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Update: 03.10.2016, 12:12 Uhr

Städte

Die Stadt als VIP-Club




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Von Adrian Lobe

  • Parks und Plätze werden privatisiert. In London und New-York zeigt sich, wie die urbane Entwicklung aussehen könnte.

Die neue "Garden Bridge" in London ist zeitweise für die Öffentlichkeit zugänglich, zu anderen Zeiten jedoch nur für Sponsoren. - © Heatherwick Studio

Die neue "Garden Bridge" in London ist zeitweise für die Öffentlichkeit zugänglich, zu anderen Zeiten jedoch nur für Sponsoren. © Heatherwick Studio



Kein Gerenne, keine Picknicks, keine Drachen, keine Besuche nach Mitternacht - die Regeln sind klar formuliert für die Garden Bridge in London, die 366 Meter lange, mit Büschen und Bäumen begrünte Gartenbrücke, die über der Themse gebaut wird.

Laut einem Dokument, das dem "Guardian" zugespielt wurde, sollen die Besucher anhand ihrer Mobiltelefone getrackt und von privaten Sicherheitsleuten überwacht werden, die ermächtigt sind, persönliche Gegenstände zu konfiszieren. Einige Beobachter fühlen sich an einen "Polizeistaat" erinnert.

Brücke für Sponsoren

Die Brücke, die zu Beginn der Planung als "urbaner Garten" gefeiert wurde, sorgt für immer größeren Unmut. Der Brückenkonstrukteur Alistair Lenczner, der unter anderen das Viadukt von Millau plante, bezeichnete die Garden Bridge als "private Gartenplattform, die vorgibt, eine Brücke zu sein". Die 247 Millionen Euro teure Brücke soll an 12 Tagen für die Öffentlichkeit geschlossen werden. Dann können Sponsoren wie der Rohstoffgigant Glencore Firmenveranstaltungen feiern. "Man geht dann von der Tate Modern, gesponsert von BP, über die Glencore-Brücke zum Royal Opera House, gefördert von Rio Tinto", kritisierte der Greenpeace-Aktivist Charlie Kronick. Der öffentliche Raum wird zur Sponsoren-
zone.

In New York ist die Privatisierung schon sehr weit fortgeschritten.

In New York ist die Privatisierung schon sehr weit fortgeschritten.© Hakilon/Wikimedia Commons In New York ist die Privatisierung schon sehr weit fortgeschritten.© Hakilon/Wikimedia Commons

Der "Guardian" hat eine Karte veröffentlicht, auf der zu sehen ist, welche Plätze in London privatisiert sind. Der Bishops Place wurde 2010 an die Vermögensverwaltung von JP Morgan veräußert. Und man kann auch schon fast gar nicht mehr öffentlich am Themseufer flanieren. An zahlreichen Plätzen dürfen Fußgänger nicht passieren und keine Fotos machen - und schon gar nicht demonstrieren. Als Aktivisten der Occupy-Bewegung 2012 auf dem Paternoster Square vor der St. Paul’s Cathedral demonstrieren wollten, wurden sie von der Polizei des Platzes verwiesen. Der Grund: Der Paternoster Square gehört der Mitsubishi Estate, und ist damit Privatgrundstück. Die Grundstücksbesitzer erwirkten eine einstweilige Verfügung, in der es hieß: "Die Aktivisten haben kein Demonstrationsrecht auf dem Platz, der sich vollständig in Privateigentum befindet."

Die Ironie ist, dass die Ladenbesitzer sich über rückläufige Geschäfte beschwerten, weil die Demonstranten die Kunden vergrault hätten. In Wahrheit ist es genau umgekehrt: Die Eigentümer haben die Bürger verdrängt. "Die City wird zu Tode privatisiert", kritisierte der Schriftsteller Ian Martin im "Guardian".

Information

Adrian Lobe, geboren 1988 in Stuttgart, Politikwissenschafter und Jurist, schreibt als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum (u.a. "FAZ", "NZZ", "Wiener Zeitung").

In einer Stadt, in der die Immobilienpreise in so astronomische Höhen schießen, dass sie wohl bald in Quadratzentimetern berechnet werden, sind öffentliche Räume so kostbar wie die Luft zum Atmen. Schon heute gehen in London Hinterhofgaragen für eine Million Pfund über den Auktionstisch, Investoren aus Russland oder den Vereinigten Arabischen Emiraten bauen Luxus-Lofts in bester Lage. Eine Wohnung intra muros kann sich keine Familie mehr leisten. Die Menschen werden von Investmentfonds aus den Innenstädten vertrieben.

Wem gehört die Stadt?

Die Stadtsoziologin und Globalisierungstheoretikerin Saskia Sassen sagt im Gespräch mit dieser Zeitung: "Wir sehen eine massive Privatisierung des öffentlichen Raums. Megaprojekte zerstören das urbane Gefüge - kleine Straßen, Plätze, die gute alte öffentliche Daseinsvorsorge. Das sind alles Dinge, die für die durchschnittliche Person in der Stadt zählen. Und das ist ein ernsthafter Verlust." Die Stadt, so Sassen, verwandle sich in einen Business District.

Städte sind eigentlich für Menschen gemacht. Heute hat man den Eindruck, als seien Städte nur noch für Gebäude da. "Der öffentlich Raum wird ein Werkzeug, um Immobilenentwicklung zu erleichtern", sagt der Stadtsoziologe David Madden von der London School of Economics. "Der urbane Raum wird immer weiter abgesondert und exklusiv." In London werden günstige Wohnungen in Luxusimmobilien integriert, mit separatem Treppenhaus und getrennten Briefkästen. Die weniger betuchten Mieter betreten ihr Zuhause über eine Tür in einer Seitenstraße. Poor door, Armentür, heißt der Extraeingang. Mülltonnen und Fahrradstellplätze werden nach Besitzverhältnissen getrennt. Der Fassade sieht man diese Segregation nicht an.

Die Stadt New York hat in den vergangenen Jahren eine Reihe öffentlicher Parks privatisiert. Der Hedgefonds-Manager John Paulson kaufte sich mit einer 100-Millionen-Dollar-Spende in die Treuhand des Central Park Conservancy ein. Mit dem Geld von Investoren wurde die ehemalige Bahntrasse High Line in eine lärmende Touristenattraktion verwandelt, die mehr an Disneyland als einen Park erinnert.

Privat und öffentlich

Solche Investments sind auch deshalb interessant, weil Investoren sogenannte "air rights", Höhenrechte, erwerben können: In New York dürfen auch Hochhäuser nur eine bestimmte Anzahl von Etagen haben. Dafür, dass sie "öffentlichen" Raum schaffen, bekommen private Bauherren das Recht, Wohn- und Bürogebäude zu errichten, was sonst baurechtlich nicht zulässig wäre.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-29 16:50:19
Letzte ─nderung am 2016-10-03 12:12:51



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