• vom 26.03.2016, 12:00 Uhr

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Ostern

Ein Fest gegen die Angst




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Von Heiner Boberski

    Zu Ostern feiern Christen den Sieg des Lebens über den Tod, andere das Aufblühen der Natur. Das "Hoffnungsglück" dieses Festes kann helfen, derzeit grassierende Ängste zu überwinden.


    Zuwanderer warten in Idomeni auf Aufnahme in Europa. - © apa/afp/Louisa Gouliamaki

    Zuwanderer warten in Idomeni auf Aufnahme in Europa. © apa/afp/Louisa Gouliamaki



    Papst Franziskus ruft zur Solidarität auf.

    Papst Franziskus ruft zur Solidarität auf.© apa/afp/Andreas Solaro Papst Franziskus ruft zur Solidarität auf.© apa/afp/Andreas Solaro

    Ein Gespenst geht um in Europa. Es heißt Fremdenangst, wenn nicht sogar Fremdenhass. Wohl in jeder Familie, in jeder Gruppe steigen die Emotionen, wenn das Thema angeschnitten wird. Von Völkerwanderung, ja von Invasion - sogar Papst Franziskus hat dieses Wort verwendet - ist die Rede. Welche Zahl von Zuwanderern findet in Europa - offenbar nur in einer überschaubaren Zahl von gastfreundlichen Ländern - Aufnahme? Lassen sich Flüchtlinge, die vor einem Krieg davonlaufen, säuberlich von jenen, die "nur" vor Hunger und Elend fliehen, trennen? Kann sich der Kontinent die "Überzähligen" mittels der Türkei, mittels finanzieller und militärischer Maßnahmen vom Leibe halten? Entspricht eine solche Politik den vielbeschworenen Grundwerten Europas?

    Klimawandel

    Information

    Heiner Boberski, geboren 1950 in Linz, von 1995 bis 2001 Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Furche", von 2004 bis 2015 Redakteur im Feuilleton der "Wiener Zeitung", Verfasser bzw. Co-Autor zahlreicher Bücher, u.a. "Geheimnis Vatikan" (2006), "Weltmacht oder Auslaufmodell - Religionen im 21. Jahrhundert" (2013).

    Eine Sorge hat große Teile der Welt erfasst, aber bei weitem noch nicht alle Menschen. Viele können und wollen den Klimawandel nicht wahrnehmen oder gar anerkennen, dass darauf das Handeln des Menschen erheblichen Einfluss hat. Ein leichtes Steigen der Durchschnittstemperaturen wird - jedenfalls in unseren Regionen - noch kaum als unangenehm empfunden. Doch Experten warnen zu Recht davor, dass die Erderwärmung katastrophale Folgen für die Menschheit haben wird, wenn sie nicht gestoppt werden kann.

    Was das mit Ostern zu tun hat? Nun, Ostern ist ein Fest gegen die Angst und gegen den Hass, ein Fest, das die Kreisläufe der Natur bewusst macht und den Sieg des Lebens über den Tod thematisiert. "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / durch des Frühlings holden, belebenden Blick" - der Osterspaziergang in Johann Wolfgang von Goethes "Faust" weist auf die Veränderungen in der Natur hin, die sich in unseren Breiten zur Osterzeit bemerkbar machen.

    Wenn sich der Winter noch nicht "in rauhe Berge" zurückgezogen hat, kann der Mensch die Natur als äußerst unfreundlich erleben. An kurzen, kalten, oft finsteren Tagen befällt ihn in einer öden, keine Spuren von lebendiger Vegetation zeigenden Landschaft leicht Trostlosigkeit. Doch wir haben die Erfahrung, dass Wärme und Licht zurückkehren, dass Flora und Fauna im Frühjahr wieder kräftige Lebenszeichen von sich geben. "Im Tale grünet Hoffnungsglück" formuliert es der Dichter. Das Osterfest wurzelt in dieser Erfahrung vom ständigen neuerlichen Aufblühen der Natur und es hat für gläubige Christen noch eine andere Botschaft: Sie feiern, so Goethe, "die Auferstehung des Herrn" - der Karfreitag ist überwunden, Leiden und Tod haben nicht das letzte Wort, der Gekreuzigte ist auch der Auferstandene.

    Es ist kein Zufall, dass das Christentum Weihnachten zum Zeitpunkt der Wintersonnenwende angesetzt hat, also die Geburt von Jesus Christus dann feiert, wenn die Tage wieder länger werden und das Licht über die Finsternis triumphiert. Dass Ostern der Ankunft des Frühlings folgt - traditionell wird es am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert -, macht die Parallelen zwischen der Wiederkehr des Lebens in der Natur mit der Auferstehung Jesu Christi von den Toten augenfällig. Dass der historische Jesus mutmaßlich an einem Tag im frühen April gekreuzigt wurde, also um die Zeit des Frühlingsbeginns in unseren Breiten, mag man als Zufall oder Vorsehung deuten.

    "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein." Fällt es uns leicht, diese Worte Goethes am Ende des Osterspazierganges nachzuvollziehen? Welche Menschen dürfen hier und heute bei uns sein und leben? Welches Sozialgefüge, welche Mitwelt brauchen wir, um uns unseres Menschseins voll und ganz erfreuen zu können?

    Vor rund drei Jahren hat, knapp vor Ostern, ein Bischof von Rom, der "vom Ende der Welt" kam, sein Amt angetreten. Schon mit der Wahl seines Namens - Franziskus - und in seinen folgenden Aussagen hat er klargestellt, dass er die Aufgabe der Christen vor allem im Einsatz für die Armen und für die ökologischen Grundlagen dieses Planeten sieht.

    Freude am Glauben

    Franziskus hat sofort begonnen, mit skandalösen Zuständen in der Vatikanbank und in der Kurie aufzuräumen, die in krassem Gegensatz zu christlichen Grundwerten standen. Seine erste Reise führte auf die Flüchtlingsinsel Lampe-dusa und war ein einziger Appell, Obdachlose aufzunehmen. In seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" ging es ihm darum, die Freude am christlichen Glauben hervorzuheben. Mit der Enzyklika "Laudato si" lenkte er den Blick auf die Verantwortung des Menschen für die wunderbare, aber letztlich durch die Gier des Menschen bedrohte Schöpfung Gottes.

    In seinem neuen Buch, "Wir werden nie genug haben" (Braumüller Verlag, 2016), schreibt der ORF-Journalist Hans Bürger: "Eine 16-Jahres-Studie hat gezeigt: Jüngere Menschen, die 1,7 Dinge besessen hatten - aus einer Wunschliste, die sie selbst zuvor definiert hatten -, waren der Meinung, dass sie 3,1 Dinge glücklich machen würden. Als dieselben Probanden 16 Jahre später befragt wurden, wie das Verhältnis jetzt aussehe, hatten sie angegeben, dass sie 4,4 (sehr glücklich machende Dinge) besitzen, während sie aber nun der Meinung waren, dass sie eigentlich 5,6 Dinge brauchen würden, um das Glücksgefühl noch steigern zu können - vermutlich, um überhaupt gleich zufrieden zu bleiben."


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    Dokumenten Information
    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-03-25 14:05:10
    Letzte ─nderung am 2016-03-25 15:23:14



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