• vom 13.12.2015, 15:00 Uhr

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Banken

Ehrenamtlich und ethisch




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Von Holger Blisse

  • In Österreich soll nun eine Bank für Gemeinwohl gegründet werden.



Passend zum ursprünglichen Namen "Demokratische Bank" entsteht mit der BfG eine "Bank für alle". Doch deren (All-)Gemeinwohl darf nicht zu einer Leerformel werden.

Passend zum ursprünglichen Namen "Demokratische Bank" entsteht mit der BfG eine "Bank für alle". Doch deren (All-)Gemeinwohl darf nicht zu einer Leerformel werden.© Jugolsav Vlahovic Passend zum ursprünglichen Namen "Demokratische Bank" entsteht mit der BfG eine "Bank für alle". Doch deren (All-)Gemeinwohl darf nicht zu einer Leerformel werden.© Jugolsav Vlahovic

Noch ist sie als Bank am Markt gar nicht aktiv. Doch der künftige Alleineigentümer der als Aktiengesellschaft geplanten Bank für Gemeinwohl (BfG), die BfG Eigentümer/-innen- und Verwaltungsgenossenschaft, ist bereits vor einem Jahr gegründet worden und wirbt seit einigen Monaten aktiv um Mitglieder und damit Eigentümer, um das erforderliche Eigenkapital für die Beantragung einer Bankkonzession bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) aufzustellen.

Der erste Meilenstein, eine Million Euro einzuwerben, konnte bereits aus dem engeren Kreis der zum Teil prominenten Befürworter heraus erreicht werden. Anfang Dezember hatte man die 1,7 Million-Euro-Schwelle auf dem Weg zu den mindestens anvisierten sechs bis zehn Millionen Euro überwunden und zählte über 2200 Mitglieder. Perspektivisch sollen rund 40.000 Mitglieder aus ganz Österreich gewonnen werden - und die Bank soll 2017 an den Start gehen können.

Es wäre dann sieben Jahre her, als alles seinen Anfang nahm und die Idee zur Bankgründung, die auf Christian Felber, Mitbegründer von Attac Österreich, zurückgeht und von ihm seitdem publizistisch und mit Vorträgen begleitet wird, der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Das zumeist ehrenamtliche Engagement vieler Interessierter hat die Idee über die Zeit getragen und wurde professionell unterstützt, als es konkreter zu werden begann. Organisiert wird der Dialog über verschiedene Arbeitskreise zu den Gründungsaufgaben in Wien und über Regionalgruppen in anderen Bundesländern.

Ohne Filialen

Das Gründungsvorhaben ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen fällt es in eine Zeit, in der das Geschäftsgebaren - vor allem international tätiger, großer - Kreditinstitute durch die Finanzkrise in die Kritik geraten ist. Gerade dies ist der Ansatzpunkt für die BfG, dem eine andere Art entgegenzusetzen, Bankgeschäfte zu betreiben, und möglichst viele zum Mitmachen zu aktivieren. Zum anderen gilt nicht nur der österreichische Markt als "overbanked": angesichts zunehmender Internet- und Mobilfunktechnologien erwartet man eher Filialschließungen und Bankenfusionen.

Als Folge dieser Konzentration entstehen aber wiederum größere Einheiten - mit allen Risiken für das Bankensystem. Die BfG ist zunächst als Direktbank ohne Filialen geplant. Sie sieht sich in der Tradition eines - historisch gesehen - alternativen Bankgeschäfts - und will dort wieder anfangen, wo Raiffeisen und Sparkasse begonnen haben. Zugleich würde mit der BfG ein Kreditinstitutstyp in Österreich entstehen, wie er in anderen Ländern Europas bereits Vorbilder besitzt und mit dem Begriff eines "ethisch-ökologisch-sozialen Kreditinstitutes" beschrieben werden kann.

Information

Holger Blisse hat als wissenschaftlicher Projektmitarbeiter der Universität Wien gearbeitet und ist u.a. auf kredit-, land- und wohnungswirtschaftliche sowie genossenschaftliche Themen spezialisiert.

Dazu zählen im deutschsprachigen Raum zum einen aus der anthroposophischen Bewegung heraus entstandene Institute wie die bereits 1974 gegründete GLS Gemeinschaftsbank in Bochum (GLS = "Gemeinschaft für Leihen und Schenken") und die 1984 entstandene Freie Gemeinschaftsbank Genossenschaft mit heutigem Sitz in Basel; zum anderen die Alternative Bank Schweiz mit Hauptsitz in Olten oder die seit 2001 börsennotierte Nürnberger UmweltBank. Einen eigenen Weg hat die Volksbank Eisenberg in Thüringen mit ihrer EthikBank eingeschlagen, bei der es sich um eine Zweigniederlassung innerhalb der Bank handelt. Es können ebenso kirchlich geprägte Institute wie die kirchlichen Kreditgenossenschaften in Deutschland, etwa die Steyler Bank, die auch in Österreich eine Filiale unterhält, aber auch das Wiener Bankhaus Schellhammer & Schattera dazu gerechnet werden. Dieses Bankhaus dürfte auch nach dem kürzlich erfolgten Eigentümerwechsel seine ethisch-ökologische Ausrichtung beibehalten.

Diese Perspektive lässt sich nach Italien mit dem Ethical Banking der Raiffeisenbank Bozen und weiterer Raiffeisenbanken in Südtirol, das ähnlich konstruiert ist wie die deutsche EthikBank, und mit der genossenschaftlichen Banca Popolare Etica in Padua, die Niederlande, die skandinavischen Länder und nach Frankreich weiter verfolgen.

In allen Fällen tragen Menschen als Eigenkapitalgeber Verantwortung - und als Kunden dazu bei, ihre Unternehmung zu nutzen und prinzipiengetreu weiter zu entwickeln. Ohne den Einsatz des Einzelnen gibt es keinen gemeinschaftlichen Erfolg und kein Gemeinwohl. Keinesfalls sollte man in einer Genossenschaft oder einer dem Gemeinwohl orientierten Bank nur eine Spielart des Üblichen sehen, in dessen Rahmen der Einzelne zwar etwas zu Gunsten der Gemeinschaft einbringt, um am Ende beobachten zu müssen, wie sich nur wenige seinen "Verzicht" zu ihrem eigenen Vorteil aneignen.

Kredit-Transparenz

Die Zahlen über den Zuwachs an Kunden und das Bilanzgeschäft dieser sozialen Kreditinstitute, insbesondere nach Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise, belegen deren zunehmende Akzeptanz als kreditwirtschaftliche Alternativen. Beispielsweise konnte die GLS Bank die Zahl ihrer Kunden seit Anfang 2010 von 73.000 auf heute rund 190.000 steigern, die Bilanzsumme wuchs im gleichen Zeitraum von 1,35 auf über 4,0 Milliarden Euro. Natürlich ist die Versuchung groß, sich den kommerziellen Instituten anzunähern. Doch trotz der zunehmenden Größe behält man bewährte Maßnahme bei, wie etwa die Transparenz bei Kreditvergaben durch namentliche und betragliche Offenlegung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2015-12-11 14:26:06
Letzte ─nderung am 2015-12-11 15:56:06



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