganz junge Lichttechnik war damals Hochtechnologie, in Wirkung und Bedeutung durchaus vergleichbar mit der heutigen Informationstechnologie, die in unglaublicher Geschwindigkeit aus dem Versuchsstadium im Labor zur Marktreife getrieben wurde. Auer von Welsbach schaffte es immer wieder, in kürzester Zeit seine Ergebnisse aus der Grundlagenforschung in industrielle Verfahren umzusetzen und zu Geld zu machen, zu viel Geld: Mit künstlichem Licht wurde die Nacht zum Tag. 24 Stunden am Tag produzieren und konsumieren zu können, war eines der neuen Bedürfnisse der Gründerzeit, und Auer hat diesen Bedarf gedeckt.

Die Wiener Chemikerin Inge Schuster hat dem Phänomen Carl Auer von Welsbach nachgespürt und vier Punkte für seinen überragenden Erfolg definiert:

Information

Literatur:
Roland Adunka: Carl Auer von Welsbach. Entdecker - Erfinder - Firmengründer. Kärntner Landesarchiv, Klagenfurt 2013, Buchreihe Band 41, 112 Seiten, 97 Abbildungen.

- Die Erfindungen betrafen essentielle, noch nicht hinreichend abgedeckte Bedürfnisse.
- Die Erfindungen waren überzeugend.
- Das Marktvolumen für die Erfindungen war gigantisch.
- Das Produktionsvolumen war groß genug, um die Nachfrage abzudecken.

Sechster Sinn für Markt
Carl Auer von Welsbach hatte, so Schuster, "einen sechsten Sinn für vermarktbare Forschungsergebnisse und daraus resultierendes Unternehmertum, aber auch für entsprechende Werbung."

Und er hatte optimale Startbedingungen: Sein Vater machte die k.u.k. Hof- und Staatsdruckerei von einem notleidenden Kleinbetrieb zu einer technischen Vorzeigeindustrie mit 800 Angestellten und leitete weitere Druckereien. Vater Aloys von Welsbach starb, als der kleine Carl erst elf Jahre alt war, aber der Bub dürfte doch einiges vom väterlichen Innovations- und Unternehmergeist mitbekommen haben, auch vermittelt durch die Mutter. Und der Vater hinterließ ein beruhigendes Vermögen.

Hoch hinaus wollte der junge Carl nach der Matura: Die Technische Hochschule in Wien diente ihm als Sprungbrett an die Universität Heidelberg, damals das Mekka der Physik und der Chemie. Dort promovierte er bei Rudolf Bunsen, der berühmt war für seine fächerübergreifende und praxisorientierte Arbeit ("Ein Chemiker, der kein Physiker ist, ist gar nichts"). Zurück in Wien, mietete er sich ein Labor an der Technischen Hochschule und arbeitete als finanziell unabhängiger Privatgelehrter in seinen Fächern rund um die Seltenen Erden mit den Methoden der Spektralanalyse.

Der erste große Wurf wurde zugleich auch jene Erfindung, die bis heute in einem Atemzug mit Carl Auer von Welsbach genannt wird: Der Gasglühstrumpf, patentiert 1885. Den Kauf einer Fabrik in Wien-Atzgersdorf, und zwar für ein High-Tech-Produkt, finanziert aus der Vermarktung des Patentes, mit einem Universitätsassistenten als Werksleiter würde man heute als Start-Up bezeichnen, das allmählich auf 40 bis 50 Beschäftigte anwuchs. Risikokapital steuerte der englische Industrielle Fred Williams de Lafontaine bei, die Firma hieß daher Welsbach & Williams.

Qualitätsprobleme zwangen den Jungunternehmer zu einer zwischenzeitlichen Schließung, aber nachdem Auer den Glühstrumpf verbessert hatte, ging es ab 1891 endgültig aufwärts. Es entstanden zahlreiche Niederlassungen, Tochtergesellschaften und Beteiligungen in Europa und in den USA. Immer wieder gelang es dem österreichischen Erfinder, für seine überzeugenden Innovationen Risikokapital aufzutreiben.

Gemeinsam mit dem deutschen Bankier Leopold Koppel startete er die weltweite und durchaus gewinnträchtige Expansion: Die Pariser Auer-Gesellschaft zahlte, so Auer-Biograf Roland Adunka, bereits im ersten Jahr unvorstellbare 125 Prozent Dividende. Und in den USA wurden in den Neunzigerjahren nicht weniger als 80 Millionen Glühstrümpfe pro Jahr verkauft. Der Bankier Leopold Koppel sollte später Albert Einstein nach Berlin verpflichten.

Einsatz Seltener Erden
Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auf dem Gebiet der Lichttechnik ein massiver Konkurrenzkampf zwischen Gaslicht und elektrischer Beleuchtung, den zunächst das Gaslicht für sich entschied. Gaslicht konnte sich auf eine bestehende Infrastruktur stützen, die Gasglühstrümpfe boten mehr Licht, hielten länger und waren billiger als die damals am Markt befindlichen elektrischen Kohlenfadenlampen. Strom war extrem teuer.

Was Auer von Welsbach nicht daran hinderte, auch die elektrische Glühlampe zu revolutionieren. Seinen Konkurrenten Thomas Edison lernte er in den USA kennen, als Auer eigene Werke in New Jersey besuchte. Einmal trafen sie sich am Bahnsteig in St. Veit an der Glan, als Edison nach Wien fuhr. 20 Minuten Verspätung nahm die Bahn in Kauf, um die Unterhaltung der beiden weltberühmten Herren nicht zu stören, berichtet Biograf Adunka.

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Dokument erstellt am 2014-02-20 20:29:11
Letzte Änderung am 2014-02-21 13:00:04



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