• vom 29.05.2015, 14:00 Uhr

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Update: 31.05.2015, 15:01 Uhr

Steiermark

Weltmeister des Diphthong




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Von Ingeborg Waldinger

  • Der Dialekt ist im Alltag der Steirer auch noch heute fest verankert. Zudem besticht er als ironisches Medium der Wort- und Tonkünstler.



Wenn "Asterix ba di Olympischn Schpüle" auftaucht, dann geht gewissermaßen di Poust ob! Der waschechte Steirer Reinhard P. Gruber hat den Comicband "Asterix bei den Olympischen Spielen" in seinen Dialekt übersetzt - und damit die lange Liste von Asterixen in deutschen und österreichischen Mundarten fortgeschrieben: H. C. Artmann und Kurt Ostbahn besorgten Wiener Varianten, Felix Mitterer eine Tirolerische und Armin Assinger eine Kärntnerische. Was macht die Abenteuer von René Goscinnys Galliern so attraktiv für dialektale Versionen? Es ist wohl das Grundmuster einer (durchaus nicht nur fiktiven) Aufmüpfigkeit der Provinz gegen das Zentrum. Und die ist über die bodenständige Regionalsprache höchst facettenreich darstellbar.

Sprachspielerische Kren-Werbung der Steirer. Ingeborg Waldinger

Sprachspielerische Kren-Werbung der Steirer. Ingeborg Waldinger Sprachspielerische Kren-Werbung der Steirer. Ingeborg Waldinger

Aufmüpfigkeit
R. P. Grubers eingesteirerte Gallier kalauern kräftig durch die Gegend. Auf dem Weg ins Olympische Dorf tragen sie schon einmal einen flott adaptierten Bier-Werbeslogan auf den Lippen: "Röma samma, Puntigamma". Und statt des Athleten Musculus, der im Asterix-Original-Band für Rom antritt, schickt der Ironiker R. P. Gruber Tschämp Aanold ins Rennen. Der wird von Roms Legionären mit den folgenden Worten angefeuert: "Wennst ba die Olympischen Schpüle wos quinnan taazt, des waa echt a Haumma. Do waa r a Soundaualaub fia uns olle drin: a Wouchn laung Schüüchatoge in Schtainz!"

"Do schaut dei Pfoad aussa", pflegt der Steirer zu sagen, wenn er auf einen Garderobenfehler hinweist.Wiener Zeitung/Moritz Ziegler

"Do schaut dei Pfoad aussa", pflegt der Steirer zu sagen, wenn er auf einen Garderobenfehler hinweist.Wiener Zeitung/Moritz Ziegler "Do schaut dei Pfoad aussa", pflegt der Steirer zu sagen, wenn er auf einen Garderobenfehler hinweist.Wiener Zeitung/Moritz Ziegler

Mit dem "Schüücha" ist der Schilcher gemeint, das in Rosétönen "schillernde" (daher der Name) Elixier aus der Blauen Wildbacher Traube. Seit Jahrhunderten in der Steiermark kultiviert, wurde diese Rebsorte von Erzherzog Johann besonders gefördert. Die Gemeinde Stainz würdigt den Schilcher alljährlich mit einem üppigen Fest, und auch die Schilcher-Huldigungen des studierten Theologen und Philosophen R. P. Gruber haben Tradition. Auf sein launiges "Schilcher-ABC" folgte sein dialektaler Comic "Der Schilcherkrieg": Der Weinkrieg entbrennt, weil ein Agent die gesamten Schilcherbestände von Stainz aufkauft und nach China exportiert. Worauf die Weststeirer wegen kontinuierlicher Unterschilcherung in kollektives Siechtum verfallen. . .


Die "Poust" ging auch ab beim diesjährigen Frühlingsauftritt der Steirer am Wiener Rathausplatz. Großen Zuspruchs erfreuten sich nebst Schilcher, Thermen und Zirben natürlich die Trias Kernöl, Kren und Krachlederne. Der steirische Dialekt spielte dabei - als Marketingfaktor - aber eine marginale Rolle. Das ist wohl der angestrebten Reichweite der Werbebotschaften geschuldet. Zumindest die Tourismusregion "Hochsteiermark" gab Veranstaltungshinweise im Dialekt: So führte man traditionelle Wettkämpfe wie etwa das "Nogln" vor: Was immer ein echter Wiener unter diesem Begriff verstehen mag, für den Steirer bezeichnet er eine Geschicklichkeitsübung: Es gilt, mit der Schneide (!) einer Hacke Nägel in einen Holzstock zu schlagen; wer die letzte freie Stelle beschlägt, gibt eine Runde aus.

Steirisches Mantra
Im sogenannten Steiermark-Shop, wo trachtige, rustikale und kulinarische Souvenirs feilgeboten wurden, entdeckten wir schließlich T-Shirts in den Landesfarben Grün und Weiß. Ihre Rückseite zeigte eine Phalanx knackiger Wadeln von Lederhosenträgern, während auf der Vorderseite die Aufschrift "Steirabluat is koa Himbeersoft" prangte. Dem weit über die Landesgrenzen bekannten Merkspruch scheint die spirituell-energetische Kraft eines Mantras zu eignen: Durch des Steirers Adern fließt kein picksüßer Kindertrank, sondern eine kernige Essenz. Freilich dient dieser Spruch weniger der Bestätigung denn der ironischen Spiegelung der sterischen "Kernnatur". So auch in R. P. Grubers Anti-Heimatroman "Aus dem Leben Hödlmosers" (1973), den der Autor u.a. mit einer "typologie des steirermenschen" eröffnet. Demnach sei zwischen feld-, wald-, fluß- oder bergsteirern zu unterscheiden. Und zwischen dem wein- bzw. kernsteirer. Letzterer sei auch ein begnadeter Jodler: "das ist auch nicht verwunderlich, stammt er doch aus dem steirischen obstgebiet, auf dessen obstbäumen sich alle singvögel gerne niederlassen, um von dort mit dem kernsteirer zu sprechen. (i bin a steirerbua - und hob a kernnatur . . .)".

Den Steirer zeichnet - vielleicht - eine gewisse Kernnatur aus, vor allem aber der spezielle Sound seiner Sprache. Was macht den steirischen Dialekt eigentlich aus, fragen wir den Native Speaker Manfred Glauninger, Soziolinguist und Dialektforscher an der Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien. Noch ehe wir uns ins Thema vertiefen, differenziert Glauninger - in Bezug auf seine Person - das Prädikat "steirischer Native Speaker": "Ich bin ein geborener Grazer, ich bin kein Steirer" (lacht). Also würde er den Grazer Stadtdialekt nicht als "steirisch" bezeichnen? "Er hat schon seine Besonderheiten. Auf die kommen wir noch", meint der Sprachforscher und skizziert die steirische Sprachgeographie wie folgt:

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Dokument erstellt am 2015-05-29 13:17:08
Letzte ─nderung am 2015-05-31 15:01:56



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