• vom 28.09.2014, 11:00 Uhr

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Geisteswissenschaft

Offene Dialoge und Kunstwerke




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Von Nikolaus Halmer

  • Die in den 1960er Jahren in Deutschland gegründete Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" versuchte sich an einer fruchtbaren Annäherung von Literatur, Philosophie und Anthropologie. - Eine Erinnerung.

Ein Grundsatz von "Poetik und Hermeneutik" war das Einbeziehen literarischer Werke in den wissenschaftlichen Diskurs. Vlahovic

Ein Grundsatz von "Poetik und Hermeneutik" war das Einbeziehen literarischer Werke in den wissenschaftlichen Diskurs. Vlahovic Ein Grundsatz von "Poetik und Hermeneutik" war das Einbeziehen literarischer Werke in den wissenschaftlichen Diskurs. Vlahovic

"Die Forschungsgruppe Poetik und Hermeneutik war als ein Projekt angelegt, das die Geisteswissenschaften in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg völlig umstürzen und auf neue Grundlagen stellen sollte." - "Diese Gruppe war ein Modell wissenschaftlicher Arbeit, die zeigte, wie man wissenschaftliche Produktivität durch freundschaftliche Zusammenarbeit erzielen konnte."

Diese beiden Aussagen der Anglistin und Kulturwissenschafterin Aleida Assmann und des Ägyptologen Jan Assmann charakterisieren die Tätigkeit dieser Forschungsgruppe, die der deutschen Literaturwissenschaft wesentliche Impulse verlieh. Die Bemerkungen fielen während einer Tagung am Deutschen Literaturarchiv in Marbach, die einige der Mitglieder von "Poetik und Hermeneutik" und jene Forscher versammelte, die sich mit der Gruppe wissenschaftlich befassen.

Information

Einige Sammelbände von "Poetik und Hermeneutik" sind im Wilhelm Fink Verlag verfügbar.

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"Rezeptionsästhetik"
Gegründet wurde "Poetik und Hermeneutik" unter anderen von dem Philosophen Hans Blumenberg und dem Romanisten Hans Robert Jauß im Jahr 1963 in Gießen. Als philosophischer Anreger der Gruppe fungierte Hans-Georg Gadamer, der die Hermeneutik als eine Theorie deutete, die der Verständigung dient. Nach übereinstimmender Aussage mehrerer Mitglieder agierten Blumenberg und Jauß als bestimmendes Tandem, das vor allem in der Frühphase die Geschicke der Gruppe leitete. Blumenberg (1920-1996) befasste sich in seiner philosophischen Arbeit hauptsächlich mit dem Mythos, den er als wesentlichste Instanz der Kulturgeschichte ansah. Deswegen bezog er sich in seinen Büchern häufig auf literarische Quellen, was ihn in eine gewisse Nähe zu den Literaturwissenschaften brachte.

Das wissenschaftliche Werk des Romanisten Hans Robert Jauß (1921-1997) ist mit dem Begriff der "Rezeptionsästhetik" verbunden. Damit ist gemeint, dass die Rolle des Rezipienten, also des Lesers, in die wissenschaftliche Diskussion miteinbezogen wurde. Jauß nahm Abstand von einer unbedingt gültigen Rezeption, die kanonartig eine bestimmte Interpretationsweise hervorbringt und verstand die Deutung von literarischen Werken als offenen Dialog.

Das Mitgliederverzeichnis von "Poetik und Hermeneutik" liest sich wie ein "Who’s who" der deutschen Geisteswissenschaften; vertreten sind unter anderen die Romanisten Karl-Heinz Stierle, Rainer Warning und Harald Weinrich, der Anglist Wolfgang Iser, die Kulturwissenschafterin und Anglistin Aleida Assmann, der Germanist Wolfgang Preisendanz, der Historiker Reinhart Koselleck, der Altphilologe Manfred Fuhrmann, der Ägyptologe Jan Assmann und die Philosophen Dieter Henrich, Manfred Frank, Hermann Lübbe und Odo Marquard.

Die Forschungsgruppe traf sich zwischen 1963 und 1994 insgesamt siebzehn Mal. Dabei wurden keine Referate oder Vorträge gehalten. Jeder Teilnehmer erhielt die Kolloquiumstexte in Form eines ausführlichen Lesebuches; die einzelnen Beiträge wurden dann von einem Referenten vorgestellt und kommentiert. Der Anspruch war interdisziplinär, wobei man bescheidene Ansprüche hatte. Die Interdisziplinarität erschöpfte sich oft in der Formulierung von Anregungen, die zwar kommentiert wurden, aber zu keiner produktiven Auseinandersetzung führten, wie einige Gruppenmitglieder betonten.

Ein Beispiel dafür ist ein Treffen von Literaturwissenschaftern und Linguisten, das mit der Einsicht endete, die Gräben der beiden Disziplinen nicht überwinden zu können. Die Themen der Tagungen waren für den damaligen universitären Alltag höchst ungewöhnlich: "Die nicht mehr schönen Künste", "Positionen der Negativität", "Das Komische", "Das Fest", "Das Gespräch" oder "Das Ende". Über diese Themen diskutierte man lebhaft und oft kontrovers; danach wurden die Texte in umfangreichen Sammelbänden dokumentiert.

Die Protagonisten von "Poetik und Hermeneutik" wandten sich gegen den Konservativismus der deutschen Literaturwissenschaften, der in diesen Jahren noch zu verspüren war. Sie brachen eine verkrustete Tradition auf, die noch vom einem dumpfen Nationalismus und Konservativismus geprägt war und setzten sich leidenschaftlich für zeitgenössische internationale Literatur ein. Sie plädierten für die radikale Moderne mit deren Helden Marcel Proust, James Joyce und Samuel Beckett. Ähnlich wie Umberto Eco, der Gast der Forschergruppe war, befürworteten die Literaturtheoretiker das "offene Kunstwerk", das zu polyphonen Interpretationen anregt, die niemals zu einer abschließenden, gültigen Deutung führen (sollen).

Neben der Öffnung zur zeitgenössischen Moderne erfolgte ein weiterer bahnbrechender Anstoß, der damals weitgehend vom literaturwissenschaftlichen Diskurs tabuisiert wurde; nämlich die Hinwendung zur Anthropologie, also zur konkreten Wissenschaft vom Menschen, die auch dessen körperliche und emotionale Aspekte thematisiert. Neben dem in Gießen emeritierten Philosophen Odo Marquard war es vor allem der in Konstanz lehrende Anglist Wolfgang Iser, der die Bedeutung der Anthropologie für die Literaturwissenschaften hervorhob. Dabei bezog sich Iser (1926-2007) wiederum auf die Arbeiten des Philosophen und Soziologen Helmuth Plessner, der von der "exzentrischen Position" des Menschen sprach.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-09-25 17:41:07
Letzte ─nderung am 2014-09-26 16:01:32



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