• vom 20.02.2015, 14:00 Uhr

Vermessungen


Pessimismus

Auf den Gipfeln der Verzweiflung




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Von Nikolaus Halmer

  • "In der schlechtesten aller Welten": Von Schopenhauer über Beckett bis zu Helene von Druskowitz wurden Weltekel und Lebensüberdruss geistesgeschichtlich nobilitiert. - Zur Philosophie des Pessimismus.

Lehrfabel des Pessimismus: Becketts "Warten auf Godot", mit Michael Maertens (l.) als "Wladimir" und Ernst Stötzner als "Estragon" in einer Aufführung des Wiener Burgtheaters 2009. - © Foto: Apa/Hans Klaus Techt

Lehrfabel des Pessimismus: Becketts "Warten auf Godot", mit Michael Maertens (l.) als "Wladimir" und Ernst Stötzner als "Estragon" in einer Aufführung des Wiener Burgtheaters 2009. © Foto: Apa/Hans Klaus Techt

Angesichts von Massenexekutionen, Terrorattentaten und brutal geführten Kriegen in Syrien, im Irak oder in der Ukraine hat der Pessimismus Konjunktur. Bereits Arthur Schopenhauer - der eigentliche Begründer des philosophischen Pessimismus - sprach von einer katastrophalen Lage des Menschen. Sein Befund lautete: "Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zustande der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heißt".

Überall sieht der Philosoph nur Leid, Schmerz, Verwundung, Verstörtheit, Angst, Grausamkeit, Folter und Mord; das Weltgeschehen weist keine Tendenz zur Humanität auf, sondern ist der Schauplatz eines erbarmungslosen Gemetzels, das der Literaturwissenschaftler Ulrich Horstmann in seinem Buch "Das Untier" "als eine sich Jahrtausend und Jahrtausend fortsetzende Litanei des Hauens, Stechens, Spießens, Hackens, als Monotonie des Schlachtens und Schädelspaltens" beschreibt.


Schopenhauers pessimistische Grundhaltung richtete sich gegen die Repräsentanten einer optimistischen Philosophie, wie sie speziell Gottfried Wilhelm Leibniz vertrat. Der deutsche Philosoph, der von 1646 bis 1716 lebte, hatte das Leid und das Böse in der Welt theologisch-moralisch gerechtfertigt und dafür die Formel von der Welt als der "besten aller möglichen Welten" verwendet, die sich durch eine Überfülle, durch ein Verlangen nach Glückseligkeit, durch ein "großes Ja-Sagen zur Welt" auszeichnet.

Dieser idyllischen Weltanschauung stand Schopenhauer mit größter Skepsis gegenüber. "Wenn man den verstocktesten Optimisten durch die Krankenhospitäler, Lazarette und chirurgischen Marterkammern, durch die Gefängnisse, Folterkammern und Sklavenställe, über Schlachtfelder und Gerichtstätten führen wollte", schrieb Schopenhauer, "so würde er sicherlich bald einsehen, welcher Art die beste aller möglichen Welten beschaffen ist."

Leopordis Weltelend
Ähnlich empfand der italienische Philosoph und Dichter Giacomo Leopardi, der zu den bedeutendsten Repräsentanten der Romantik zählt. Sein Lebenswerk spiegelt das allmähliche Eintauchen in den Pessimismus wider. Leopardi, der von 1798 bis 1837 lebte, war der Sohn eines autoritären Grafen. Unter väterlicher Aufsicht erhielt er eine umfassende humanistische Ausbildung. Mit elf Jahren übersetzte er aus dem Lateinischen; mit 14 Jahren verfasste er zwei Tragödien.

Leopardi sah sich selbst als Dichter. Frühzeitig auftretende körperliche Leiden und eine Augenerkrankung brachten ihn dazu, "den Beruf des Philosophen anzunehmen und die Glücklosigkeit der Welt zu spüren und nicht bloß zu kennen". Als Philosoph befasste er sich - ähnlich wie Arthur Schopenhauer - fast ausschließlich mit dem Elend der Welt, das er auch in seinen Gedichten thematisiert. Ein Höhepunkt im literarischen Schaffen Leopardis ist das Gedicht "An sich selbst", in dem der Dichter sein Lebensgefühl auf den Punkt bringt: "Bittere Öde / Ist einzig noch das Leben, Schlamm die Welt".

Die "bittere Öde des Lebens" veranlasste Leopardi, sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Er lebte gleichsam als Eremit, der damit befasst war, die verschiedenen Facetten des Pessimismus sowohl in seiner Lyrik als auch in seinen philosophischen Texten zum Ausdruck zu bringen. Leopardis existenzielles Grundgefühl war die "Noia", eine Mischung von metaphysischer Langeweile und dem Gefühl einer alles bestimmenden Leere - "der unfruchtbarste aller menschlichen Zustände. Sie ist die Tochter der Vergänglichkeit und die Mutter des Nichts. Und sie ist nicht nur an sich unfruchtbar; alles, was sich ihr nähert und was sie durchdringt, wird ihr darin gleich".

Die "Noia" bewirkte bei Leopardi einen existenziellen Lebensüberdruss, der in einen universellen Pessimismus mündete, der die Natur und den Kosmos miteinbezog. In dieser Phase befand sich Leopardi - um mit dem rumänischen Kulturphilosophen Emile Cioran zu sprechen - "auf den Gipfeln der Verzweiflung". Es war dies ein Zustand, der von Leopardi in seinem philosophischen Hauptwerk "Zibaldone" eindringlich geschildert wurde: "Alles ist nichtig in der Welt, auch meine Verzweiflung. Ich Elender, nichtig und auch nichtig ist mein Schmerz, der nach einer gewissen Zeit vergangen und vernichtet sein wird, um mich in einer kosmischen Leere und in einer schrecklichen Gleichgültigkeit zurückzulassen, die mich unfähig machen wird, Schmerz zu empfinden".

Die pessimistischen Reflexionen von Schopenhauer und Leopardi tauchen auch im Werk des irischen Schriftstellers Samuel Beckett auf. Beckett hatte sich speziell in seiner Jugendzeit mit Schopenhauer intensiv auseinandergesetzt. Kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat die Aussichtslosigkeit der menschlichen Existenz und das Scheitern so propagiert wie Beckett. Seine Devise lautet: Das Leben muss gelebt werden, auch wenn es von einem stetigen Scheitern begleitet wird. "Wieder scheitern. Besser scheitern", heißt es in seinem Text "Worstward Ho" ("Aufs Schlimmste zu").

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-02-19 21:53:06
Letzte ─nderung am 2015-02-20 13:53:32



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