• vom 22.05.2015, 13:33 Uhr

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Update: 22.05.2015, 13:40 Uhr

Comic

Entmutigte Aufbruchslust




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"klack klack klack"

Zurück in NS-Deutschland, übernimmt Irmina die Propagandaparolen.

Zurück in NS-Deutschland, übernimmt Irmina die Propagandaparolen.© Cartoon: Yelin/Reprodukt Zurück in NS-Deutschland, übernimmt Irmina die Propagandaparolen.© Cartoon: Yelin/Reprodukt

Diese Verschiebung hat die Zeichnerin auch auf ästhetischer Ebene als subtile Geräuschkulisse angedeutet: So ist anfangs ein "klack klack klack" als Geräusch-Motiv der Schreibmaschine zugeordnet. Doch plötzlich steht dieses Geräusch in Verbindung mit ihrem Hochzeitsfoto und dem Klicken einer Kamera. Schließlich taucht das "klack klack klack" als Geräusch des Gemüseschneidens auf, gleichsam als Höhepunkt einer Entwicklung der Aushöhlung eigener Ansprüche und Lebensziele, ein diskreter Abgesang auf den freien Handlungsspielraum der Protagonistin. Das Verstummen der Schreibmaschine steht für das zunehmende Verstummen der Hauptgestalt.

Wie sehr Irminas Biographie für die Geschichte vieler deutscher Frauen steht, zeigt Alexander Korb in seinem Nachwort, das den historischen Kontext darstellt. Bemerkenswert im Comic ist der Blickwinkel, aus dem heraus Yelin die Geschichte ihrer Großmutter erzählt. Die Autorin-Zeichnerin heftet sich gleichsam so nah wie möglich an die Perspektive der Hauptfigur, und lässt dadurch den Leser/Betrachter die Ereignisse aus deren Augenwinkeln verfolgen.

Darauf muss sich der Betrachter einlassen. Erst dann erschließt sich ihm, was Irmina sieht und was sie nicht sieht, oder präziser: Was sie sehen könnte, müsste, und wovor sie bewusst, aktiv, mit Absicht oder aus Unvermögen, ihren Blick abwendet. Indem der Leser der Spur Irminas folgt, wird er unvermeidlich vor den Kopf gestoßen. Die Grenze zum Mitläufertum wird überschritten.

Vom Comicleser fordert die Zeichnerin, genau jene Arbeit des Sehens zu leisten, die Irmina offenbar durch gezieltes Wegsehen vermeidet. So bleibt jene Realität, die Irmina mit aller Mühe nicht an sich herankommen lässt, auch in den Panels unkommentiert, führt geradezu ein Eigendasein, das durch Irminas Schweigen neutralisiert wird. Das Wegsehen wird schließlich zur Maxime und ultimativen Strategie Irminas, mit der sie auch auf die vielleicht empfindlichsten Berührungspunkte mit der Realität, den Irritationen ihres Sohnes, reagiert: "Mach es wie ich, Frieder. Nicht hinsehen."

Dass man sich bei der Lektüre auf die Treffsicherheit der Bildebene verlassen kann, ist Yelins ausführlichen Recherchen zu verdanken sowie ihrer Zusammenarbeit mit dem Historiker Alexander Korb. Der Comic kommt ohne Off-Stimme und Kommentar aus. Die Bilder sprechen für sich, Ereignisse wie der sogenannte Röhm-Putsch, die Novemberpogrome, der Kriegsbeginn sowie ihre Überdeckungen und Verschleierungen durch die Propaganda sind durch subtile wie präzise Hinweise erkennbar. Aufschriften, Verbotstafeln, Plakate, Schlagzeilen, Propagandabroschüren, Bilder an Wänden und Schaufensterdekorationen stellen neben Briefen und Feldpost, im Radio übertragenen Redenausschnitten oder Schreibmaschinendiktaten wichtige Informationsquellen im Comic dar. Die geschickte Einbettung in den Fluss des Comics zeigt die Versiertheit der Zeichnerin.

Kritische Sensibilität
Dass Yelin dabei die Geschichte nicht nur abzeichnet, sondern ihre historisch neuralgischen Punkte abtastet, lässt sich beispielhaft an der Darstellung der sogenannten "Reichskristallnacht", den Novemberpogromen erkennen: Im Comic kann man nachverfolgen, dass die Plünderungen, Zerstörungen und Verbrennungen von Synagogen und jüdischen Geschäften nicht allein in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattfinden, sondern auch an den helllichten Tagen danach. Der Mythos, dass es sich um eine einzige Nacht gehandelt hätte, so Yelin im Gespräch, suggeriere auch, dass das alles vor sich gegangen wäre, als "der anständige Bürger zu schlafen pflegte".

In Versprechern werden die Schnittstellen von Manipulation und Lüge sichtbar: "Goebbels hat ... Nein: Der Volkszorn hat zurückgeschlagen." Deutlich wird genauso, dass im allgemeinen Rausch der Pogromstimmung auch Gegenstimmen zu hören waren. Solche Komplexitäten jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei durchziehen den fast 300 Seiten starken Comic von Anfang bis Ende. Auch das verworren-stereotype Bild von Deutschland als Nazi- oder Tugendland - je nachdem, wie’s gerade passt -, das in den 1930er Jahren in England vorherrschte, gehört da dazu.

Am Ende macht der Comic einen Sprung nach Barbados. Der Traum von einst rückt ins Bild. 1983 trifft Irmina, nach einer Unterbrechung von 45 Jahren, noch einmal Howard. Doch Im Hintergrund ist der Albtraum; wenn er durchschimmert, löst er Schwindel aus. Es scheint, als ob einzig Verdrängung als Überlebensstrategie davor bewahren könnte.

Martin Reiterer, geboren 1966, Germanist und Kulturpublizist, lebt in Wien und befasst sich speziell mit dem Medium Comic.

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Schlagwörter

Comic, Literatur, Extra

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Dokument erstellt am 2015-05-22 13:35:10
Letzte ńnderung am 2015-05-22 13:40:02



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