• vom 27.11.2016, 10:00 Uhr

Vermessungen


Beamte

Die unterschätzten Beamten




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (25)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Peter D. Forgács

  • Die öffentliche Verwaltung wird heutzutage vor allem zum Thema, wenn von Einsparungen die Rede ist. Dabei ist eine funktionierende Administration ein wesentlicher Garant für die Demokratie.



Die öffentliche Verwaltung und Beamte als tragende Säulen der Demokratie...

Die öffentliche Verwaltung und Beamte als tragende Säulen der Demokratie...© Cartoon: Jugoslav Vlahovic Die öffentliche Verwaltung und Beamte als tragende Säulen der Demokratie...© Cartoon: Jugoslav Vlahovic

Wiederholt sich die Geschichte? Bereits Max Weber hatte festgestellt, dass der Untergang des antiken Römischen Reichs nicht etwa durch die Völkerwanderungen, den luxuriösen Lebensstil der Eliten oder durch Wirtschaftskrisen hervorgerufen wurde, sondern erst dadurch, dass das besoldete Beamtentum abgebaut worden ist. Die öffentliche Verwaltung wird in den letzten Jahrzehnten ebenfalls ehrgeizig reduziert. Dies ist eine der größten gesellschaftlichen Änderungen der vergangenen 150 Jahre in Europa.

Bis zum Jahr 1989 haben Gesellschaftstheorien das politische Handeln gerechtfertigt und zugleich angeheizt. Seit der Ostöffnung ist das anders. Parteiideologien sind unverbindlich geworden und politische Entscheidungen werden nur mehr aufgrund kurzfristiger Möglichkeiten und pragmatischer Chancen gefällt. Parteien thematisieren Fragen, aus denen sie glauben, Vorteile ziehen zu können, die Auswahl und die Herangehensweise sind beliebig. Sie ändern ihre Profile chamäleonartig und häufig. Die dadurch entstandene politische Gleichgültigkeit in der Bevölkerung wird mit Politikverdrossenheit erklärt - und die Wahlverluste der gemäßigten Mitte mit Wut oder Rache der Wähler. Indessen wird der Grund des Übels übersehen, dass nämlich keine realitätsnahe Gesellschaftstheorie vorhanden ist.

Übersteigerte Konflikte

Denn wie ein Fluch lasten Konflikte auf den Erklärungen über die Gesellschaft. In den letzten hundert Jahren wurden unentwegt Konflikte zwischen Klassen, Rassen, Religionen und Ökonomien verkündet. Keine der Mythen über "antagonistische Klassen", "überlegene Rassen", "unvereinbare Religionen" und "unausweichliche Wirtschaftszwänge" haben sich je bewahrheitet.

Anstatt der Konflikte sollte eher wahrgenommen werden, dass gesellschaftliche Gruppen in einer aufeinander angewiesenen Symbiose leben - und leben müssen. Merkwürdigerweise wurde aus den Gesellschaftsmodellen ausgerechnet das Personal der öffentlichen Verwaltung, welches Spannungen kalmieren oder heraufbeschwören kann, der Reihe nach ausgeblendet.



Information

Peter D. Forgács, geboren 1959 in Budapest, ist promovierter Hungarologe, Musikwissenschafter und Soziologe. Er lebt als Investor und Forscher in Wien. 2016 erschien sein Buch "Der ausgelieferte Beamte. Über das Wesen der staatlichen Verwaltung", in dem er das Thema dieses Aufsatzes vertieft (Böhlau Verlag, Wien/ Köln/ Weimar, 327 Seiten, 30,– Euro).

Am beständigsten hielt sich die Vorstellung der Klassengegensätze. Der donquijotehafte Windmühlen(klassen)kampf wurde verstaatlicht: Auf der einen Seite hievten sich die Unterdrückten an die Macht, um sich selbst zu unterdrücken, auf der anderen Seite schloss man tüchtige Sozialpartnerschaften, um das Fehlen von Kampfhandlungen begründen zu können. Der Eiserne Vorhang spendete einen beruhigenden Schatten, er schuf ein wohltuendes Gleichgewicht und symbolisierte eine überaus verständliche und anwendbare Weltanschauung.

Die Illusion des Klassenkampfes festigte sich durch staatliche Institutionen, als ob sie in Stein gemeißelt wäre. Man spürte zwar, dass dabei etwas nicht stimmt, aber was, das hat man genauso wenig enträtseln können, wie dies Don Quijote bis zuletzt auf seiner Mission nicht gelungen ist. Mit der Ostöffnung zeigte uns die Geschichte selbst, dass dieser Konflikt nicht existiert; Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind immer aufeinander angewiesen.

Viele politische Theorien wollten nach 1989 die Welt neu erklären. Eine davon war die "World Polity", die vielleicht das größte Unheil anrichtete, weil damit die Bemühungen der USA beim "Arabischen Frühling" legitimiert wurden. Diese Theorie gilt als ein Ableger des sozialwissenschaftlichen Neoinstitutionalismus. Aufgrund der Ostöffnung nahm man an, dass sich demokratische Werte überall Geltung verschaffen können, sobald diese der Bevölkerung zugänglich sind und ein politisches Machtvakuum entsteht.

Man hätte zumindest wissen müssen, dass es für die Entstehung von Demokratien eine andere wesentliche Voraussetzung gibt: Das Bestehen eines modernen (rationalen) bürokratischen Staates, wie das schon Max Weber gelehrt hat. In theokratisch organisierten Staaten oder Ländern am Stand vorindustrieller Gesellschaften ist Demokratie nicht möglich.

Vulgärökonomie

Bereits seit langem zweifelte die Politik an soziologischen Modellen und zog eine ökonomische Erklärung heran, den Neoliberalismus. Diese Theorie und ihre Verwaltungslehren ("New Public Management", Neues Steuerungsmodell) waren von vulgärökonomischen Rechtfertigungen beseelt.

Die staatliche Verwaltung solle keine Güter mehr produzieren und ihre Dienstleistungen müssten auf Kernbereiche der Staatsverwaltung reduziert werden. Der Staat dürfe lediglich als Auftraggeber fungieren. Dazu wurden Sozialkompetenzen und die Pflichten der Wohlfahrt schrittweise abgelegt. Unter Margaret Thatcher (1979-1990) und Ronald Reagan (1981-1989) wurde diese Theorie zum politischen Programm und radikal durch Tony Blair (1997-2007) und Gerhard Schröder (1998-2005) umgesetzt.

Es herrschte überall Effizienzgeilheit. Der Markt bekam einen götzenhaften Charakter, seine populistisch vereinfachten Gesetzmäßigkeiten wurden als selbstverständlich, eindeutig und unvermeidbar aufgefasst. Die Rentabilität wurde zu einer Rechtfertigungsoase und zur bestimmenden Motivation. Das Ideal des managerhaften Verhaltens wurde staatlich verbreitet und abverlangt. Die Welt schien wieder erklärbar und verstehbar zu sein.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-25 14:29:08
Letzte ńnderung am 2016-11-25 15:21:40



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Zukunft des Zusammenrückens
  2. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  3. Raubbau an der Landschaft
  4. "Die Bauern sind unsere Aborigines"
  5. Der nächste Kampf um Österreich
Meistkommentiert
  1. Der nächste Kampf um Österreich
  2. Raubbau an der Landschaft
  3. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  4. Die unterschätzten Beamten
  5. Das trügerische Wir-Gefühl

Werbung




Werbung