• vom 05.06.2015, 14:00 Uhr

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Wissenschaft

Grenzgänger und Dilettanten




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Von Franz M. Wuketits

  • In der Wissenschaft treten häufig Außenseiter in Erscheinung. Manche werden spät als bahnbrechende Forscher gewürdigt - was auf den Wissenschaftsbetrieb einiges Licht wirft.



Als Anfang des 20. Jahrhunderts der Geophysiker und Meteorologe Alfred Wegener (1880-1930) seine Theorie der Kontinentalverschiebung entwickelte, wurde er von vielen Vertretern seiner Zunft verspottet, als Phantast oder Spinner angesehen.

Paracelsus, der sehr umstrittene Mediziner. Anonyme Kopie eines verschollenen Gemäldes von Quentin Massys. Abb.: Gohnarch/Wikipedia

Paracelsus, der sehr umstrittene Mediziner. Anonyme Kopie eines verschollenen Gemäldes von Quentin Massys. Abb.: Gohnarch/Wikipedia Paracelsus, der sehr umstrittene Mediziner. Anonyme Kopie eines verschollenen Gemäldes von Quentin Massys. Abb.: Gohnarch/Wikipedia

Er kämpfte gegen die - im doppelten Sinn des Wortes - fixe Idee der Geologen, nämlich die Vorstellung von der Stabilität der Landmassen und Ozeane. Erst ab den 1960er Jahren fand seine Theorie Anerkennung, was er aber nicht mehr auskosten konnte. Der begeisterte Polarforscher hatte während seiner vierten Grönland-Expedition einen frühen Tod gefunden.


Unliebsame Ideen
Heute ist Wegener aus der Geschichte der Geowissenschaften nicht mehr wegzudenken. Er war ein Wegweiser in der Erforschung unseres Planeten und seines Werdens. Der Grat zwischen bloßer Spinnerei und bahnbrechender Forschung ist also mitunter recht schmal. Wegener war im Wissenschaftsbetrieb durchaus etabliert. Er war zunächst Vorstand der meteorologischen Abteilung der Deutschen Sternwarte, danach Professor in Hamburg und schließlich Professor in Graz.

Aber er vertrat eine seiner Kollegenschaft unliebsame Idee und wurde so als Außenseiter abgestempelt. Andere Außenseiter sind im Wissenschaftsbetrieb nicht etabliert, wollen aber in diesen - eben von außen - Ideen hineintragen. Was sich freilich oft als besonders schwieriges Unterfangen erweist. Denn wie in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens werden auch in der Wissenschaft "Eindringlinge" nicht gern gesehen.

Ob jemand grundsätzlich in den Wissenschaftsbetrieb oder die Wissenschaftergemeinschaft (scientific community) integriert ist, lässt sich heutzutage anhand einiger äußerlicher Kriterien festlegen. Wer kein akademisches Studium abgeschlossen hat, keine akademische Lehrtätigkeit ausübt, keine Institutsadresse angeben kann oder darf (also nicht "affiliiert" ist), nie zu Vorträgen anlässlich wissenschaftlicher Symposien eingeladen wird und seine schriftlichen Arbeiten nicht in angesehenen Zeitschriften und Verlagen unterbringen kann, gilt als nicht integriert. Die Qualität seiner Arbeiten lässt sich allerdings allein daran nicht messen. Denn umgekehrt vollbringt keineswegs jeder, der im Wissenschaftsbetrieb fest verankert ist, auch nennenswerte Leistungen. So mancher schwimmt in diesem Betrieb nur mit und wird, wie der Wiener Wissenschaftstheoretiker Erhard Oeser schon vor einigen Jahrzehnten feststellte, "auf dem Rücken einer statistischen Schwankung ebenso sicher in die Höhe des wissenschaftlichen Erfolges getragen, wie er auch ebenso schnell wieder in die Tiefe der Bedeutungslosigkeit zurückgerissen wird".

Bohnen und Erbsen
Viele wissenschaftliche Leistungen lassen sich nur in der Langzeitperspektive richtig beurteilen. Das gilt beispielsweise auch für Gregor Mendel (1822-1884) und seine Vererbungslehre. Heute praktisch jedem Schulkind ein Begriff und von der Geschichte der Biologie nicht wegzudenken, wurde Mendel von seinen Zeitgenossen ignoriert. Zwar hatte der Augustinermönch und spätere Prior des Augustinerklosters in Brünn neben Theologie auch Naturwissenschaften studiert, arbeitete aber an seinem Wirkungsort abseits aller großen, anerkannten wissenschaftlichen Institutionen.

Seine anhand zahlreicher Kreuzungsversuche mit Bohnen und Erbsen gewonnenen Erkenntnisse (Mendel-Gesetze) bilden das Rückgrat der klassischen Genetik, wurden jedoch auch deshalb zunächst nicht wahrgenommen und verstanden, weil sie in der damaligen Biologie ungewohnte und unübliche statistische Befunde enthielten. Erst knapp zwanzig Jahre nach seinem Tod wurden Mendels Arbeiten wiederentdeckt und genießen seither uneingeschränkte Anerkennung - wovon der Forscher persönlich nichts mehr hatte und somit sein Schicksal mit Alfred Wegener teilt.

Mendel ist unter den Außenseitern der Wissenschaft ein Grenzgänger und Fremdgeher. Dasselbe gilt zumindest in einer Hinsicht auch für den österreichischen Physiker Erwin Schrödinger (1887-1961). Dem aber war eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn beschieden. Er bekleidete Lehrämter an verschiedenen europäischen Universitäten, war also im akademischen Lehr- und Forschungsbetrieb bestens etabliert und wurde (für seine Verdienste um die Quantenmechanik) obendrein noch - bereits als Sechsundvierzigjähriger - mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Ein Grenzgänger und Fremdgeher war er aber deswegen, weil er als Physiker zum Problem der Ordnung des Lebendigen einen originellen Erklärungsansatz vorlegte und damit als Außenseiter in die Fachgenossenschaft der Biologen eindrang. Sein 1944 erschienener schmaler Band "Was ist Leben? Die lebende Zelle mit den Augen des Physikers betrachtet" fand denn auch unter Biologen zunächst kaum Beachtung. Doch durfte Schrödinger noch erleben, dass auch sein Ausflug in die Biologie nach und nach wohlwollend aufgenommen wurde. Schrödinger gilt heute als einer der Wegbereiter der modernen Molekularbiologie.

Goethe als Forscher
Das Phänomen der Außenseiter in der Wissenschaft zeigt viele Facetten. Geht man in der Geschichte weiter zurück, so häufen sich zunehmend Universalisten und Dilettanten, die nach heutigen Kriterien nirgendwo akademisch, institutionell untergebracht werden könnten, jedoch eine derartig nachhaltige Wirkung hinterlassen haben, dass die meisten der heute "etablierten" Wissenschafter dagegen verblassen.

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Dokument erstellt am 2015-06-03 16:38:10



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