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Update: 24.10.2016, 13:41 Uhr

Zeitgeschichte

"Ungarn schießen nicht auf Ungarn"




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Von Rolf Steininger

  • Vor 60 Jahren, am 23. Oktober 1956, begann der ungarische Volksaufstand, der - nach ersten Erfolgen - von den Sowjets rasch niedergeschlagen wurde.

Der Ungarn-Aufstand begann mit einer ersten Massenkundgebung in Budapest am 23. Oktober 1956 - © Erich Lessing, aus dem Buch "Ungarn 1956" (siehe unten)

Der Ungarn-Aufstand begann mit einer ersten Massenkundgebung in Budapest am 23. Oktober 1956 © Erich Lessing, aus dem Buch "Ungarn 1956" (siehe unten)



Ein ungarischer Aufständischer im Vordergrund - und ein zerstörter sowjetischer Panzer in Budapest im Hintergrund.

Ein ungarischer Aufständischer im Vordergrund - und ein zerstörter sowjetischer Panzer in Budapest im Hintergrund.© Erich Lessing, aus dem Buch "Ungarn 1956" (siehe unten) Ein ungarischer Aufständischer im Vordergrund - und ein zerstörter sowjetischer Panzer in Budapest im Hintergrund.© Erich Lessing, aus dem Buch "Ungarn 1956" (siehe unten)

Am 4. November 1956, um 5.19 Uhr, unterbrach der Sender Budapest mit folgender Meldung sein Programm: "Achtung! Achtung! Achtung! Ministerpräsident Nagy wendet sich jetzt an das ungarische Volk." Dann meldete sich Imre Nagy mit den Worten: "Hier spricht Ministerpräsident Imre Nagy. Sowjetische Truppen haben im Morgengrauen zu einem Angriff auf unsere Hauptstadt angesetzt, mit der eindeutigen Absicht, die gesetzmäßige demokratische Regierung der Ungarischen Volksrepublik zu stürzen. Unsere Truppen stehen im Kampf. Die Regierung ist auf ihrem Platz. Ich bringe diese Tatsache unserem Land und der ganzen Welt zur Kenntnis."

"Bester Schüler Stalins"

Information

Rolf Steininger war von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck; von ihm ist soeben erschienen: "Der Kalte Krieg. Die neue Geschichte", LZT Verlag, Erfurt 2016, 172 S. www.rolf steininger.at

Nach dem Abspielen der ungarischen Nationalhymne wurde die Erklärung Nagys im Abstand von zwei Minuten mehrfach auf Englisch, Französisch, Deutsch und Russisch wiederholt. Wenige Stunden zuvor waren 200.000 Rotarmisten mit 5500 Panzern zum Angriff gegen Ungarn und seine Hauptstadt angetreten. Das Ziel war die Zerschlagung einer Regierung, die mit ihrer Politik offensichtlich zu katastrophalen Konsequenzen für die sowjetische Kontrolle Osteuropas geführt hätte. Zumindest war das Moskaus Befürchtung.

"Ungarn 1956. Aufstand, Revolution und Freiheitskampf in einem geteilten Europa" heißt der soeben im Tyrolia Verlag erschienene Text- und Bildband von Michael Gehler und Erich Lessing (272 Seiten, 197 s/w-Abb., 34,95 Euro), aus dem auch die Fotos zu diesem Artikel stammen.

"Ungarn 1956. Aufstand, Revolution und Freiheitskampf in einem geteilten Europa" heißt der soeben im Tyrolia Verlag erschienene Text- und Bildband von Michael Gehler und Erich Lessing (272 Seiten, 197 s/w-Abb., 34,95 Euro), aus dem auch die Fotos zu diesem Artikel stammen. "Ungarn 1956. Aufstand, Revolution und Freiheitskampf in einem geteilten Europa" heißt der soeben im Tyrolia Verlag erschienene Text- und Bildband von Michael Gehler und Erich Lessing (272 Seiten, 197 s/w-Abb., 34,95 Euro), aus dem auch die Fotos zu diesem Artikel stammen.

Wie allen Ländern hinter dem Eisernen Vorhang hatte Stalin nach 1945 auch Ungarn seinen Stempel aufgedrückt und das Land in eine kommunistische Diktatur verwandelt. Helfershelfer war Mátyás S. Rakosy, der sich selbst als "besten Schüler Stalins" bezeichnete. Während seiner Herrschaft bis zum Tode Stalins im März 1953 wurden mehr als 2000 Ungarn exekutiert und zwischen 100.000 und 200.000 inhaftiert.

In der Unsicherheit der Stalin-Nachfolge entfaltete die neue sowjetische Führung wenige Tage nach dem Tod des Diktators eine bemerkenswerte Aktivität. Es begann jene "Tauwetterperiode", die im Westen allerdings nur als taktisches Manöver zur Machtkonsolidierung, nicht aber als grundsätzliche Änderung des außenpolitischen Kurses der neuen Kremlführung gewertet wurde. Immerhin wurde Rakosy im Juni 1953 abgelöst und durch den unbelasteten Imre Nagy ersetzt.

Nagy war ein liberaler Kommunist, der in seiner Regierungserklärung neue Ziele und Methoden verkündete, die viele als wirkliche Reformen betrachteten. Rakosy war zwar nicht mehr Regierungschef, spielte allerdings als Parteichef nach wie vor eine wichtige Rolle im Hintergrund. Im Frühjahr 1955 musste Nagy zurücktreten, Rakosy und seine Gruppe übernahmen erneut die Macht.

Auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 rechnete der neue starke Mann der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow, mit Stalin und dem Stalinismus ab. Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles nannte die Rede "die schlimmste Verurteilung eines despotischen Regimes durch einen Despoten".

Was Chruschtschow wohl nicht vorausgesehen und wohl auch nicht beabsichtigt hatte: Seine Rede führte innerhalb der kommunistischen Parteien in Osteuropa zu schweren Erschütterungen. Im Gefolge der Entstalinisierung kam es zunächst im Juni in Polen zum Aufstand der Arbeiter. Und dann in Ungarn.

Es begann am 23. Oktober, als Studenten der Technischen Universität Budapest eine Demonstration aus Solidarität mit den polnischen Arbeitern durchführten. Erkennbar ging es um eine Demonstration gegen die Herrschaft der kommunistischen Partei, der sich schon sehr bald Tausende anschlossen.

Bewaffneter Aufstand

Am Abend versammelten sich rund 250.000 Menschen. Ihre Forderungen: Abzug aller Sowjettruppen, Abschaffung des Russischunterrichts, Pressefreiheit, Streikrecht für die Arbeiter, freie und geheime Wahlen und vor allen Dingen Imre Nagy als neuen Regierungschef. Am Rundfunkhaus wurde die Veröffentlichung dieser Parolen gefordert. Als dies nicht gestattet wurde, wurde das Gebäude gestürmt. Dabei eröffnete der Geheimdienst das Feuer und tötete mehrere Studenten. Aus einer friedlichen Demonstration war endgültig ein bewaffneter Aufstand gegen das kommunistische Regime geworden.

In den Morgenstunden des 24. Oktober wurden das Rundfunkgebäude und mehrere Zeitungshäuser besetzt, während erstmals sowjetische Panzer in Budapest auftauchten, über das der Ausnahmezustand verhängt worden war.

Noch am selben Tag wurde Imre Nagy zum Ministerpräsidenten ernannt. Er konnte allerdings nicht verhindern, dass am nächsten Tag vor dem Parlamentsgebäude die Geheimpolizei ein Blutbad anrichtete und über 100 Menschen tötete. Inzwischen hatten die Demonstranten auch das 30 Meter hohe Stalin-Denkmal gestürmt, dessen Kopf abgeschlagen und durch die Straßen geschleift.

ZK-Entscheidung

In dieser Situation sprach der sowjetische Botschafter in Budapest, Juri Andropow (der 1982 Generalsekretär der KPdSU werden sollte), "von einer außerordentlich gefährlichen Situation und der Notwendigkeit für ein sowjetisches militärisches Eingreifen". Das ZK der KPdSU sprach sich am Abend des 23. Oktober für den Einsatz der in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen aus. Diese erreichten am Morgen des 24. Oktober Budapest und eroberten das Rundfunkgebäude zurück. Die Aufständischen kämpften lediglich mit Handfeuerwaffen und Molotow-Cocktails, erzielten aber dennoch beträchtliche Erfolge: so setzten sie einige sowjetische Panzer in Brand und töteten zahlreiche Soldaten.


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Dokument erstellt am 2016-10-20 16:47:10
Letzte nderung am 2016-10-24 13:41:40



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