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Update: 10.04.2015, 15:10 Uhr

Philosophie

Gegen die Gleichgültigkeit




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Von Robert Misik

  • Der italienische Kommunist Antonio Gramsci war den politischen Doktrinen seiner Zeit so weit voraus, dass sein theoretisches Werk noch heute Anleitungen zur politischen Praxis bietet.

Antonio Gramsci (1891-1937) - hier zu sehen auf dem Plakat einer sardischen Theatergruppe, die 2014 ein Stück über Gramscis Kindheit aufführte. - © Teatro Massimo Cagliari

Antonio Gramsci (1891-1937) - hier zu sehen auf dem Plakat einer sardischen Theatergruppe, die 2014 ein Stück über Gramscis Kindheit aufführte. © Teatro Massimo Cagliari

"Die Straßen sind verschneit und die Landschaft besteht nur aus weißen Hügeln... Wien ist viel trostloser und deprimierender als Moskau. Hier sieht man keine Schlitten, die fröhlich klingelnd durch die weißen Straßen fahren, nur die Straßenbahn rasselt vorbei. Das Leben geht seinen tristen und monotonen Gang." So richtig glücklich war der italienische Kommunist Antonio Gramsci offensichtlich nicht, als er in den zwanziger Jahren ein halbes Jahr in Wien lebte. "Ich bin sehr isoliert", schreibt er an seine Gefährtin Julia Schucht in Moskau. In einem anderen Brief heißt es: "Ich bin immer zu Hause...
allein, lese und schreibe. Ich friere oft; nachts schlafe ich wenig."

Wiener Episoden

Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben viel von Gramsci gelernt.

Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben viel von Gramsci gelernt.© Reuters, Alkis Konstantinidis Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben viel von Gramsci gelernt.© Reuters, Alkis Konstantinidis



Information

Giuseppe Fiori: Das Leben des Antonio Gramsci. Aus dem Ita-lienischen von Renate Heimbucher und Susanne Schoop. Rotbuch-Verlag, Berlin 2013.

Robert Misik, 49, lebt als Publizist in Wien. Staatspreis für Kulturpublizistik 2009. Bloggt unter www.misik.at. Zahlreiche Bücher, etwa: "Erklär mir die Finanzkrise", (Picus-Verlag, 2013).

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Nichts weist heute in der Stadt darauf hin, dass einer der wichtigsten Denker und kommunistischen Aktivisten des 20. Jahrhunderts hier einige Monate verbracht hat. An Stalins Aufenthalt erinnert eine Gedenktafel, Leo Trotzkis Exiljahre in Wien sind noch immer mit einer Fülle an Anekdoten präsent. Aber Gramsci in Wien? Davon weiß man wenig.

Ein paar der Wiener Episoden aus dem Leben des sardischen Revolutionärs kann man jetzt in der nach langen Jahren wieder aufgelegten Biographie Giuseppe Fioris nachlesen. Gramsci war während seines Wien-Aufenthaltes zwischen 1923 und 1924 schon einer der wichtigsten Anführer der italienischen Kommunisten und ihr Vertreter in der Führung der Kommunistischen Internationale in Moskau. Nach der Machtübernahme Mussolinis war die italienische KP wachsender Verfolgung ausgesetzt. Das war der Grund für Gramscis Aufenthalt in Wien: Er sollte so nah wie möglich an Italien "heranrücken". Nach Italien selbst konnte er freilich nicht, da das Mussolini-Regime gegen ihn einen Haftbefehl erlassen hatte.

Ein bunter Strauß politischer Emigranten tummelte sich damals in der Stadt, wie der Literaturwissenschafter Luigi Reitani 1992 in der bisher einzigen Detailstudie über "Antonio Gramsci in Wien" in den "Wiener Geschichtsblättern" schrieb. Etwa der legendäre Victor Serge, der unorthodoxe, eigensinnige kommunistische Denker, der sich nie einer Parteilinie unterwarf.

Robert Misik.

Robert Misik. Robert Misik.

Mit Georg Lukács, dem ungarischen Philosophen, gingen Serge und Gramsci im neunten Bezirk spazieren. Es gibt ein Foto, das Gramsci und Serge vor der Votivkirche zeigt. Serges Autobiographie "Erinnerungen eines Revolutionärs" verdanken wir ein hübsches Porträt Gramscis, damals Anfang Dreißig: "Antonio Gramsci lebte in Wien als arbeitsamer Emigrant und Bohemien, ging spät zu Bett und stand spät auf, er arbeitete mit dem illegalen Komitee der kommunistischen Partei Italiens zusammen. Er hatte einen schweren Kopf mit hoher und breiter Stirn, schmallippigem Mund auf einem schwächlichen Körper mit breiten Schultern, aber eingeknickt, wie bei einem Buckligen. (. . .) Ungeschickt im Alltagsleben, verirrte er sich abends in wohlbekannten Straßen, nahm die falsche Straßenbahn und kümmerte sich wenig um die Bequemlichkeit des Nachtquartiers. (. . .) In der leichten Luft Wiens lag Blut und Verzweiflung."

Schutz vor der Polizei
Mit den sozialdemokratischen Stadtpolitikern des Roten Wien hatten die kommunistischen Untergrundaktivisten kaum Kontakt. Die sagenumwobene Angelika Balabanoff, die damals auch in Wien Hof hielt, war gut vernetzt und kümmerte sich darum, dass sich die Sozialdemokraten für Gramsci bei den Polizeibehörden einsetzten, sodass er in Ruhe gelassen wurde. Gramsci wohnte zur Untermiete, erst in der Schönbrunnerstraße, später in der Florianigasse hinter dem Rathaus.

Gramsci stammte aus kleinbürgerlichen, aber ökonomisch angespannten Verhältnissen. Zeitweise konnte sich die Familie nicht einmal leisten, den blitzgescheiten Jungen ans Gymnasium zu schicken. Er war schwächlich, schon als Kind wuchs ihm ein Buckel. An Philosophie, Kunst und Kultur interessiert, wurde Gramsci nach seinem Weggang aus Sardinien in Turin in den 1910er Jahren erst eine Art aktivistischer Journalist, bis er später zum journalistischen Aktivisten wurde.

Gramscis Politischwerden vollzog sich in einem Kreis junger intellektueller Gleichgesinnter. In der kleinen Turiner sozialistischen Zelle hatten sie auch zunehmend Kontakte mit den Industriearbeitern der Stadt. Gramsci, der Aufsätze über "Das Kapital" von Marx ebenso schrieb wie Satiren und Essays über das Theater Pirandellos, war immer "ein völlig unabhängiger Einzelkämpfer" (Fiori). Schon damals entwickelte er - mehr instinktiv - die Überzeugung, "dass jeder Revolution eine intensive kritische und kulturelle Arbeit vorausgehen muss".

In einem seiner Artikel schrieb er fast als Bekenntnis: "Wie Friedrich Hebbel glaube ich: Leben heißt Partei ergreifen . . . Gleichgültigkeit ist ein mächtiger Faktor in der Geschichte . . . Deswegen hasse ich die, die nicht Partei ergreifen, die gleichgültig sind."

Denk- und Leidensweg
Gramscis Wiener Episode nahm ein überraschendes Ende: Mussolinis Machtübernahme etablierte ja nicht sofort einen Totalfaschismus, es gab weiterhin Wahlen und auch ein Parlament. Gramsci wurde in Abwesenheit ins Parlament gewählt und hatte damit parlamentarische Immunität. Erst Ende 1926 wurde jede Opposition zerschlagen und Gramsci inhaftiert. Es begann ein Leidensweg, der für sein heutiges Bild als Märtyrer des Widerstandes und des freien Denkens verantwortlich ist.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-04-10 11:14:12
Letzte nderung am 2015-04-10 15:10:56



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