• vom 14.02.2016, 13:30 Uhr

Vermessungen


Tod

Meditation über das Ende




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Von Andreas Walker

  • Von Platon bis Heidegger haben sich Philosophen mit dem Tod beschäftigt. - Überlegungen zum "guten" und "schlechten" Sterben.

"Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord", so lässt Albert Camus seinen "Mythos des Sisyphos" beginnen. Was Camus anhand des Absurden existenziell deutet, kann auch kulturgeschichtlich eingeordnet werden. Der Philosoph Thomas Macho hat zwischen "suizidalistischen" und "nonsuizidalistischen" Kulturen und Gesellschaften unterschieden, also zwischen Kulturen, die vom Selbstmord fasziniert sind, und solchen, die sich vom Selbstmord distanzieren, ihn tabuisieren und abwerten. Selbstmordaffine Gesellschaften müssen den Selbstmord keineswegs bloß heroisch bejahen, sie können gleichzeitig eine Selbstmordprävention installieren, während selbstmordaversive Gesellschaften Selbstmörder durchaus gewähren lassen können.

Memento mori: "Stillleben mit Schädel" (1895-1900) von Paul Cezanne. 

Memento mori: "Stillleben mit Schädel" (1895-1900) von Paul Cezanne. © wikimedia Memento mori: "Stillleben mit Schädel" (1895-1900) von Paul Cezanne. © wikimedia

Freilich gab es zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Einstellungen zum Suizid. Bei den Stoikern war er akzeptiert, insofern eine chronische Erkrankung die Lebensqualität maßgeblich einschränkt; im Christentum wurde er als sündhaft betrachtet und in der Moderne pathologisiert. Wie Macho betont, ist die Frage nicht bloß, ob sich jemand das Leben nimmt, sondern welche Handlung, die das eigene Leben vorzeitig beendet, eine suizidale Tendenz aufweist. Jesus Christus, der im Garten Gethsemane am Abend vor seiner Gefangennahme zu Gott betet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, hätte sich dieser durch Flucht entziehen können, doch er fügt sich Gottes Willen. Schon Sokrates hätte seinem Tod entgehen können, da seine Hinrichtung wegen einer Feierlichkeit aufgeschoben werden musste. Seine Freunde ermunterten ihn zur Flucht, doch Sokrates schlug aus. Es war für ihn unvorstellbar, das Gesetz zu brechen und im Exil zu leben.

Arten der Sterbehilfe

Mag das Exil auch die schlimmere Alternative als der Tod sein, mag es schlimmer sein, Gottes Willen zu missachten, selbst wenn man sterben muss, so lässt sich der Bejahung des eigenen Sterbens weder bei Sokrates noch bei Jesus die Freiwilligkeit absprechen. Aus dem einen suizidaffinen Akt geht die abendländische Philosophie hervor, aus dem anderen das Christentum.

Das Erbe jener Gründungsmythen, die Frage, inwiefern es moralisch zulässig ist, sein Leben vorzeitig zu beenden, bestimmt heute noch die ethischen Entscheidungen am Lebensende - mit unterschiedlichen rechtlichen Antworten. So ist die Tötung auf Verlangen in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg gestattet, der assistierte Suizid in der Schweiz rechtlich geregelt, und die hospizlich-palliative Sterbebegleitung, zu deren Handlungspraktiken auch die sogenannte indirekte und passive Sterbehilfe gehören, wird etwa in Österreich und Deutschland gesetzlich favorisiert. Eine Besonderheit besteht in Österreich darin, dass die "Mitwirkung am Selbstmord" (§ 78 StGB) mit dem gleichen Strafmaß wie die "Tötung auf Verlangen" (§ 77 StGB) bedacht wird: mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.

Die Bejahung der Tötung auf Verlangen bzw. des assistierten Suizids führt immer wieder zu einem Unbehagen auf Seiten derer, die befürchten, dass diese Praktiken eine sogartige Vorbildwirkung entfalten könnten. Zudem rechnen diese mit einem massenhaften Anstieg von Tötungsfällen und assistierten Suiziden, wären die Tötung auf Verlangen und/oder der assistierte Suizid allgemein in Europa erlaubt. Ein europaweites Zulassen beider Praktiken wäre indes auch ein Eingeständnis, dass im Kern der abendländischen Kultur nicht nur das wie Odysseus umherirrende Individuum sitzt, sondern ebenso der emanzipierte Märtyrer mit Suizidtendenz. Dies wäre moralisch äußerst unbequem.

Schmerzfreiheit, eine gewisse Leichtigkeit beim Abschied vom Leben und ein Sterben ohne lange Krankheit gehören seit der Antike zu den Vorstellungen von einem guten Tod. Zudem soll der Mensch die Art und Wiese seines Endes möglichst selbst bestimmen können, wozu mittlerweile auch das Erstellen einer Patientenverfügung und/oder Vorsorgevollmacht zählt. Laut WHO gehört zu einem guten Sterben auch eine Verbesserung der Lebensqualität des unheilbar Erkrankten durch Linderung körperlicher, psychosozialer und spiritueller Leiden.

Dieser holistische Ansatz geht nicht zuletzt auf das "total pain"-Konzept von Cicely Saunders, der Begründerin der modernen Hospizbewegung, zurück. Saunders ließ sich bei der Entwicklung ihres Konzepts vom österreichischen Neurologen und Psychiater Viktor Frankl beeinflussen, hatte der Begründer der Logotherapie doch die Suche des Menschen nach Bedeutung und Sinn unterstrichen, die gerade in Krisensituationen umso wichtiger wird. Die an Saunders anschließende Sterbebegleitung arbeitet demgemäß daran, jede Neigung zu frühzeitiger Beendigung des eigenen Lebens in eine Akzeptanz eines "natürlichen" Todes umzuformen und die Enttäuschung darüber, dass das Leben schon endet, mit einer Art Happy End zu trösten.

Störfaktor im Alltag

Gleichwohl ist und bleibt der Sterbende ein Störfaktor im Alltagsbetrieb, wie schon Lew Tolstoi in seiner Novelle "Der Tod des Ivan Iljitsch" zu erzählen wusste. Der unheilbar Erkrankte löst Beklemmung und Sprachlosigkeit aus, macht Mühe und Arbeit. "Gutes" Sterben umfasst ein intensives Management, an dem die Fachleute (Mediziner, Pflegekräfte, Seelsorger) ebenso teilhaben wie die Freunde und die Familie.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-12 14:17:04
Letzte nderung am 2016-02-12 14:25:33



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