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Update: 20.06.2016, 10:55 Uhr

Klimawandel

Unerwünschte Wärme




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Von Christian Pinter

  • Der CO2-Ausstoß führt zur Erderwärmung und das scheinbar "ewige" Eis an den Polen beginnt zu schmelzen.

Der ESA-Satellit CryoSat vermisst die schwindende Höhe der Eisdecken mittels Radar. DIe Grafik hier zeigt Grönland,das  über 250 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr verliert.  - © ESA/CPOM/Planetary Visions

Der ESA-Satellit CryoSat vermisst die schwindende Höhe der Eisdecken mittels Radar. DIe Grafik hier zeigt Grönland,das  über 250 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr verliert.  © ESA/CPOM/Planetary Visions

Gäbe es nur einen ausreichend langen Hebel und einen festen Punkt, um ihn anzusetzen - schon ließe sich die Welt damit aus den Angeln heben. Diesen Ausspruch des griechischen Mathematikers Archimedes zitiert Jules Verne in seinem Roman "Der Schuss am Kilimandscharo", erschienen 1889 in Paris. Das sarkastische Werk kam vor 125 Jahren erstmals auf Deutsch heraus, und zwar in Wien.

Im Roman des französischen Science-Fiction-Autors wird das Territorium jenseits des 84. Breitengrads - die Arktis - versteigert: Schließlich "darf es nichts geben, was niemandem gehört", so Verne. Die Arktis fällt an die USA und wird an die "Praktische Nordpolgesellschaft" überschrieben. Noch ist sie wertlos, da die Eisbedeckung den Abbau der Bodenschätze vereitelt. Doch "die Industrie ist auf Kohle angewiesen, ob sie nun mit Dampfkraft oder Elektrizität arbeitet". Um sich der lästigen Eisdecke zu entledigen, will die Nordpolgesellschaft das ewige Eis abschmelzen.

Information

Christian Pinter war 1982 einer der ersten Journalisten in Österreich, die auf Klimawandel und Meeresspiegelanstieg aufmerksam machten. Er schreibt seit 24 Jahren in der "Wiener Zeitung". Internet: www.himmelszelt.at

Die Riesenkanone

Korrigierte man den Winkel der Erdachse um gut 23 Grad, stünde sie genau senkrecht auf die Erdbahnebene. Jahreszeiten und Polarnächte wären Geschichte, am Nordpol herrschte stets ein Klima "wie im norwegischen Trondheim". Die Arktis würde eisfrei und dem Bergbau zugänglich. Die Nordpolgesellschaft lässt im Geheimen einen 600 Meter tiefen, 27 Meter weiten Stollen in den Kilimandscharo treiben und diesen mit Sprengstoff füllen. So entsteht eine Riesenkanone. Ihr Rückstoß soll die Erdachse aufrichten.

Verne: "Die Klügsten erkannten aber sehr bald, dass die Erdenbewohner von einem grundsätzlichen Klimawechsel betroffen würden." Der Meeresspiegel stiege in etlichen Regionen der Welt an. Teile Indiens, Chinas und Japans stünden unter Wasser. Petersburg, Kalkutta, Bangkok, Saigon, Peking oder Tokio versänken im Meer. "Eine weltweite Völkerwanderung setzte ein, wogegen die historische Völkerwanderung nur ein Familienausflug war."

Im Roman macht ein Rechenfehler alle Befürchtungen obsolet. Auch Riesenkanonen sind zu schwach, um an der Erdachse zu rütteln. Was selbst Verne nicht ahnt: Zu seinen Lebzeiten hat die Menschheit bereits begonnen, den Hebel des Archimedes anzusetzen. An die Stelle der Superkanone tritt allerdings Kohlendioxid (CO2). Das Gas wird seit Beginn des Industriezeitalters in immer größeren Mengen freigesetzt - und zwar vor allem bei der Verbrennung fossiler Energieträger. Dazu zählen Braunkohle, Steinkohle, Erdöl und Erdgas.

Als Verne seinen Roman schrieb, schwebten statt 280 schon 285 CO2-Teilchen in einer Million Luftteilchen. 1960 waren es 315, im Jahr 2013 erstmals mehr als 400. Jetzt wächst die CO2-Konzentration alle zwei Jahre um ein Prozent. Die Erde empfängt Sonnenlicht. Die langwelligere Wärmestrahlung schickt sie zurück ins All. Doch das CO2 schluckt diese zum Teil und hält sie in der Lufthülle gefangen. So legt sich eine unsichtbare Decke auf den Planeten.

Mit den CO2-Emissionen klettert auch die globale Durchschnittstemperatur - rapider als je zuvor. Seit 1880 hat sie um 0,85 Grad C zugelegt. Auch hier ging es zuletzt immer rascher. 2015 lieferte einen globalen Hitzerekord nach dem anderen. Über Festland lagen die Temperaturen schon in den ersten sieben Monaten um 1,34 Grad C über dem Schnitt des 20. Jahrhunderts; über den Meeren waren es 0,67 Grad. Der Ozean schluckt einen Teil der Hitze. Das erwärmte Wasser dehnt sich aber aus: Daher steigt der Meeresspiegel.

Überflutung der Küsten

Schon seit Mitte des 20. Jahrhunderts registrierte man in den Polarregionen höhere Temperaturen. Spätestens Anfang der Achtziger war klar: Das dort schmelzende Eis wird zur Überflutung kontinentaler Küstengebiete führen. Seit 1979 ist Eis von der 19-fachen Fläche Österreichs verschwunden. Jedes Jahr kommt gleichsam "die Schweiz" hinzu.

Allein der Eisverlust in Grönland lässt den Meeresspiegel von Jahr zu Jahr um weitere 0,6 mm steigen. Ähnlich viel steuert derzeit die Antarktis bei. Ihr Schelfeis wird von oben und unten angegriffen - von erwärmter Luft und erwärmtem Meerwasser.

Je schwächer dieser Eisgürtel wird, desto leichter gelangt auch das antarktische Inlandeis ins Meer. Hier sind 60 Prozent des irdischen Süßwassers gefangen. Würde man alle fossilen Brennstoffe der Welt verbrauchen, verschwände das Eis der Antarktis zur Gänze: Der Meeresspiegel läge dann 50 Meter höher als heute.

Seit Vernes Roman ist er um einen Viertelmeter gestiegen. Jedes Jahr kommen 3,4 mm hinzu. Aber nicht überall. Eismassen ziehen Wasser an; verschwinden sie, wandert es fort. Im Pazifik und im Indischen Ozean steigt das Meer rascher als im Schnitt. Da wurden schon Inseln verschluckt. Wärmere Ozeane produzieren außerdem häufiger Wirbelstürme. Die folgenden Sturmfluten treiben das Salzwasser an den Flachküsten noch weiter landeinwärts.

Zu Hilfe eilt uns die Vegetation. Sie bindet ein Viertel des emittierten CO2 und wurde aufgrund des Überangebots in den letzten 35 Jahren tatsächlich üppiger. Verschärfend wirkt hingegen das zunehmende Auftauen der Permafrostböden. Es setzt weiteres CO2 frei - und dazu noch das Treibhausgas Methan.

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Dokument erstellt am 2016-06-17 14:41:04
Letzte nderung am 2016-06-20 10:55:51



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