• vom 13.08.2016, 11:00 Uhr

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Update: 15.08.2016, 04:05 Uhr

Berliner Mauer

Zickzacklinie durch Berlin




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Die wichtigste Spur ist aber die großartige Erzählung "Der Mauerspringer" (1982) von Peter Schneider, einem Autor, der sich schon seit Jahrzehnten für deutschen Gefühlslagen interessierte. Sie beginnt mit dem Anflug auf Westberlin, Flughafen Tegel, das Flugzeug muss wegen des starken Westwinds ein paar Runden drehen, und man überquert dabei ein paarmal die Mauer, wobei im Blick von oben Ost- und Westteil der Stadt sich gleichen; nur eines fügt sich nicht ins Stadtbild: "Zwischen all diesen Rechtecken wirkt die Mauer in ihrem phantastischen Zickzackkurs wie die Ausgeburt einer anarchistischen Phantasie. Nachmittags von der untergehenden Sonne und nachts verschwenderisch vom Scheinwerferlicht angestrahlt, wirkt sie eher als städtebauliches Kunstwerk denn als Grenze."

Schneider kann zurückgreifen auf eine Erzählung von Stefan Heym, "Mein Richard" (1974), in der zwei Ostberliner Jugendliche ein Mauerstück im toten Winkel der Wachtürme entdeckt haben und dort über die Mauer klettern, um in Westberlin ins Kino zu gehen und um danach wieder über die Mauer nach Ostberlin zurückkehren. Erst beim vierzehnten Mal werden sie erwischt, und ihr Anwalt verteidigt sie mit dem Argument, dass sie einen Orden verdient hätten, weil sie immer aufs Neue zurückgekommen seien und damit ihrem Land die Treue bewiesen hätten.

Schneider erzählt noch von anderen "Mauerspringern" wie dem anarchischen Walter Kabe: "Oben stand Kabe eine Weile im Scheinwerferlicht der herbeigeeilten Weststreife, ignorierte die Zurufe der Beamten, die ihm in letzter Minute klar zu machen versuchten, wo Osten und wo Westen sei, und sprang dann in östlicher Richtung ab." Er erzählt auch von der ideologischen Transparenz des Bauwerks, und er prägt einen Begriff, der die Mauer überdauert hat: "Die Mauer im Kopf einzureißen, wird länger dauern, als irgendein Abrißunternehmer für die sichtbare Mauer braucht."

Nachleben im Kopf

Als die deutsche Mauer fiel, im November 1989, wurde sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit abgetragen, sie verschwand in den folgenden Monaten so schnell, als wollte man alle ihre Spuren tilgen, nun, wo der deutsche Körper wieder zusammengewachsen war.

Im Bewusstsein der Ostdeutschen wollte man sich lieber als Opfer betrachten und nicht als Mauerbauer und Mauerbewacher, und im Westen war man verliebt in die Idee, dass nun ein großer Aufbruch bevorstehe, so groß und schön, dass auf ihn kein Schatten alter Bauwerke fallen sollte, deren symbolische Kraft unberechenbar groß war. War jetzt nicht Geschichte an ihr Ende gekommen?

Und Peter Schneiders "Mauer im Kopf"? Man hatte die Mauer abgetragen; jede und jeder hatte sich sein eigenes Stückchen herausgeschlagen, und so wanderte die Mauer, aufgeteilt in viele tausend Teile, in die deutschen Haushalte. Sie ist uns also erhalten geblieben. Nun war sie überall, und nicht nur eine Zickzacklinie, die Berlin durchzogen hatte.

Vielleicht hat der Kulturhistoriker Klaus Theweleit recht, der in den Neunzigern geschrieben hatte, dass die Mauer inzwischen das Massensymbol der Deutschen geworden sei, und den "marschierenden Wald" abgelöst habe, den Elias Canetti in "Masse und Macht" einst als Massenbild der deutschen Nation ausmachte - ein Jahr, bevor die Berliner Mauer errichtet wurde. Es lohnt, die Mauer im Auge zu behalten.

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Dokument erstellt am 2016-08-12 14:53:17
Letzte ─nderung am 2016-08-15 04:05:37



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