• vom 10.04.2015, 14:00 Uhr

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Update: 10.04.2015, 15:10 Uhr

Philosophie

Gegen die Gleichgültigkeit




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Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben viel von Gramsci gelernt.

Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben viel von Gramsci gelernt.© Reuters, Alkis Konstantinidis Alexis Tsipras und seine Partei Syriza haben viel von Gramsci gelernt.© Reuters, Alkis Konstantinidis

Robert Misik.

Robert Misik. Robert Misik.

Gramscis Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide, bis er sterbenskrank war. Doch er arbeitete mit Besessenheit an seinem intellektuellen Nachlass, der Begründung seiner eigenen politischen Theorie, die er in seinen legendären Gefängnisheften aufschrieb - von Beginn an getragen von der Absicht, "dass man etwas für ewig tun müsste".

Gramscis Gefängnishefte sind ein monumentales Werk, das in der deutschen Ausgabe viele tausend Seiten und zehn Bände füllt. Unter den denkbar widrigsten Umständen verfasst, machte es den schreibenden, sterbenden Kerkerinsassen zum "originärsten Denker, den es seit 1917 im Westen gegeben hat" (Eric J. Hobsbawm). Von den kommunistischen Theoretikern des 20. Jahrhunderts ist der Gramsci der Gefängnishefte der einzige, der uns heute noch Relevantes zu sagen hat. Mehr noch: Seine Arbeiten sind heute Kanon der gesamten politischen Philosophie.

Scheinbar ungeordnete Notate und Essays - eine wahre Schatzkammer. Gramsci hat dem kritischen Denken einen neuen Kontinent eröffnet - den der Kultur, des Politischen, der Ideen - und gleichsam nebenbei alle ökonomistischen, deterministischen Verzerrungen des Marxismus seiner Zeit intellektuell vernichtet. Dass die geistigen Strömungen des "Überbaus" eine simple Abbildung der Ökonomie seien - mit diesen Plattitüden räumte Gramsci auf. Solche Vereinfachungen hätten nur zur Folge, so Gramsci, dass der Marxismus "einen Großteil seiner kulturellen Ausstrahlung unter intelligenten Personen" verliere, und beschränkte Intellektuelle anziehe, die glaubten, "sie könnten billig und ohne Mühe die gesamte Geschichte und die gesamte politische Weisheit in der Tasche haben".

Gramsci besteht darauf, "dass man unter Staat außer dem Regierungsapparat auch den privaten Hegemonieapparat oder die Zivilgesellschaft verstehen muss". Dies kumuliert in der berühmten Formel aus den Gefängnisheften: "Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang". Anders gesagt: In der modernen Gesellschaft ist es nicht so, dass eine kleine Gruppe "Herrschender" die anderen mit Zwang unterdrückt, sondern dass eine "herrschende Ordnung" ihre Stabilität daraus zieht, dass eine Mehrheit an sie glaubt. Politischer Kampf ist der Kampf um die Hegemonien an Ideen, spontanen Weltverständnissen und so weiter.

Gramsci ist sich der Macht der Ideen bewusst, der Religion, ja der Philosophie, besonders, wenn sie in den "Alltagsverstand" des Volkes eingeht, den er die "Folklore der Philosophie" nennt ("Jede philosophische Strömung hinterlässt eine Ablagerung von Alltagsverstand; diese ist das Zeugnis ihrer historischen Leistung"). Pointe am Rande: Das Wort "Zivilgesellschaft", heute in aller Munde, ist eine von Gramsci geprägte Vokabel, die selbst schon fast in den "Alltagsverstand" hinabgesunken ist.

Noch und gerade in ihren einfachsten Bildern erweisen die ideologischen Bodensätze ihre Wirksamkeit ("Gesetz ist Gesetz", "Jeder ist seines Glückes Schmied"). Gramsci war jemand, der zeitlebens hinsah, der die einfachen Leute, deren spontane Weltsichten, genauso spannend fand wie Alltagsrituale oder philosophische Konzepte, der im hohen Ansehen der Naturwissenschaften das Kultische wahrnahm, der sich bei Hegel-Lektüre genauso wie bei Populärliteratur, etwa bei den "drei Musketieren" fragte, welche Weltbilder sich in ihnen verdichten und gleichzeitig verbreitet werden.

"Kenntnis des Feldes"
Ideologische Hegemonien zu durchbrechen braucht, so können wir im Anschluss an Gramsci zeitgemäß formulieren, andere Erzählungen, eine "hegemoniale Strategie". Diese ist, so Gramsci, eine Arbeit, "deren erste Bedingung die genaue Kenntnis des Feldes ist". Darum auch Gramscis Interesse für die volkstümlichen Sedimente der Theorien, die er die "spontane Philosophie" nennt, "die jedermann eigen ist".

Was ist eine Gesellschaft? Welcher Konsens hält sie zusammen und wie wird dieser Konsens organisiert? Welches ist die Bedeutung der Tradition, der Intellektuellen, der Ideen in diesem Feld? Gramsci buchstabiert das durch, anhand von Romanen, aber auch jede Zeitungsnotiz ist ihm Quelle. Welch gefundenes Fressen wäre etwa für Gramsci eine deutsche Bundeskanzlerin, die ihre Austeritätspolitik mit dem Bild der "sparsamen schwäbischen Hausfrau, die nur ausgibt, was sie einnimmt", unter die Leute bringt?

Der kleine zarte Mann hinter Kerkermauern war isoliert und hat das atemberaubendste politisch-philosophische Gesamtwerk des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Ja, es ist sogar eine unbestreitbare und zugleich unerhört klingende Tatsache, dass Gramsci wohl nie dazu gekommen wäre, ein solches Werk zu verfassen, wenn er nicht von Mussolini eingekerkert worden wäre.

Es ist immer noch bemerkenswert, wie weit er den philosophischen Doktrinen seiner Zeit voraus war, etwa wenn er schreibt: "Die Menschheit ist noch ganz aristotelisch. Dass das Erkennen ein Sehen statt eines Tuns sei, dass die Wahrheit außer uns sei, bezweifelt niemand, und man riskiert, für verrückt gehalten zu werden, wenn man das Gegenteil behauptet." Dass das Wissen eher eine Praxis als ein Erkennen ist, unterschiedliche Narrative verschiedene "Wissen" produzieren - all das, was später die Postmoderne durchbuchstabierte, blitzte bei Gramsci schon auf. Gedanken, wie sie etwa Jean-François Lyotard in "Das postmoderne Wissen" populär machte, sind ferne Echos auf das, was Gramsci 50 Jahre vorher bedachte

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Dokument erstellt am 2015-04-10 11:14:12
Letzte nderung am 2015-04-10 15:10:56



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