• vom 29.10.2016, 12:00 Uhr

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Medizin

Diagnose: "Patient"




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Von Birgit Schwaner

  • Wer sich für längere Zeit im Spital aufhalten muss, lebt in einem halböffentlichen Raum und ist damit konfrontiert, nur noch ein Objekt der medizinischen Behandlung zu sein. Ein Erfahrungsbericht.





Information

Die Zitate stammen aus:
Robert Gernhardt:Reim und Zeit & Co. Reclam Verlag, Stuttgart 2014.
Ivan Illich:Über die Grenzen der Medizin, in: Freimut Duve (Hrsg.), Technologie und Politik. rororo-aktuell-Magazin 2, 1975.
Martin Kubaczek:Nebeneffekte. Gedichte, Edition Korrespondenzen, Wien 2015.
Siddhartha Mukherjee:Gesetze der Medizin. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2016.
Frank Nager:Der Arzt angesichts von Sterben und Tod.
Online: http//www.medizin-ethik.ch/publik/arzt_sterben.htm.


Birgit  Schwaner, geboren 1960, lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Wien.

Ein Krankenhaus mag der Ort sein, wo einem das Leben gerettet wird, aber niemals der, an dem man gesundet. Ersteres verdankt sich denen, die hier arbeiten. Zweiteres jenen, die sie behindern. Denn Krankenhäuser, wie wir sie kennen, sind auch Institutionen eines zunehmend bürokratisierten und ökonomisierten Gesundheitssystems. Darin wird letztlich nur geduldet, wer den entsprechenden Verwaltungen, Ämtern und Kassen zuarbeitet: aktiv, indem er Formulare ausfüllt, Berichte und Ansuchen schreibt, Erklärungen unterschreibt usw. - und passiv, indem er sich verwalten lässt. So ist das Heilen und Geheiltwerden ans Verwalten und Verwaltetwerden gebunden.

Dieser Zwiespalt zeigt sich schon im Begriff "Krankenhausbetrieb": Ein Krankenhaus sollte der Behandlung und Genesung von Kranken dienen, was wiederum mit Betriebsamkeit - oder, um eine aktuelle Worthülse anzuführen: Effizienz - nicht gut vereinbar ist. Und doch sind unsere Krankenhäuser Betriebe, und werden, soweit nicht eingespart, weiter dazu gemacht. Sie gelten als funktionierend, wenn alle Beteiligten die für sie vorgesehenen Rollen erfüllen und darin möglichst zuverlässig, berechen- und einplanbar bleiben.

Unsere Krankenhäuser sind durchorganisierte Betriebe.

Unsere Krankenhäuser sind durchorganisierte Betriebe.© apa/Helmut Fohringer Unsere Krankenhäuser sind durchorganisierte Betriebe.© apa/Helmut Fohringer

Das ist die eine Seite, und es gibt auch prinzipiell wenig gegen eine Tugend wie Zuverlässigkeit einzuwenden - außer, dass im Einzelfall kein zuverlässiger Arzt, keine verlässliche Ärztin, keine erfahrene Stationsschwester, zugleich zuverlässig einplanbar sein wird. Warum auch? Weder das Leben ist’s, noch der Tod, und ebenso wenig die Krankheiten und Gebrechen, mit denen man es in diesem Betrieb zu tun hat - der eben darum nicht zu sehr zum "Betrieb" gemacht werden darf. Oder dürfte - im Interesse der Menschen, die behandelt und automatisch in eine "verwaltbare" Rolle gestupst wurden: jene der Patienten.

Jeder ist ein Einzelfall

Dabei ist, präzise betrachtet, jeder Patient nicht nur ein Individuum, sondern auch ein Einzelfall, dem die auf Mittelwerten beruhenden Studien und Statistiken - die Daten, auf die sich Wissenschaft und Bürokratie berufen - zwar wohl ab und zu beinahe, aber nie ganz gerecht werden können.

Das Wort "Patient" stammt aus dem Lateinischen, tauchte erstmals in einem medizinischen Handbuch im 16. Jahrhundert auf und bezeichnet sinngemäß eine Person, die ärztliche Behandlung erduldet, erträgt, sich gefallen lässt. So weit, so klar: Sie fühlen sich krank, gehen zu einem Arzt und müssen, weil Sie geheilt werden wollen, eine mehr oder weniger unangenehme Behandlung über sich ergehen lassen: Medizin schlucken, übelriechende Salben anwenden oder auch eine Opera-tion erleiden, bei der Sie sterben könnten.

Das Ganze ist doppelt unangenehm, weil Sie als Kranke(r) nicht im Vollbesitz Ihrer Kräfte sind. Sie suchen also in einer Situation der Geschwächtheit und Hilflosigkeit den medizinischen Fachmann auf (oder hier stets gleichberechtigt mitgedacht: die Fachfrau) und lassen sich untersuchen. Sie begeben sich damit teilweise in die passive Rolle eines Objekts, das genau betrachtet, befragt, abgeklopft, zur Blutprobe gestochen, in diverse Apparaturen geschickt, vermessen oder durchleuchtet wird, bis dessen Krankheit diagnostiziert ist. Dessen Krankheit? Oder Ihre?

Womit wir zur "Sprache" kommen - und zu Wilhelm von Humboldts Satz: "Der Mensch ist nur Mensch durch die Sprache". Denn solange Sie denken und sich sprachlich verständigen können (bzw. solange die Roboter uns nicht im Denken und Artikulieren überflügeln und die Daseinsform "Mensch" nach anderen Kriterien definiert werden muss), solange können Sie auch Ihre Ärzte darauf aufmerksam machen, dass Sie keineswegs nur ein "Körper" sind bzw. die Verkörperung einer Krankheitsgeschichte, d.h. eine Sammlung an Labordaten, Herztönen, Röntgenbildern und CTs.

Kranke und Gesunde

Allerdings ist besonders im Krankenhausbetrieb genau das kein leichtes Unterfangen. Denn im Gegensatz zu den Großbetrieben, Konzernen oder Ämtern, den Verwaltungssystemen und ihren Vertretern und Vertreterinnen, die ihn als Kundennummer oder Datei behandeln, ist der Mensch als Patient - je nach Schwere seiner Krankheit mal mehr, mal kaum - sozusagen mit Haut und Haar, Leib und Seele abhängig davon, dass ihm im Krankenhaus Hilfe zuteil wird. Wie diejenigen, die ihm helfen, nimmt er dafür, so geduldig wie eben möglich, nicht nur seine Behandlung auf sich, sondern - vereinfacht gesagt - auch ein System, das ihn auf ein Objekt der Schulmedizin reduziert, weil es nur mit Daten funktioniert. Um im Bild zu bleiben, stellten dann Ärzteschaft und Pflegepersonal, ja überhaupt alle, die im Spital ihren Arbeitsplatz haben, im Gegenzug die "Subjekte", die überlegeneren Handelnden und Wissenden dar. Die Gesunden, gegenüber den Kranken.

Hierüber begann ich erst nachzudenken, als ich nach fast vierzig Jahren wieder einmal Krankenhauspatientin wurde. Nachdem ich eines Abends im Dezember 2014, wenige Tage vor Silvester, auf Befehl eines erfahrenen Arztes, die nächste Krankenhausambulanz betrat und nach kurzer Untersuchung aufgefordert wurde, "im Haus" zu bleiben. . . Der mich untersuchende Chirurg grummelte: "Wir sehen uns wieder", eine Krankenschwester begleitete mich in den dritten Stock, zu einem Zimmer mit freiem Bett.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-28 13:38:09
Letzte ─nderung am 2016-10-28 13:57:01



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