• vom 31.08.2014, 10:00 Uhr

Vermessungen


Tatort

Was uns erspart bleibt




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Von Wolfgang Tumler

  • Obwohl allabendlich gestorben wird, ist der Tod in Spielfilmen und TV-Serien ein ausgeblendetes Geschehen. Versuch einer empirischen Annäherung an das Unzeigbare anhand einer "Tatort"-Folge.

So beginnt die "Tatort"-Folge "Angezählt: Der 12-jährige Ivo richtet seine mit Benzin gefüllte Spritzpistole auf die rauchende Julia . . . - © Foto: kommentatort.ch, ORF

So beginnt die "Tatort"-Folge "Angezählt: Der 12-jährige Ivo richtet seine mit Benzin gefüllte Spritzpistole auf die rauchende Julia . . . © Foto: kommentatort.ch, ORF

"Weißt du, was das Wichtigste im Leben ist? Das Wichtigste im Leben ist, dass du Spaß hast!" Die Berechtigung für ihre erfolgreiche Familienunterhaltung am Sonntagabend könnten ORF und ARD nicht besser begründen als mit dieser Weisheit aus dem Mund eines Verdächtigen in der Sendung "Tatort" vom 15. September 2013.

In Deutschland wurde die vom ORF produzierte Folge "Angezählt" prompt mit einem Grimmepreis für den besten unterhaltenden Fernsehfilm ausgezeichnet. Darin erleidet eine junge Frau schwere Verbrennungen, die ihr ein Bub mit einer Spielzeugpistole im Auftrag des Verdächtigen zugefügt hat, und "die Ärzte glauben nicht, dass sie die Nacht überleben wird".

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"Reinigungsritual"
Zum TV-Krimi gehört der Mord, und beim "Tatort" hat dieser in den ersten Minuten zu geschehen, damit die Familie sich zurücklehnen und die von Schauspielern gespielte Polizei sich der Aufklärung zuwenden kann. Ursprünglich als eine Reihe von Krimis mit lokalen und sozialen Bezügen im Fernsehen der frühen siebziger Jahre gestartet, ist das "Format", wie solche seriellen Sendungen inzwischen genannt werden, zu einer der erfolgreichsten Marken der TV-Unterhaltung im deutschsprachigen Raum aufgestiegen - mit bis zu zwölf Millionen Zuschauern pro Sendung.

. . . kann aber danach aufgrund seines Alters für den Mordanschlag nicht haftbar gemacht werden.

. . . kann aber danach aufgrund seines Alters für den Mordanschlag nicht haftbar gemacht werden.© Foto: kommentatort.ch, ORF . . . kann aber danach aufgrund seines Alters für den Mordanschlag nicht haftbar gemacht werden.© Foto: kommentatort.ch, ORF

Die Wiener Burgtheater-Schauspielerin Caroline Peters, neuerdings im "Eifel-Tatort" unterwegs, wünscht sich in der "Süddeutschen Zeitung" "einen Krimi, der keiner mehr sein will, aber noch nicht weiß, wie er sich von der Blutlache zum Familienepos entwickeln soll". Der "Tatort" hat das längst geschafft. Ursprünglich gehörte er nur um 20.15 Uhr ins Zeitfenster des ausklingenden Sonntagabend wie am Morgen der Kirchgang.

Im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" nennt der Philosoph Wolfram Ellenberger die Sendung ein "gesellschaftsdeckendes Reinigungsritual" - Rundfunkgebühren als Ablasshandel. Die wachsende Medienvielfalt und die Gier nach unserer Aufmerksamkeit in Konkurrenz mit anderen Medien haben die Verantwortlichen in den Sendern dazu verleitet, eine Inflation auszulösen, die uns inzwischen auf den verschiedenen Kanälen bis zu 400 "Tatort"-Sendungen im Jahr beschert. An manchen Abenden laufen bis zu vier Wiederholungen nebeneinander - mit demnächst zweiundzwanzig Ermittlerteams.

Das übersteigt die Frequenzen von Kirchgang und anderen Bußfertigkeiten bei weitem, und es droht die Entwertung des öffentlich-rechtlichen Tafelsilbers. So wird die darstellende Prominenz nun mit schicken Fotostrecken und gescheiten Zitaten in die feineren Printmagazine geschickt, um das "Format" zu stabilisieren.

Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal als dienstälteste Kommissarin hinterlässt allerdings den Eindruck, der "Tatort" zeige "das Leben nicht mehr so, wie es nun mal ist. Ich muss als Tatort-Kommissarin, vor allem als Frau, immer mitfühlen, immer Verständnis zeigen, nicht über die Stränge schlagen, stets auf der Seite der Schwächeren sein. Das ist nicht nur vorhersehbar, das ist auch langweilig."

Es geht im TV-Krimi halt doch nicht zu wie im richtigen Leben - eine Binsenweisheit. Die meisten Morde werden eher im persönlichen Umfeld oder in der Familie begangen und weniger in betreuungswürdigen Soziotopen. Gerade dort aber hat die Jury des angesehenen Grimmepreises die herausragende Qualität des ORF-"Tatorts" "Angezählt" verortet und diesem in der Geschichte von über 900 "Tatort"-Sendungen erst zum siebenten Mal die preiswürdige Grätsche zwischen Anspruch und Unterhaltung testiert.

Liste der Todesarten
Der Philosoph Michel de Montaigne phantasierte bereits im 16. Jahrhundert: "Wenn ich ein Bücherschreiber wäre, legte ich ein kommentiertes Register der verschiedenen Tode an". Der "Tatort" tut das längst: Von durchgeschnittenen Kehlen, Kopf- und Knieschüssen, Bombenanschlägen, Schwerthieben bis eben zum Brandanschlag auf eine junge Frau mittels einer mit Benzin gefüllten Spielzeugpistole reicht die Liste der Todesarten, die - nicht nur in Österreich - vom wahren Leben und vor allem Sterben gehörig abweicht.

In der eigenen Lebenswirklichkeit überfordern uns der Anblick und die Gewissheit solcher Grausamkeiten, aber im Film "entzieht sich der Tod einer Filmfigur jeder empirisch zuverlässigen Prüfung, wie sie in der Lebenswelt von den Überlebenden unternommen wird. In den meisten Fällen sind es daher die anderen anwesenden Filmfiguren, die den endgültigen Tod ihres Gegenübers bezeugen und für den Zuschauer verkünden müssen". So nähert sich der Filmwissenschafter Johannes Wende in seiner Analyse "Tod im Spielfilm" der Frage, ob das gespielte Sterben vergleichbare ethische Forderungen an uns stellt wie das Leben selbst.

In der 33. Minute des "Angezählt"-"Tatorts" verrät die Filmfigur Bibi Fellner (siehe dazu auch Interview mit Adele Neuhauser auf den Seiten 38/39, Anm.) ihrem Kollegen Eisner: "Hab grad einen Anruf gekriegt. Die Julia ist vor zehn Minuten gestorben." Als Zuschauer haben wir die Botschaft schon zuvor im trostlosen Blick der Schauspielerin empfangen, als sie spielt, die Todesnachricht am Telefon zu hören.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-08-28 20:53:13
Letzte ─nderung am 2014-08-29 13:26:18



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