• vom 18.10.2014, 14:00 Uhr

Vermessungen


Vietnam

Der asiatische Zukunftsmarkt




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Von Dine Petrik

  • Vietnam hat die Folgen des langen Krieges überwunden, und gilt als Land mit großem Wachstumspotenzial. Für die Mehrheit der Menschen ist ein Leben im Wohlstand aber noch eine Utopie.

Ho-Chi-Minh-Stadt, das frühere Saigon, ist das aufstrebende Zentrum des Landes.

Ho-Chi-Minh-Stadt, das frühere Saigon, ist das aufstrebende Zentrum des Landes.© Foto: John Harper/Corbis Ho-Chi-Minh-Stadt, das frühere Saigon, ist das aufstrebende Zentrum des Landes.© Foto: John Harper/Corbis

Die Farbe Blau scheint in Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) die bevorzugte Farbe zu sein. Die Glasfassaden der Konzernhochburgen im Zentrum spiegeln sie in allen Schattierungen, sie blitzt in den imposanten Bauwerken der Franzosen auf, die Vietnam ab 1858 hundert Jahre hindurch kolonisiert hatten; mit der sogenannten Friedensfarbe sind zahllose der glatt und stillos hochgezogenen Wohnblöcke in den Randbezirken versehen, in Pagoden und Tempeln dominiert das Blau. Ein Himmelsblau über Saigon lässt sich allerdings suchen: Smog hängt in und über der Stadt - schwül, 26 Grad.

Karawanen von Mopeds durchschwärmen Saigon. Statussymbol und zugleich wendiges Fortbewegungsmittel für Jung und Alt, Frau und Mann, vor allem günstiges Lieferfahrzeug für Straßenmärkte und Garküchen ohne Zahl. Dem Sozius aufgetürmt: Bier- und Getränkekisten, Käfige mit Hühnern, Welpen, Eierkartons, Blumen, Obst, Gemüse, Mehlsäcke, Möbel. Oder auch die Familie; ein Kind vor, zwei hinter dem Fahrer - und noch eine weitere Person. Gebrechlich wirkende Alte werden per Moped transportiert. Ohne Mund-Nasenschutz sind nur wenige Fahrer zu sehen, fast jeder Fußgeher trägt diese Abgasfilter, selbst in den städtischen Schulbussen behalten die Kinder sie auf.

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Hektik und Fleiß
Rikschas und PKWs aller Größen und Preisklassen mischen die Dominanz der Einspurigen auf. Eine Straßenquerung bei Lebensgefahr? Panta Rhei, alles fließt, sagt Heraklit, also Nase zu und hinein. Ampeln ja: dem Anschein nach eher als Empfehlung. Gelegentlich lösen sich Fahrräder aus dem Gewusel, oft von jungen Frauen getreten, die ab 6.30 morgens via am Rad angebrachter Lautsprecherbeschallung ihre Waren anbieten: Baguettes, Gemüse, Getränke, Schuhbänder, Batterien - tüchtige, zähe Wesen, die zumeist nicht nur Kinder, sondern auch ein, zwei Elternpaare (mit) zu erhalten haben. Das bequem machende, sich auf den Staat verlassende Spiel hiesiger Vollkaskogesellschaften gibt es in Vietnam nicht. Rund um die Uhr Geschäftigkeit.

Siebzig Prozent der Einspurigen fahren mit Führerschein. Wer von der Polizei ohne erwischt wird, zahlt kräftig. Die Luft ist zum Schneiden. Saigon ist ein lauter, auf Hochdruck dampfender Kochtopf; wenn er sich abzukühlen anschickt, ist die Nacht fast vorbei. Maßnahmen zur Entlastung der boomenden Stadt mit ihren neun bis zehn Millionen Menschen, stehen am Plan, unter anderem ein U-Bahnbau, auch am Straßennetz wird heftig gebaut.

Wohin der Blick fällt, hektische Produktionsprozesse, die über zahllose Probleme hinwegtäuschen. Ein Arbeiter bringt es auf 10 bis 20 Euro täglich, so er bereit ist, vierzehn Stunden (und länger) zu arbeiten. Wiewohl die globale Finanzkrise um die Sozialistische Republik Vietnam mit ihren dreiundsechzig Provinzen keinen Bogen gemacht hat, hat sich die Armut in den letzten Jahren halbiert, die allgemeine Versorgung bessert sich zusehends.

Doi Moi, das bereits 1986 kreierte Zauberwort, das für wirtschaftliche Erneuerung und Liberalisierung steht, scheint in der Gesellschaft - nach verheerenden Kriegen und Beseitigung der massivsten Schäden, nach US-Embargos, Dürren und Hungersnöten - neue Kräfte freigesetzt zu haben.

In den Kadern der Wirtschafts- und Geschäftsbosse mehrt sich der Wohlstand, das Vermögen einiger korrupter Politiker soll in die Millionen Dollar gehen. Als relativ abgesichert darf sich auch die gebildete Mittelklasse sehen. Für den großen Rest der rund 91 Millionen Vietnamesen ist Wohlstand eine Dimension in der Ferne. Ein halbwegs lebbarer Wohnraum ist für den Großteil nicht leistbar, oft leben noch zwei, drei Generationen auf engem Raum zusammen. Das Durchschnittseinkommen eines Industriearbeiters beläuft sich monatlich auf rund 136 Dollar, seine Lebenserwartung liegt um die siebzig Jahre.

Gebremster Fortschritt
Vietnam wird als Zukunftsmarkt gesehen; die Regierenden des Einparteienstaates (KPV) haben zahlreiche strukturelle Reformen auf den Weg gebracht, wenngleich es derzeit (der Krise wegen), eher schleppend vorangeht. Die Sanierungen etlicher maroder Staatsbetriebe sind noch nicht abgeschlossen, wohl aber die Bodenreformen: die Bauern bekamen ihr Land zurück, zahlreiche Pächter erhielten eigenes Land. Aber auch hier beginnt die Stadt-Land-Schere auseinander zu klaffen. Die Jugend scheint vom Smog der Städte angezogen zu werden.

Nach Mitternacht, wenn es etwas ruhiger zu werden scheint in Saigon, lässt sich in der Nachbarschaft des Hotels Hundegekläff vernehmen. Fragt sich, wie lange noch - in Erinnerung an den beim Ben Thanh Markt (mit Nachtbetrieb) am Straßenrand stehenden Käfig, in dem sich ein Dutzend Welpen unentwegt auf die Beine steigen. Sie stehen zum Kauf, um gefüttert und verspeist zu werden. Eine besonders schmackhafte Rasse, wie zu erfahren war. Hier wird fast alles verspeist und verwertet. Unzählige Lokalitäten, direkt am Gehsteig, auf Plastikfolien. Von einer jungen Frau wird ein halbes Schwein tranchiert, die Leute stehen Schlange, nach zwei Stunden ist alles verkauft.

In Garküchen, direkt vor der Haustür, wird angeboten: Fisch und Meeresfrüchte aller Sorten, Huhn, gekocht oder gegrillt, Schwein, geschmort und hauchdünn geschnitten, und immer und überall auch Cha gio, die Frühlingsrolle; dünner Reisteig, gefüllt mit Krabben oder Huhn oder Schwein, mit Pilzen, Reis, Nudeln, Zwiebeln, Kräutern, dazu gelbe, rote, sehr scharfe Saucen. Und Suppen. Mit der Nudel-Gemüsesuppe beginnt der Vietnamese den Tag, sein Hauptnahrungsmittel ist Reis.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-16 18:08:10
Letzte Änderung am 2014-10-17 12:32:47



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