• vom 14.02.2016, 16:00 Uhr

Vermessungen


Wissenschaftstheorie

Untersuchung des Tatsächlichen




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Von Franz M. Wuketits

  • Vor 100 Jahren starb der international renommierte Physiker und Philosoph Ernst Mach. Er sah das Ziel der Wissenschaft in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse.



Ernst Mach im Jahr 1902.

Ernst Mach im Jahr 1902.© H.F. Jütte/Wikimedia Commons Ernst Mach im Jahr 1902.© H.F. Jütte/Wikimedia Commons

Die späteren Jahre des 19. und die frühen Jahre des 20. Jahrhunderts waren eine geistig bewegte Zeit. Mit Darwins Evolutionstheorie trat eine düstere Naturauffassung an die Stelle jeder Natur-
romantik; Einsteins Relativitätstheorie warf die herkömmlichen Begriffe von Raum und Zeit über den Haufen; und Freuds "Seelenanalyse" gab dem Menschen zu verstehen, dass er nicht Herr im eigenen Hause sei. Die neuen Theorien verursachten natürlich auch viele - teils hitzig geführte - Kontroversen und führten zu einer intellektuellen Polarisierung weit hinaus über die betroffenen Wissenschaftsdisziplinen. Vor allem Darwins Natur- und Freuds Menschenbild beflügelten nicht zuletzt auch einen ideologisch motivierten Ideenstreit. Bei all dem konnten auch prinzipielle Reflexionen über das Wesen, die Aufgaben und Ziele der Wissenschaft nicht ausbleiben.

Information

Franz M.Wuketits, geboren 1955, lehrt Wissenschaftstheorie mit dem
Schwerpunkt Biowissenschaften an der Universität Wien und ist Autor
zahlreicher Bücher; zuletzt erschien: "Mord. Krieg. Terror. Sind wir zur
Gewalt verurteilt?", Hirzel Verlag, 2015.

Da jene Jahre auch Ideen über durchgreifende Sozialreformen in Schwung brachten, waren die Wissenschaften, zumal die Naturwissenschaften, mit grundlegende Fragen konfrontiert: Was konnten sie im Dienste einer Verbesserung der menschlichen Lebens- situation leisten? Welche "emanzipatorische" Funktion, im Sinne der Aufklärung, sollte ihnen zugeschrieben werden?

Auf theoretischer Ebene zeigten sich deutliche Bestrebungen, althergebrachte, von Theologie und Metaphysik durchtränkte Weltbilder durch eine (natur-)wissenschaftliche, metaphysikfreie Weltauffassung zu ersetzen, die sich aber auch auf die menschliche "Lebenspraxis" positiv auswirken sollte - ein "Projekt", das noch heute nicht abgeschlossen ist, weil sich ihm Obskuranten stets aufs Neue entgegenstellen.

Wissen und Arbeit

Maßgeblichen Anteil an der Festigung einer wissenschaftlichen Weltauffassung und einer neuen Standortbestimmung der Wissenschaften überhaupt hatte der Physiker und Philosoph Ernst Mach.

Geboren am 18. Februar 1838 in Chirlitz (heute Chrlice) bei Brünn, übersiedelte der zweijährige Ernst Waldfried Josef Wenzel Mach mit seiner Familie ins Marchfeld in Niederösterreich, wo sein Vater, ein Lehrer und Erzieher, eine Landwirtschaft erwarb. Ernst war ein schwächlicher Junge, der bis zu seinem neunten Lebensjahr von seinem Vater Privatunterricht erhielt, bevor er - was ihm später etwas ironisch erscheinen sollte - 1847 ins Gymnasium des Benediktinerstiftes in Seiten-stetten eintrat. Da der Unterricht nur am Vormittag stattfand, nutzte er die Nachmittagsstunden für Feldarbeiten, was seine Achtung vor manueller Arbeit prägte.

Als Fünfzehnjähriger wechselte Mach ins öffentliche Piaristengymnasium in Kremsier (Mähren), wo er zwei Jahre später die Reifeprüfung ablegte, um anschließend an der Universität Wien Physik und Mathematik zu studieren. Da ihm die Lehre in diesen Fächern mangelhaft erschien, bildete er sich autodidaktisch weiter. Nach fünf Jahren promovierte er 1860 mit einer Dissertation "Über elektrische Entladung und Induktion".

Aufgrund seiner schlechten wirtschaftlichen Lage musste er sich mit Privatstunden durchbringen, konnte sich aber schon 1861 in Physik habilitieren. Als (unbesoldeter) Dozent hielt er Privatvorträge und dehnte seine Interessen von der Physik auf die Physiologie aus, was für seine späteren erkenntnistheoretischen Arbeiten nicht unbedeutend war. Gleichzeitig war Mach aber auch an der "Sozialen Frage" interessiert und unterstützte die Arbeiterbewegung.

Die Berufung als ordentlicher Professor für Mathematik an die Universität Graz (1864) veränderte Machs berufliche, aber auch persönliche Situation. Er heiratete die um sieben Jahre jüngere Ludovica Marussig, eine Vollwaise, mit der er fünf Kinder hatte. Sein Erstgeborener, Ludwig Mach, war später, als Mediziner und Physiker, sein langjähriger Mitarbeiter.

Graz blieb für Mach aber nur eine Zwischenstation. Mit seiner Berufung zum Professor für Experimentalphysik an die Universität Prag (1867), wo er je ein Jahr auch die Funktion des Dekans (der Philosophischen Fakultät) und des Rektors übernahm, gewann er an internationaler Reputation. In der Prager Zeit erschienen verschiedene seiner physiologischen Arbeiten sowie Werke zur Wärmelehre und Mechanik.

Auch das Erscheinen seines erkenntnistheoretischen Hauptwerks, "Beiträge zur Analyse der Empfindungen", fällt in diese Zeit. Über ein Vierteljahrhundert blieb Mach in der "Goldenen Stadt", bis er schließlich 1895 nach Wien zurückkehrte, wo eigens für ihn ein Lehrstuhl für "Philosophie, insbesondere Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften" geschaffen worden war (in der Universitätsgeschichte überhaupt das erste Ordinariat für die Fächer Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte).

Allerdings musste Mach, nach einem Schlaganfall rechtsseitig gelähmt, bereits nach drei Jahren seine Lehrtätigkeit in Wien aufgeben. Seine wissenschaftliche und schriftstellerische Arbeit setzte er jedoch fort (Letztere dank einer seiner Behinderung gerechten Schreibmaschine). 1913 übersiedelte er zu seinem ältesten Sohn Ludwig nach Vaterstetten bei München, wo er am 19. Februar 1916 starb.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-02-12 14:20:05
Letzte nderung am 2016-02-12 14:24:47



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