• vom 12.03.2016, 12:00 Uhr

Vermessungen


Literaturgeschichte

Die widerspenstige Baronin




  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Evelyne Polt-Heinzl

  • Vor 100 Jahren starb die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach. Ihre Werke sind zwar keineswegs vergessen, werden aber nur noch selten intensiv gelesen. Eine Einladung zur Neulektüre.

Das Denkmal Marie von Ebner-Eschenbachs in St. Gilgen erinnert daran, dass die Dichterin dort gerne ihre Sommerfrische verbrachte. - © Ernst Weingartner/picturedesk.com

Das Denkmal Marie von Ebner-Eschenbachs in St. Gilgen erinnert daran, dass die Dichterin dort gerne ihre Sommerfrische verbrachte. © Ernst Weingartner/picturedesk.com

"Alle Dichtenden sind unzufrieden mit ihrer Lorbeerenernte", notiert Marie von Ebner-Eschenbach 1869 nach einem Abend mit Schriftstellerkollegen. Und auch wenn sie heute als Grande Dame der österreichischen Literatur der Gründerzeit fest im Kanon verankert ist, hatte sie selbst lange Zeit allen Grund zur Unzufriedenheit.

Die vielen Jahre, in denen sie auf einen Durchbruch auf dem Theater hoffte, brachten ihr wenig Ehre und viel Schelte ein, was auch an äußeren Umständen lag. Sie ist, genau wie Ferdinand von Saar, zwischen zwei prominente Phasen der österreichischen Literaturgeschichte geraten: ihre Historiendramen kamen nach Grillparzer gleichsam zu spät, ihre Gesellschaftsstücke vor Schnitzler um einiges zu früh.

Information

Zum 100. Todestag Marie von Ebner-Eschenbachs hat Daniela Strigl im Residenz-Verlag (Salzburg-Wien) die erste Biographie der Dichterin seit 1920 veröffentlicht. Unter dem Titel "Berühmt sein ist nichts" folgt die renommierte Literaturkritikerin den Lebens- und Schaffenswegen der Dichterin. Sie berichtet anschaulich und materialreich über die Zeitumstände, über das aristokratische Umfeld der Autorin, und über die Kleinlichkeiten des literarischen Betriebs.

Strigls Hauptinteresse ist jedoch psychologisch: "Hier soll eine Persönlichkeit in möglichst vielen ihrer Facetten gezeigt werden, auch in jenen, die sie selbst rücksichtsvoll verschleierte, die sie aber heutigen Lesern umso interessanter erscheinen lassen."

Hier wird also auch hinter die Fassade der gütigen Damenhaftigkeit geblickt, die Marie von Ebner-Eschenbach selbst errichtet hat. Strigl berichtet etwa, dass die Autorin in jungen Jahren eine ungebührlich wilde Reiterin war. Sie sucht auch nach Gründen für die Kinderlosigkeit des Ehepaars Ebner-Eschenbach, und sie erschließt aus Andeutungen im Tagebuch der Dichterin, dass sie als Ehefrau einmal heftig in einen anderen Mann verliebt war.

Vor allem aber zeigt Daniela Strigl, dass Marie von Ebner-Eschenbach über einen ausgeprägten literarischen Ehrgeiz verfügte. Sie wollte von Kindheit an eine große und berühmte Schriftstellerin werden. Die Biographie erzählt, wie sie dieses Ziel gegen alle Widerstände erreicht hat.

Somit empfiehlt sich diese Biographie als Parallellektüre zu der Ebner-Eschenbach-Werkausgabe, die von Evelyne Polt-Heinzl, Daniela Strigl und Ulrike Tanzer im selben Residenz-Verlag herausgegeben wurde. Diese vierbändige Edition bietet eine repräsentative Auswahl aus dem Gesamtwerk der Dichterin. (red.)

Adelige Hemmungen

Ein zusätzliches Hindernis war ihre gesellschaftliche Stellung, die ihr lange das Etikett einer dilettierenden Aristokratin verpasste. Geboren am 13. September 1830 auf Schloss Zdislawitz/Zdislavice bei Kremsier/Kroměříiž in Mähren, wuchs sie mit ihren Geschwistern bei einem autoritären Vater, Baron (bzw. ab 1843) Graf Franz Dubský, auf - mit wechselnden Stiefmüttern und Gouvernanten. In ihrer Autobiografie "Meine Kinderjahre" beschreibt sie das völlige Unverständnis, das die Familie ihren literarischen Interessen entgegenbrachte. Die einzige Ausnahme war der 15 Jahre ältere Cousin Moriz Ebner, der sie auch aufforderte, auf Deutsch zu schreiben. Das hatte sie bisher nicht so gesehen, als Kind sprach sie böhmisch, später vor allem Französisch. Dass Moriz Ebner ihre Leidenschaft ernst nahm, hat wohl mit dazu beigetragen, dass die beiden 1848 heirateten.

Die literarischen Freundinnen Marie von Ebner-Eschenbach, Betty Paoli (links) und Ida von Fleischl (rechts) pflegten regelmäßig zu tarockieren.

Die literarischen Freundinnen Marie von Ebner-Eschenbach, Betty Paoli (links) und Ida von Fleischl (rechts) pflegten regelmäßig zu tarockieren.© IMAGNO/Austrian Archives Die literarischen Freundinnen Marie von Ebner-Eschenbach, Betty Paoli (links) und Ida von Fleischl (rechts) pflegten regelmäßig zu tarockieren.© IMAGNO/Austrian Archives

Es sind dann allerdings nicht nur der Vater und die Brüder, die viele Jahre lang gegen ihren Beruf als Schriftstellerin intervenieren; als ihre Theaterstücke immer wieder schlechte Kritiken erhalten, sieht Gatte Moriz seinen Namen öffentlich verunglimpft und spricht immer wieder Schreibverbote aus. Einmal aber gelingt ihr ein schöner Coup. 1869 wird ihr Stück "Doktor Ritter" - gemeinsam mit einem Fragment Grillparzers - im Rahmen einer Schiller-Feier anonym am Burgtheater aufgeführt. Die Familie ist begeistert, das Stück gefiel. Lapidar vermerkt sie einige Tage später ihr innerfamiliäres Outing: "Heute bei Tische erfuhr Papa erst den Namen des Autors von Dr. Ritter."

Der kleine Triumph ändert nichts Prinzipielles. 1889, als ihre Erfolge als Autorin nicht mehr zu leugnen sind, ist "die leidige Schriftstellerei" Moriz "noch immer antipathisch, aber er gibt zu, dass ich nichts dafür kann." Ihr intellektuelles Biotop wird die Wohnung Ida von Fleischl-Marxows, wo Betty Paoli fast vierzig Jahre lang wohnte (siehe Foto S. 34). Ida Fleischl wird bis zu ihrem Tod 1899 für Ebner-Eschenbach eine treue Mitarbeiterin und Mitdenkerin.

1873 bestätigt Ebner-Eschenbach mit der Erzählung "Ein Spätgeborner" den Abschied vom Drama als Königsdisziplin der theaterbesessenen Wiener Gesellschaft. Vorausgegangen war der Misserfolg ihrer Gesellschaftssatire "Das Waldfräulein" am neuen Wiener Stadttheater, dem nahezu vergessenen Projekt einer bürgerlichen Theater-Alternative in Wien. Die Erzählung thematisiert das Ende der Theaterhoffnungen des schreibenden Beamten Andreas Muth.

Vorbild für Schnitzler

Die Erzählung scheint eine direkte Vorlage für Schnitzlers frühen Erzählentwurf "Geschichte vom greisen Dichter", der 2014 unter dem fälschlichen Titel "Später Ruhm" etwas unbedarft aus dem Nachlass veröffentlicht worden ist. Beide Hauptfiguren haben einen einmaligen Erfolg erlebt, beide führen ein unscheinbares Beamtenleben und beide geraten in eine betriebsinterne Intrige, die mit ihrem Werk nichts zu tun hat.

Ihr eigentliches Debüt als Erzählerin war allerdings die 1858 anonym erschienene Satire "Aus Franzensbad", eine fulminante Abrechnung mit dem Literaturbetrieb und dem Gesellschaftsleben ihrer Zeit. In ihrem Umfeld hat Ebner-Eschenbach diese Satire durchaus geschadet - und Ähnliches wird sie immer wieder erleben. Nach dem Erscheinen von "Komtesse Muschi" notiert sie im Tagebuch: Resi Colloredo "kündigt mir ihre Freundschaft. Pepi Gudenus bemüht sich, für seine Entrüstung Worte zu finden, es gelingt ihm schlecht".

1875 erscheint ihr erster Band Erzählungen und bereits im Folgejahr "Božena". Fortan mischen sich unter die Rückschläge und Kränkungen immer deutlichere Zeichen der Anerkennung, um die sie auch mit großer Zähigkeit ringt. Ihre Adelssatire "Die Freiherren von Gemperlein" wird von fünf Redaktionen zurückgewiesen, bevor die Novelle 1889 in den "Dioskuren" erscheint, dem Literarischen Jahrbuch des ersten allgemeinen Beamtenvereines der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Begriff Kultursponsoring war damals noch nicht erfunden, doch das kulturelle Engagement von Institutionen wie einer Beamtenversicherung war offenbar verbreiteter als heute.

"Lotti, die Uhrmacherin" nimmt Julius Rodenberg für seine "Deutsche Rundschau" an. Seine Zeitschrift ist das angesehenste Medium für die Erzählliteratur der Zeit. Ebner-Eschenbachs "Lotti" erscheint 1880 in zwei Fortsetzungen, zusammen mit Texten von Conrad Ferdinand Meyer und Iwan Turgenjew. Das bedeutet für sie den endgültigen Durchbruch als Autorin.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 3




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-03-11 14:26:06
Letzte Änderung am 2016-03-11 14:34:58



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Raubbau an der Landschaft
  2. Die Zukunft des Zusammenrückens
  3. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  4. "Die Bauern sind unsere Aborigines"
  5. Der nächste Kampf um Österreich
Meistkommentiert
  1. Der nächste Kampf um Österreich
  2. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  3. Die unterschätzten Beamten
  4. Das trügerische Wir-Gefühl
  5. Raubbau an der Landschaft

Werbung