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Update: 19.09.2016, 09:47 Uhr

Stadtkultur

Wie ein Phönix aus der Asche




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Von Bettina Figl aus New York

  • Die Bronx befindet sich mitten im Wandel. Sie ist der letzte Bezirk New Yorks, in dem Wohnraum noch leistbar ist. - Ein Lokalaugenschein.



Die Künstlerin Caridad de La Luz, bekannt als "La Bruja" ("die Hexe"), lebt in der Bronx.

Die Künstlerin Caridad de La Luz, bekannt als "La Bruja" ("die Hexe"), lebt in der Bronx.© Figl Die Künstlerin Caridad de La Luz, bekannt als "La Bruja" ("die Hexe"), lebt in der Bronx.© Figl

Alte Fabriken werden zu Lofts umgewandelt, Starbucks hat kürzlich seine zweite Filiale eröffnet. Mit vierzig Prozent Grünfläche gibt es in der Bronx, dem nördlichsten Bezirk New Yorks, mehr Parks als in jedem anderen Stadtteil. Die Bronx ist vielerorts ruhiger als Manhattan, wo Feuerwehr- und Polizeisirenen heulen. Es scheint fast so, als ob sie, und nicht Manhattan, das durch den Harlemfluss getrennte Eiland wäre. Investoren haben das Potenzial des Bezirks längst entdeckt, vermarkten ihn als "das neue Brooklyn". Manche prognostizieren gar, die Bronx könnte innerhalb von zehn Jahren aussehen wie die Upper West Side in Manhattan.

Etwas größer als Graz



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Vor vierzig Jahren wäre diese Wandlung undenkbar gewesen. In den 1970er Jahren waren weite Teile der Süd-Bronx niedergebrannt, Drogendealer priesen wie Marktschreier ihre Waren vor in Schlange stehenden Menschenmengen an. In den Vierteln Mott Haven und Hunts Point streunten wilde Hunde, Mitglieder rivalisierender Banden brachten sich gegenseitig um, in leerstehenden Häusern lagen Leichen.

Dennoch herrschten in der gesamten Bronx zu keinem Zeitpunkt Chaos und soziale Unruhe. Mit einer Fläche von 150 Quadratkilometern - und damit eine Spur größer als Graz - ist sie ein Bezirk voller Widersprüche: Das am Hudson River gelegene Riverdale gehört seit jeher zu den nobelsten Vierteln New Yorks, im Süden der Bronx leben bis heute die einkommensschwächsten Menschen der USA.

"Die Bronx meiner Kindheit war eine andere Welt", sagt Caridad de La Luz, die in den 70er Jahren in der Süd-Bronx aufgewachsen ist. Die Musikerin, Schauspielerin und Slam-Poetin hat ihren Bühnennamen "La Bruja" (zu deutsch "die Hexe") treffend gewählt: Mit ihrem durchdringenden Blick, präziser Artikulation und achtsamen Bewegungen zieht sie sofort in ihren Bann. Innerhalb eines einzigen Satzes springt die Nuyoricanerin, wie in New York lebende Puerto Ricaner genannt werden, vom Englischen ins Spanische.

Die Tochter puerto-ricanischer Einwohner lebt nach wie vor in dem Haus ihrer Kindheit. Es befindet sich in jenem Teil der Süd-Bronx, in dem in den 70er und 80er Jahren Gewalt und Kriminalität dominierten. Ist es dort heute nicht mehr gefährlich? "Dass die Leute das noch fragen!", sagt La Bruja und verneint lachend. Die Bronx ist heute - wie ganz New York City - viel sicherer als noch in den 90er Jahren: In den vergangenen 15 Jahren hat sich etwa die Zahl der Morde in der gesamten Stadt auf 350 im Jahr 2015 halbiert. Dennoch: In den "Projects", wie die Sozialwohnungen genannt werden, ist Gewalt zwischen rivalisierenden Banden immer noch ein Problem.

"In der Bronx aufzuwachsen war nicht leicht", erzählt La Bruja, "aber ich bin meiner Familie sehr dankbar. Ich hatte Glück." Obwohl sie nie viel Geld hatten, hätten ihre Eltern ihre künstlerischen Ambitionen immer gefördert, sie sei "wohlbehütet" aufgewachsen. Ihren Traum, Tänzerin zu werden, musste sie früh aufgeben, als sie im Alter von zwölf Jahren aufgrund einer schweren Skoliose an der Wirbelsäule operiert wurde. Im Alter von 20 Jahren unternahm sie einen Selbstmordversuch, doch Musik, Gedichte schreiben und Meditation halfen ihr, die Depressionen zu besiegen.

Gedichte im Gefängnis

Heute engagiert sich die Poetin, Schauspielerin und Musikerin in der Jugendarbeit, gibt Schreibkurse an Schulen oder im Gefängnis. "Die stärksten Gedichte entstehen dort, man muss sich die Schmerzen von der Brust schreiben", sagt La Bruja. "Sie ist eines jener raren Talente, die es schafft, Schüler und Zuseher gleichermaßen zu inspirieren, zu motivieren und zu unterhalten", sagt Daniel Gallant, Betreiber des Nuyorican Poets Café in der Lower East Side.

In diesem Mekka der internationalen Spoken-Word- und Slam- Poetry-Szene feierte La Bruja 1996 ihr Bühnendebüt. Ihr Stil ist sehr von Hip Hop beeinflusst, ihre Auftritte sind stark Performance-orientiert, in der Community ist sie eine lokale Heldin. "Für viele junge Künstler, vor allem aus der Bronx und Latinos, ist sie eine Mentorin", sagt Gallant. Ihre Arbeit habe einen spürbar positiven Einfluss auf andere Künstler im Nuyorican Poets Café, aber auch darüber hinaus: "El Diario La Prensa", die größte und älteste spanischsprachige Zeitung New Yorks, hat La Bruja zu einer der 50 herausragendsten Latinas ernannt. Jede zweite Woche moderiert sie nach wie vor Open Mics, eine offene Bühne für Kleinkunst, im Nuyorican Poets Café.

"La Brujas Herkunft, die Bronx, spiegelt sich in ihrer künstlerischen Arbeit und Bühnenpräsenz wider, beschränkt sich aber nicht darauf. Viele der Künstler, die hier auftreten, und viele unserer Zuseher kommen aus der Bronx, das war schon immer so", sagt Gallant.

Vor allem musikalisch war die Bronx über viele Jahre hinweg ein pulsierender Ort: Musikläden beschallten die Nachbarschaft mit Musik, in den Straßen waren Trommelrhythmen zu hören, es wurde Samba und Mambo getanzt. Ein Relikt aus dieser Ära ist die Casa Amadeo: der älteste lateinamerikanische Musikladen der Stadt war ohne Unterbrechung geöffnet, auch als Ende der 1960er Jahre die Wasser- und Stromversorgung unterbrochen war.


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Schlagwörter

Stadtkultur, New York, Bronx, USA, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-09 13:41:07
Letzte nderung am 2016-09-19 09:47:15



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