
Die bevorstehende
totale Mondfinsternis am 15. Juni fasziniert nicht nur (Hobby-)
Astronomen - außerdem ist es für die heimischen Sternwarten eine
gute Gelegenheit für eine
Leistungsschau.
Text: Mathias Ziegler
ittwoch, 15. Juni 2011, 20.23 Uhr MESZ: Der Mond tritt in den Kernschatten der Erde, die sonst fahlweiße Scheibe am dunklen Nachthimmel, die an diesem Abend voll ist, verfärbt sich rötlich. Und Millionen Europäer, Afrikaner, Asiaten und Australier werden in dieser Nacht gebannt nach oben blicken, fasziniert von diesem lunaren Schauspiel, das sich in einer solchen Länge (mehr als 100 Minuten) nur alle zehn bis zwanzig Jahre ereignet.
Nun kann man ein solches Ereignis natürlich nüchtern betrachten und wissenschaftlich hinter die Bewegungsabläufe unseres Sonnensystems blicken. Oder man lässt sich einfach in die Faszination und Romantik dieses Anblicks fallen und schwelgt in kindlicher Begeisterung. Wer kommenden Mittwoch eine der heimischen Sternwarten besucht, wird wohl feststellen, dass dort beide Komponenten eine wichtige Rolle spielen. Und wer die Astronomen etwa der Kuffner Sternwarte in Wien-Ottakring dazu befragt, dem schlägt eine solche Begeisterung für dieses und viele andere Himmelsereignisse entgegen, dass sie in Worten fast nicht fassbar ist.
Zum Beispiel im Gespräch mit Günther Wuchterl, dem Präsidenten des ehrenamtlichen Vereins Kuffner Sternwarte, der die Beobachtungsstation an der Johann-Staud-Straße 10 in Kooperation mit den Wiener Volkshochschulen betreibt. Wuchterl ist nämlich ein Astronom mit Leib und Seele, wie es so schön heißt. "Ein Studienkollege hat mich einmal zur Sternwarte mitgenommen - und es hat mich sofort infiziert", erzählt er. Für ihn ist die Beobachtung des Himmels durch den drittgrößten Refraktor Österreichs in der Kuffner Sternwarte so, "als ob man im Kunsthistorischen Museum eine geheime Tür entdeckt hätte, hinter der die kostbarsten Schätze versteckt liegen." Und Wuchterl ist sichtbar beseelt von der Mission, mit dieser Begeisterung alle Besucher der Kuffner Sternwarte anzustecken.
klassische Musik mitten Auf dem Gürtel. Auch wenn in Wien die Bedingungen fürs Sternderlschauen vielleicht nicht die idealsten sind - Stichwort Lichtverschmutzung: Am nächtlichen Stadthimmel sind nämlich bei weitem nicht so viele Himmelskörper zu sehen wie im unverbauten Gebiet. Wuchterl zieht dazu einen sehr passenden Vergleich: "Das ist wie klassische Musik mitten auf dem Gürtel zu hören." Der Verein hat deshalb neben der Sternwarte noch einen zweiten Standort in Großmugl. Die Marktgemeinde, die in einer Senke zwischen Korneuburg und Hollabrunn liegt, wurde von der Unesco zum ersten Sternenreservat Europas ernannt. "Großmugl ist mit dem Auto keine Stunde von Wien entfernt, aber der Nachthimmel ist nicht zu vergleichen. In einer perfekten Nacht in Wien sieht man vielleicht 100 Sterne - aber in Großmugl sind es in derselben Nacht 5000", sagt Wuchterl.
Mit einem entsprechenden Teleskop kann man natürlich einiges kaschieren. Weswegen man die Abendstunden des 15. Juni am besten trotzdem in Wien verbringen sollte. Und zwar zuerst im Planetarium beim Prater, wo im Rahmen eines Mondfinsternis-Specials mittels Projektor erklärt wird, wie das Schauspiel zustande kommt, und dann in der Urania-Sternwarte am Ring, wo man durch das Teleskop den roten Mond in seiner ganzen Pracht live bestaunen kann.
Dieser Abend ist beispielhaft für das Zusammenspiel zwischen den astronomischen Institutionen in Wien: Während die Kuffner Sternwarte und die Urania - ebenso wie die Universitätssternwarte im Türkenschanzpark - mit dem Live-Erlebnis Himmelsbeobachtung locken, ermöglicht das Planetarium mit seinem opto-mechanischen Sternenprojektor (einem der größten weltweit) eine perfekte Nachbildung des Himmels, wenn dieser vielleicht gerade wolkenverhangen ist. Oder aber eben auch die Darstellung und Erläuterung diverser Himmelsereignisse. "Ein Planetarium zu bedienen ist wie eine große Orgel zu spielen", meint Wuchterl.
"Es gibt dabei neuerdings einen Trend zu interaktiven Live-Shows, also nicht nur reine Vortragsprojektionen, sondern echte Moderation, bei der die Besucher Fragen stellen können", erzählt der Astrophysiker Michael Feuchtinger, der Anfang April die Leitung des Planetariums übernommen hat. Unter seiner Ägide wird zum Beispiel ab sofort im ansonsten bis zu 230 Sitzplätze fassenden Kuppelsaales auch eine Kleinveranstaltung angeboten, bei der maximal 30 Personen "Fünf Sternbilder in einer Stunde" kennenlernen und diese später dann auch selbst am Himmel finden können. Ein sehr hilfreicher Kurs, denn der normale Städter hat ja das Problem, dass er daheim die meisten Sterne gar nicht wahrnehmen kann, weil es zu hell ist. Und wenn er dann einmal auf dem Land freie Sicht hat, sieht er plötzlich so viele Sterne, dass er dann vielleicht den Gürtel des Orion und das Himmels-W entdeckt, aber schon beim Großen Wagen scheitert.
Eine wichtige Rolle spielt natürlich das Kinderprogramm. Aber nicht nur die Kleinsten sind fasziniert von der schier unendlichen Welt der Sterne, sondern auch die mittlerweile erwachsene "Generation Hubble", wie sie Wuchterl nennt, also jene, die mit den Bildern des Hubble-Weltraumteleskops aufgewachsen sind und eigentlich alles kennen, sind seiner Erfahrung nach "hin und weg, wenn sie den Mond zum ersten Mal plastisch sehen oder die Saturn-Ringe, die auch durchs Teleskop ausschauen wie in einem Comic, nicht zu vergessen die Plejaden . . ." Da gerät er wieder ins Schwärmen, der Astronom, für den ein Besuch der Kuffner Sternwarte ein ganzheitliches Erlebnis ist. Denn dieses beginnt schon beim Betreten: "Da stehen Sie vor diesem Turm in diesem Märchengarten, die Stadt rundherum könnten Sie da fast vergessen, und dann steigen Sie über die knarrenden Stufen hinauf in die alte, handbetriebene Kuppel mit ihrem besonderen Charme. Es ist, wie wenn man im Musikverein den Wiener Philharmonikern lauscht, wenn sie auf ihren alten Instrumenten spielen." Der Vereinspräsident hat mit seiner Beschreibung absolut recht. Zumal es tatsächlich auch kulturelle Veranstaltungen in den Sternwarten und im Planetarium gibt, bei denen unter anderem musiziert wird. Da gibt es dann romantische Konzertabende unter Sternen.