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Update: 05.12.2014, 16:07 Uhr

Essay

Destruktive Potentiale




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Von Franz M. Wuketits

  • Warum werden Menschen gewalttätig? Die Antwort auf diese Frage liegt in einem komplexen Wechselverhältnis aus biologischen Dispositionen und gesellschaftlich-ideologischen Faktoren.

Die gesamte überlieferte Geschichte der Menschheit - vom Altertum bis zum heutigen Tag - liest sich tatsächlich wie eine Kriegsgeschichte. - © Simon Plant/Corbis

Die gesamte überlieferte Geschichte der Menschheit - vom Altertum bis zum heutigen Tag - liest sich tatsächlich wie eine Kriegsgeschichte. © Simon Plant/Corbis

Man schätzt, dass seit der Mitte des vierten vorchristlichen Jahrtausends etwa dreieinhalb Milliarden Menschen in Kriegen und kriegsbedingten Katastrophen (vor allem Hungersnöten und Epidemien) ums Leben gekommen sind. Diese Schätzung mag einige Ungenauigkeiten enthalten, lässt aber im Ganzen kaum Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Denn die gesamte überlieferte Geschichte der Menschheit - vom Altertum bis zum heutigen Tag - liest sich tatsächlich wie eine Kriegsgeschichte. Höhlenzeichnungen weisen darauf hin, dass schon dem paläolithischen, altsteinzeitlichen Menschen kriegsähnliche Kampfhandlungen durchaus bekannt waren.

Gewalt und Gewaltbereitschaft sind anthropologische Konstanten.

Gewalt und Gewaltbereitschaft sind anthropologische Konstanten.© dpa/Carsten Rehder Gewalt und Gewaltbereitschaft sind anthropologische Konstanten.© dpa/Carsten Rehder

Kollektive Gewalt

Information

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie mit
dem Schwerpunkt Biowissenschaften an der Universität Wien. Er ist Autor
zahlreicher Bücher, etwa "Animal irrationale. Eine kurze
(Natur-)Geschichte der Unvernunft", Suhrkamp, Berlin 2013.


Kriege sind Ausdruck kollektiver Gewalt, bewaffnete Konflikte, strategisch geplant und von vornherein von der Absicht getragen, den oder die jeweiligen Gegner zu besiegen - bis hin zum Genozid, zum Völkermord, der in der Geschichte wiederholt aufgetreten ist. Sie werden von einheitlichen und dauerhaften ideologischen beziehungsweise religiösen Überzeugungen getragen, die den entsprechenden Überzeugungen der jeweiligen Gegner entgegenstehen, und deren Bekämpfung legitimieren. Die Zahl der an Kriegen aktiv beteiligten Personen variiert, von ein paar Dutzend Kämpfern bei Stammesfehden bis zu den Millionen Soldaten des Zweiten Weltkriegs.

Konrad Lorenz, Verfasser der umstrittenen Studie "Das sogenannte Böse".

Konrad Lorenz, Verfasser der umstrittenen Studie "Das sogenannte Böse".© dpa/Göbel Konrad Lorenz, Verfasser der umstrittenen Studie "Das sogenannte Böse".© dpa/Göbel

Neben den Kriegen darf die "gewöhnliche", individuelle Gewalt nicht übersehen werden. Sie spiegelt sich vor allem in Mordraten wider. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung verzeichnet für das Jahr 2012 weltweit insgesamt 437.000 Mordfälle. Wobei einzelne Kontinente und Länder allerdings sehr unterschiedliche Mordraten (Tötungsdelikte pro 100.000 Einwohner) aufweisen. Die höchste Mordrate (90,4) verzeichnet das mittelamerikanische Honduras, während in Japan die Mordrate (0,3) sehr niedrig liegt. In den westeuropäischen Ländern bewegen sich die Mordraten ebenfalls auf relativ niedrigen Niveaus (zwischen 0,6 und 1,0), während sie in den USA (4,7) und Russland (9,2) wiederum deutlich höher liegen.

Wunschvorstellungen
Gewalt entlädt sich also mit unterschiedlicher Intensität, ist aber weltweit verbreitet. Völlig gewaltfreie Gesellschaften existierten längere Zeit nur als Wunschbilder einiger Sozialwissenschafter und Kulturanthropologen.

So ließ in den 1920er Jahren die amerikanische Ethnologin Margaret Mead mit der Meldung aufhorchen, dass den Bewohnern der polynesischen Samoa-Inseln Hass, Neid und Gewalt fremd sind. Die Resultate ihrer Beobachtungen wollten geradezu als Zeugnisse eines "goldenen Zeitalters" erscheinen, von dem die Menschheit - unzufrieden mit ihrer jeweiligen Gegenwart - immer geträumt hat. Aber als später der Anthropologe Derek Freeman die Samoaner besuchte, konnte er Mead nicht nur ungenaue Beo-bachtungen und methodische Fehler nachweisen, sondern auch belegen, dass bei diesem Inselvolk Hass, Vergewaltigung und Mord genauso vorkommen wie in den Industriegesellschaften westlicher Prägung.

Gewalt und Gewaltbereitschaft sind anthropologische Konstanten. Ein Sonderfall der individuellen Gewalt ist dabei die Todesstrafe, die nach wie vor in vielen Ländern zur Anwendung kommt. Sie wird von den jeweiligen Gesetzgebern legitimiert und von Individuen vollstreckt, die - im Gegensatz zum "gewöhnlichen Mörder" - in keiner persönlichen Beziehung zum Verurteilten stehen. Sie muss heute jedem aufgeklärten Menschen als eine hilflose, archaische Form der Vergeltung erscheinen. Es ist doch bemerkenswert, dass alle europäischen Länder, in denen die Todesstrafe längst abgeschafft ist, relativ sehr niedrige Mordraten aufweisen. Offenbar kann eine stabile, funktionierende Gesellschaft auf diese Art der Bestrafung verzichten.

Die Theorie von Lorenz
Konrad Lorenz, einer der Begründer der modernen Verhaltensforschung, veröffentlichte 1963 sein Buch "Das sogenannte Böse", das unter Sozialwissenschaftern, Kulturanthropologen und Psychologen hohe Wellen schlug und ihm viel Kritik einbrachte. Hatte Sigmund Freud einen auf Zerstörung drängenden "Todestrieb" angenommen, so postulierte Lorenz einen "Aggressionstrieb", der von sich aus, auch unabhängig von äußeren Einwirkungen, nach Befriedigung strebt und Gewalt erzeugt.

Lorenz meinte aber auch, dass eine angeborene Tötungshemmung bei Kämpfen im Tierreich das Töten von Artgenossen verhindert, beim Menschen jedoch - vor allem im Einsatz von Fernwaffen - ausgeschaltet wird. Lorenz’ Aggressionskonzept blieb auch unter Biologen langfristig nicht ganz unwidersprochen. Seine Auffassung, dass individuelles, ja, selbst kämpferisches Verhalten in der Tierwelt der Arterhaltung dient, musste der auf vielen Beo-bachtungen beruhenden These von der individuellen Nützlichkeit allen Verhaltens weichen. Das Töten von Artgenossen tritt nicht nur beim Menschen auf, sondern ist bei vielen Tieren belegt. Hinsichtlich ihrer Ursachen ist Aggression sehr komplex; sie kommt in der Natur in vielfältigen Zusammenhängen vor, beispielsweise bei der Ressourcensicherung, der Revierverteidigung oder im Dienste der Fortpflanzung beziehungsweise des Schutzes der eigenen Nachkommen. Die Annahme eines von verschiedenen Lebensbedürfnissen losgelösten Aggressionstriebs erwies sich als nicht schlüssig.

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Dokument erstellt am 2014-12-04 15:02:10
Letzte ńnderung am 2014-12-05 16:07:54



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