• vom 19.07.2014, 15:00 Uhr

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Moral

Das Wissen um Gut und Böse




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Goethes "Faust" stellt dieses Verhältnis zwischen Gut und Böse anschaulich dar. Sein Werk beginnt mit einem Gespräch zwischen Gott, dem Herrn und dem Teufel, Mephisto. Der Teufel gibt an, lediglich ein Teil der Schöpfung Gottes zu sein. Er macht deutlich, dass er geschaffen wurde, um den Menschen zur Schaffung von Gutem anzuregen. Als Faust zum ersten Mal auf Mephisto trifft und ihn fragt, wer er denn überhaupt sei, bezeichnet er sich selbst als "Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft".

Mephisto wurde also erschaffen, um das Böse sichtbar zu machen. Der Teufel wettet, dass es ihm gelingen könne, Faust von dem rechten Weg abzubringen. Somit beginnt ein Test, der für Faust ein Kampf zwischen Gut und Böse bedeutet. Dabei ist von Anfang an klar, dass Mephisto nicht über den Tod hinaus wirken darf und Gott betont: "Solang’ er auf der Erde lebt, Solange sei dir’s nicht verboten." Auch im weiteren Verlauf wird immer wieder deutlich, dass Mephisto selbst eher machtlos ist. Als er einen Verjüngungstrank für Faust benötigt, muss eine Hexe diesen Trank für ihn brauen und es heißt: "Der Teufel hat sie’s zwar gelehrt; allein der Teufel kann’s nicht machen".

Mephisto schafft es, den Gelehrten, Faust, aus seiner Sinnkrise heraus von dem ursprünglichen Ziel, zu verstehen, wie die Welt funktioniert, abzubringen. Ihm gelingt es, Faust durch seine Verlockungen dazu zu bringen, sich nicht dem großen Ganzen zuzuwenden, sondern sich seine eigene, kleine und beschränkte Welt aufzubauen. Mephisto kann Faust immer wieder dazu bringen, seine Bedenken aufzugeben und ebnet damit den Weg zum Untergang.

Es kommt zum entscheidenden Satz Mephistos als Gretchen, die Geliebte Fausts, im Kerker sitzt, da sie Faust zuliebe ihre Mutter umgebracht und ihr Kind ertränkt hat. Faust bittet den Teufel um Hilfe. Doch der erwidert: "Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?"

Das letzte Wort
Was lehrt uns Goethes Faust? Es ist nicht irgendein Schicksal oder der Teufel, dem wir unsere eigenen Fehltritte in die Schuhe schieben können. Es ist der Mensch, mit seinem Verstand, der schuldfähig ist. Denn er besitzt den freien Willen, für das Gute oder das Böse. Aufgrund seiner Fähigkeit zur Einsicht trägt er die Verantwortung für sein Handeln. Nicht die wechselnden Bedürfnisse von Individuen oder Gruppen sollen darüber entscheiden dürfen, was Gut und Böse ist.

Würden wir versuchen, jeden moralischen Maßstab zu relativieren, müssten wir letztlich beim absoluten Skeptizismus landen. Um dies zu vermeiden, muss sich der Mensch als wahrheitsfähig begreifen. Die moralischen Botschaften, die durch die Menschheitsgeschichte an uns herangetragen werden, sollten nicht allein deshalb abgelehnt werden, weil sie ihren Ursprung in den Religionen haben.

Ein Relativist könnte sagen: "Wir brauchen kein Gut und Böse! Jeder soll nach seiner Moral leben. Meine Moral sagt mir, dass ich meine Mutter töten soll". Solch ein Mensch, der keinerlei Werteunterschiede kennt, braucht sicherlich Erfahrung, die ihn eines Besseren belehrt. Kein Argument der Welt würde dieser Relativist gelten lassen.

Sprechen wir jedoch von einem allgemeingültigen Maßstab, dann bedarf es der Idee einer gemeinsamen Wahrheit, eines übereinstimmenden Willens. Erst dann kann es um eine Gesellschaft des guten und richtigen Lebens gehen. Das Böse darf nicht das letzte Wort haben und Erich Kästners weise Worte werden zweifellos ihre Gültigkeit behalten: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es".

Tahir Chaudry arbeitet als Journalist, Blogger und Dokumentarfilmer. Er studiert Philosophie und Islamwissenschaften in Kiel. Weitere Infos: http://tahirchaudhry.de/me.html

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Dokument erstellt am 2014-07-17 16:14:10
Letzte nderung am 2014-07-18 13:59:03



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