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Update: 24.10.2015, 14:00 Uhr

Astronomie

Prophetischer Gedankenflug




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Von Christian Pinter

  • Vor 150 Jahren erschien Jules Vernes Roman "Von der Erde zum Mond". Der Franzose nahm darin überraschend viel vorweg.



"Jules Verne" - so tauften die Europäer 2008 ihr erstes automatisches Versorgungsschiff für die Raumstation ISS. NASA

"Jules Verne" - so tauften die Europäer 2008 ihr erstes automatisches Versorgungsschiff für die Raumstation ISS. NASA "Jules Verne" - so tauften die Europäer 2008 ihr erstes automatisches Versorgungsschiff für die Raumstation ISS. NASA

Im Frühjahr 1865 endet der Amerikanische Bürgerkrieg - nach vier Jahren Dauer und 620.000 Gefallenen. Der lange zuvor in Baltimore gegründete Gun-Club ist deshalb sehr unglücklich. Seine Mitglieder, in erster Reihe Artillerie-Experten, haben sich bisher der "Verbesserung" von Feuerwaffen gewidmet. Die amerikanischen Kanonen übertreffen europäische bei weitem: Eine einzelne Kugel tötete im Sezessionskrieg bis zu 215 Südstaatler. Im Feuer dieser sogenannten "Columbiaden" sind Menschen gefallen "wie Ähren unter der Sense". Doch ohne Aussicht auf Krieg steht der Gun-Club, ein Verein von "Würgeengeln", nun vor seiner Auflösung.

So lässt Jules Verne (1828- 1905) seinen Roman "De la Terre à la Lune" ("Von der Erde zum Mond") beginnen. Zuvor hat der Franzose bereits "Fünf Wochen im Ballon" und "Reise zum Mittelpunkt der Erde" veröffentlicht. Sein neuestes Werk erscheint ab 14. September 1865 als Vorabruck im "Journal des débats" und am 25. Oktober auch als Buch.

Information

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als freier Journalist in Wien und schreibt seit 1991 über astronomische Themen im "extra". Mehr auf seiner Website.


Angesichts des bevorstehenden "unfruchtbaren Friedens" überrascht Impey Barbicane, der 40-jährige Präsident des Gun-Clubs, seine Mitglieder mit einer bahnbrechenden Idee: Eine noch zu entwickelnde Riesenkanone wird ein Projektil auf den Erdtrabanten schießen!

Auf Atomraketen ins All

Der Zeichner Henri de Montaut illustrierte einige spätere Ausgaben von Vernes Roman. Abbildung: Wikipedia

Der Zeichner Henri de Montaut illustrierte einige spätere Ausgaben von Vernes Roman. Abbildung: Wikipedia Der Zeichner Henri de Montaut illustrierte einige spätere Ausgaben von Vernes Roman. Abbildung: Wikipedia

Der Mond soll kurz nach dem Abfeuern am höchsten Punkt des Himmels stehen. Das bedingt einen Startplatz zwischen dem 28. südlichen und nördlichen Breitenkreis: Auf US-amerikanischem Boden kommen da nur zwei Bundesstaaten in Frage. In Texas rivalisieren Städte wie Corpus Christi und Laredo; also entscheidet man sich für eine südlich von Tampa gelegene Region Floridas. Weil Greenwich damals noch nicht den internationalen Nullmeridian definiert, gibt Verne die Koordinaten des Abschussorts relativ zu Washington an.

Er liegt knapp 220 Kilometer südwestlich von Cape Canaveral, das später zur Heimstatt des US-Weltraumbahnhofs wird. Möglichst äquatornahe Raketenstartplätze nützen die Erdrotation nämlich besser aus und sparen so einige Prozent an Energie. Die Ostküste wird es den US-Raketen außerdem ermöglichen, über dem Atlantik, also über unbewohntem Gebiet aufzusteigen. Aus vergleichbaren Gründen küren die Sowjets 1957 Baikonur zu ihrem Kosmodrom. Es liegt in der damaligen Unionsrepublik Kasachstan.

Selbst heutige Kanonen könnten ein antriebsloses Geschoß nicht auf die für den Mondflug erforderliche Geschwindigkeit von rund 40.000 km/h beschleunigen. Dazu braucht es kräftige Raketen. Diese entstammen, ebenso wie Vernes Riesenkanone, der Kriegstechnik. Zunächst entwickelt sie Nazi-Deutschland. Nach dem Krieg folgen die UdSSR und die USA. Immer geht es darum, Bomben bzw. Atomsprengköpfe über möglichst weite Distanzen zu befördern. Der Sputnik, aber auch die Menschen in den ersten Raumschiffgenerationen Wostok, Mercury, Woschod und Gemini - sie alle werden an der Spitze von entsprechend adaptierten bzw. erweiterten Atomraketen ins All reiten.

Um den Mond in möglichst geringer Erddistanz zu treffen, soll Vernes Kanone bereits am 1. Dezember des Folgejahres losfeuern. Das ist knapp bemessen. Im Wörterbuch der Amerikaner, so Verne, gibt es aber keinen Ausdruck für "unmöglich". Zweifel, Bedenken oder Besorgnisse würden diese "geborenen Ingenieure" nicht kennen. Tatsächlich werden ausgerechnet die USA in der Raumfahrt führend sein. Nur die Sowjetunion treibt anfangs die Raketentechnologie aus strategischen Gründen noch entschiedener voran. Das Wettrennen zum Mond erlaubt jedenfalls kein langes Zaudern. Zwischen dem Sputnik (1957) und der ersten sowjetischen Mondsonde Luna 1 verstreichen bloß 15 Monate. Zwischen Juri Gagarins erstem Aufstieg ins All (1961) und jenen Stiefelabdrücken, die Neil Armstrong im Mondstaub zurücklässt, liegen nur acht Jahre.

"Mondsüchtige" USA
1961 erklärt Präsident John F. Kennedy die Mondlandung ausdrücklich zum nationalen Ziel ("This nation should commit itself..."). Der Kreml tut es ihm gleich, wenngleich geheim. Zur nationalen Kraftanstrengung gerät das Projekt auch in Jules Vernes Roman: Ganz Amerika ist "mondsüchtig", 25 Millionen Herzen fühlen denselben Pulsschlag. Aber auch andere Länder steuern Mittel bei. Selbst Österreich zeigt sich "inmitten seiner Finanznot recht edelmütig". Schließlich kommen 5,5 Millionen US-Dollar zusammen. Das US-Apollo-Programm wird 25 Milliarden kosten.

Der Gun-Club-Präsident Barbicane will den Mond zu einem Bundesstaat der USA machen. Die Yankees, so Verne, haben "keinen anderen Ehrgeiz mehr, als den, von diesem neuen Kontinent der Lüfte Besitz zu ergreifen, und das Sternenbanner der Vereinigen Staaten Amerikas auf seinem höchsten Gipfel aufzupflanzen". In "Besitz" wird der Mond nicht genommen, wenngleich die Apollo-Astronauten dort ab 1969 tatsächlich das Sternenbanner hissen. Schon zehn Jahre zuvor schlägt die unbemannte Sonde Luna 2 hart auf dem Mond auf und verstreut dabei metallene Sowjet-Embleme.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-10-23 14:14:07
Letzte ─nderung am 2015-10-24 14:00:14



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