• vom 06.06.2015, 15:00 Uhr

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Unviersität Wien

Einübungen in die Freiheit




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Von Paul R. Tarmann

  • 1945 bot die Universität Wien populärwissenschaftliche Vorträge an, die zur geistigen Neuorientierung Österreichs beitragen sollten.

Zu den Organisatoren der Vorlesungsreihe gehörte Ernst Fischer, damals kommunistischer Staatssekretär, hier zu sehen bei einer Rede vor dem Wiener Rathaus. Franz Blaha/ ÖNB-Bildarchiv/ picturedesk,com

Zu den Organisatoren der Vorlesungsreihe gehörte Ernst Fischer, damals kommunistischer Staatssekretär, hier zu sehen bei einer Rede vor dem Wiener Rathaus. Franz Blaha/ ÖNB-Bildarchiv/ picturedesk,com

Der Zweite Weltkrieg war für beendet erklärt worden. Am 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung, hatte das Nazi-Regime bedingungslos kapituliert, doch auch danach wurde in einigen Gegenden Österreichs noch gekämpft. Es war nicht klar, was in Österreich geschehen und wie sich das Kriegsende politisch auswirken würde. In dieser Unsicherheit zwischen gerade entmachteter Schreckensherrschaft und neuen Besatzungsmächten gab es aber auch Ereignisse, die hoffen ließen und darauf hinwiesen, dass es auch noch anderes gibt als Krieg, Zerstörung und Leid.

An der Universität Wien geschah Unerwartetes, scheinbar Unpassendes und Unvernünftiges: Es wurden Vorlesungen gehalten! Für eine kurze Zeit ging es nicht darum, Verletzte zu versorgen, Vermisste zu suchen, Tote zu bestatten und den Schutt der "Schlacht um Wien" wegzuräumen, sondern man gab sich dem Wissen und der Weisheit hin.


Diese Vorlesungen begannen am 23. Mai, wir können also dieser Tage den 70. Jahrestag der Wiedereröffnung feiern. Neben ihrem stolzen 650-jährigen Bestandsjubiläum hat die "Alma Mater Rudolphina Vindobonensis" daher heuer einen "zweiten" Geburtstag zu begehen.

Es handelt sich hier um ein Lebenszeichen, ein Bekenntnis zu den Werten der freien Forschung und Lehre, die davor wenig geachtet, wenn nicht gar bekämpft worden waren. Trotz Geldmangel und Elend konnten diese Vorlesungen durchgeführt werden. Ihr Ziel war es, möglichst viele Menschen zu erreichen und mit einem breiten Angebot zur Volksbildung beizutragen.

Demokratische Bildung
Die vielen Jahre der Propaganda machten ein umfassendes Angebot an demokratischer Bildung notwendig, die freilich langfristig angelegt sein musste. Karl Jaspers meinte gar, eine "Umerziehung" des deutschen Volkes sei notwendig. Der Appell an die Verantwortung des Menschen und die Erziehung zur Demokratie ließ Jaspers auf die "größte Chance der Menschheit" hoffen, nämlich die Wandlung zur Vernunft.

Der Beginn dieser Bildungsbemühungen konnte in Wien nicht schnell genug beginnen, was für ein deutliches Bemühen und eine große Erwartung spricht. Verantwortlich für dieses uneingeschränkte und aller Widerstände trotzende Bekenntnis zur Bildung war die Provisorische Regierung unter dem ersten Staatskanzler der Zweiten Republik, Karl Renner, deren Periode vom 27. April bis zum 20. Dezember währte.

Der Kommunist Ernst Fischer war Staatssekretär für Volksaufklärung, Unterricht, Erziehung und Kultuswesen - heute wäre dies einem Ministeramt gleichzusetzen. Unterstaatssekretäre waren Josef Enslein (SPÖ), Ernst Hefel (ÖVP) und Karl Lugmayer (ÖVP). Der Letztgenannte war zuständig für den Wiederaufbau und die Betreuung der Universitäten, was damals vor allem die Neubesetzung der vielen vakanten Lehrstühle beinhaltete. Fischer berichtet in seinen Erinnerungen, dass ehemalige Nationalsozialisten nach Überprüfung durch Dreierkommissionen vom Dienst suspendiert wurden.

Gemeinsam planten Fischer und Lugmayer die "Geschichtliche und weltanschauliche Vortragsreihe im Rahmen der Universitätskurse", Lugmayer organisierte die "Geschichtliche Reihe" sowie die "Christliche Weltanschauungslehre", Fischer übernahm den als "Dialektischer Materialismus" bezeichneten dritten Themenblock. Dass mit diesen beiden Personen nur zwei Par- teien vertreten waren, kommentierte Fischer nach den schweren Jahren der Vertreibung und Verfolgung folgendermaßen: " . . . die Sozialdemokraten hatten wenig anzubieten."

Wille und Erkenntnis
Die Vortragsreihe begann am Mittwoch, 23. Mai um 15 Uhr, in der Folge fanden jeden Mittwoch Vorträge zur "Christlichen Weltanschauungslehre" statt: Lugmayer hielt vier Vorlesungen zum Gesamtthema "Das Wesen des Menschen". Die einzelnen Vorlesungen Lugmayers hießen: "Das Wesen des Menschen", "Die Seinsstufen", "Das Erkennen", "Der Wille". Der vor allem für seine philosophischen Texte bekannte Professor Lugmayer war ursprünglich Romanist, hatte aber auch Staatswissenschaften studiert und sich mit den Naturwissenschaften an der Hochschule für Bodenkultur im Rahmen von Fachkursen auseinandergesetzt.

Über "Religion und Rasse" sprach Oskar Katann, der aus der Zwangspensionierung zurückgekehrte Leiter der Wiener Stadtbi-bliothek. Der Sozialphilosoph und spätere Ordinarius für Soziologie, August Maria Knoll, sprach über "Mensch und Gesellschaft". Der katholische Pastoraltheologe und Prediger der Versöhnung zwischen Kirche und Arbeiterschaft, Michael Pfliegler, referierte über "Mensch und Kirche".

Die Vortragsreihe zum Thema "Dialektischer Materialismus" fand ab 25. Mai jeweils freitags statt. Das erste Referat hielt Ernst Fischer, die übrigen Vorträge der aus Moskau zurückgekehrte Leo Stern. Fischer war ursprünglich Sozialdemokrat, trat aber 1934 der Kommunistischen Partei bei. Er floh 1934 über Prag nach Moskau. Nach dem "Prager Frühling" 1968 distanzierte er sich von der KPÖ und wurde von dieser ausgeschlossen. Stern war jüdischer Abstammung und illegales Mitglied der 1933 aufgelösten KP gewesen; schon 1935 floh er nach Moskau. Kulturstadtrat Viktor Matejka weist auf Sterns Talent als marxistischer Theoretiker und Publizist hin.

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Dokument erstellt am 2015-06-03 16:44:04



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