• vom 01.10.2016, 17:00 Uhr

Vermessungen


Urbanistik

Stadtplanung mit langem Atem




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Reinhard Seiß

  • Vor 20 Jahren zogen die ersten Bewohner aufs Freiburger Rieselfeld, wo nun das letzte Bürohaus fertig wird. Der Stadtteil zeigt, wie eine urbane und nachhaltige Stadterweiterung gelingen kann.



Das Freiburger Rieselfeld, ein modellhaft gelungener neuer Stadtteil.

Das Freiburger Rieselfeld, ein modellhaft gelungener neuer Stadtteil.© Stadt Freiburg Das Freiburger Rieselfeld, ein modellhaft gelungener neuer Stadtteil.© Stadt Freiburg

Wien wächst - und errichtet auf alten Bahn- und Gewerbeflächen ebenso wie am Stadtrand ein Neubauviertel nach dem anderen. In der Seestadt Aspern wird erstmals seit langem wieder probiert, dabei ein urbanes Gebilde statt einer Ansammlung von Wohn- oder Gewerbebauten zu schaffen.

Auch Graz wächst - und versucht sich insbesondere auf den Reininghaus-Gründen in zukunftstauglichem Städtebau. Damit solches gelingt, bedarf es freilich mehr als ein paar guter planerischer Ideen und löblicher politischer Absichten. Es braucht den Bruch mit jenen Strukturen und Usancen, welche die Stadterweiterungsgebiete der letzten Jahrzehnte zu den öden, monofunktionalen und autoabhängigen Vierteln gemacht haben, die wir heute beklagen. Modelle dafür gibt es bereits in jeder Größenordnung - und wenn man sie für Städte wie Graz, Linz, Salzburg oder Innsbruck sucht, findet man ein probates im baden-württembergischen Freiburg im Breisgau.

Die heute 230.000 Einwohner zählende Universitätsstadt litt ab den 70er Jahren unter steter Abwanderung junger Familien ins Umland. "Es war klar, dass Freiburg diesem Schwund entgegensteuern musste und am besten noch einen Teil der abgewanderten Bevölkerung in die Stadt zurückholen sollte", erinnert sich Bauingenieur Klaus Siegl, der damals vom Stadtplanungsamt in das Umweltschutzamt gewechselt war. Als Standort für eine Erweiterung bot sich das stadteigene Rieselfeld am Westrand Freiburgs an, wo bis in die 80er Jahre die Haushaltsabwässer der südwestlichen Viertel verrieselt wurden.

Information

Reinhard Seiß ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien und Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.

Politische Absicherung

Doch stand das 320 Hektar große Gelände inzwischen unter Landschaftsschutz, weshalb im Gegenzug für die geplante Verbauung von 70 Hektar der Rest unter restriktiveren Naturschutz gestellt wurde - und für den neuen Stadtteil besondere ökologische Ziele galten: Vorrang für öffentlichen Verkehr und Fahrräder, Nutzung regenerativer Energien, flächendeckende Fernwärmeversorgung.

Als bedeutendste Weichenstellung wurde ein politisches Gre-mium mit Vertretern aller Fraktionen des Freiburger Gemeinderats und später auch der Bewohner des neuen Stadtteils konstituiert, das alle paar Monate - insgesamt 70 Mal - ausschließlich wegen des Rieselfelds zusammentraf; außerdem wurde eine städtische, ämter- und dezernatsübergreifende Projektgruppe zur Planung und Realisierung der Stadterweiterung eingerichtet.

Durch die kontinuierliche Befassung aller Parteien mit dem Rieselfeld wurde verhindert, dass das Projekt zum Gegenstand tagespolitischer Ränkespiele wurde. Die interdisziplinäre Projektgruppe wiederum verhinderte die sonst üblichen Widersprüche und Reibungsverluste innerhalb einer Stadtverwaltung - und versammelte 18 Jahre lang sämtliche Kompetenzen einer Behörde, aber auch einer Entwicklungsgesellschaft in einer Hand: von den gesamten Planungen über die Grundstücksvergabe und die Qualitätskontrolle aller Baumaßnahmen bis hin zum Stadtteilmarketing. Ihr oblag selbst der Verkauf der Liegenschaften, dessen Erlöse die öffentlichen Investitionen am Rieselfeld mitfinanzierten.

Klaus Siegl wurde zum Leiter dieser Task-Force bestellt: "Die Basis war das ernsthafte Bekenntnis aller Entscheidungsträger zur gleichwertigen Behandlung der ökologischen, sozialen und kulturellen Aspekte mit den städtebaulichen und ökonomischen Belangen." Darauf aufbauend, konnten die Planer ihr Ziel eines urbanen Stadtteils mit entsprechender Dichte konkret weiterverfolgen: eines Quartiers mit bis zu fünfgeschoßiger Bebauung ohne Trennung von Wohnen und Arbeiten, mit dezentraler Nahversorgung, vollständiger öffentlicher Infrastruktur, hochwertigen Freiräumen zur gemeinschaftlichen Nutzung, mit sanfter Mobilität und energetischer Effizienz - und das alles für eine sozial heterogene Bevölkerung.

Bauliche Vielfalt

Der aus einem Wettbewerb hervorgegangene Entwurf sah eine zentrale Achse mit einer Stadtbahn in der Mitte sowie zu beiden Seiten eine Blockrandbebauung vor, die nach außen hin in Zeilenbauten und Punkthäuser übergehen sollte. "Wir wollten bewusst verschiedene Bauformen mit vielfältigen Gebäudetypologien haben, damit ganz unterschiedliche Zielgruppen zusammenfinden - seitens der Nutzer, aber auch der Investoren", begründet der inzwischen pensionierte Projektleiter Siegl das Konzept. So waren von den 4200 Wohnungen ursprünglich 50 Prozent als geförderte Mietwohnungen sowie je 25 Prozent als freifinanzierte Mietwohnungen und Eigentumswohnungen geplant. 1998 aber, also zwei Jahre nachdem die ersten Bewohner am Rieselfeld eingezogen waren, stellte das Land Baden-Württemberg seine Subventionen für den sozialen Wohnbau auf Eigentumsförderung um; gleichzeitig sorgte die deutsche Bundesregierung für steuerliche Verschlechterungen im freifinanzierten Mietwohnungsbau - womit quasi über Nacht 75 Prozent des angestrebten Zielpublikums wegbrachen.

Als Reaktion darauf setzte das Team um Klaus Siegl intensiv auf Baugruppenprojekte, um dennoch die gewünschte Durchmischung an Wohnformen und Kostenkategorien zu erzielen - mit dem Erfolg, dass heute über 90 Baugruppen mit mehr als 800 Wohneinheiten den Stadtteil prägen.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-29 16:56:05
Letzte ─nderung am 2016-09-29 18:48:51



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Wo Lenin noch am Hauptplatz steht
  2. "Minenfelder ohne Landkarte"
  3. Toter Oktober
  4. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"
  5. "Ein Vollstrecker der Apokalypse"
Meistkommentiert
  1. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"

Werbung




Werbung


Werbung