• vom 26.11.2016, 08:30 Uhr

Vermessungen

Update: 28.11.2016, 13:23 Uhr

Politik

Der nächste Kampf um Österreich




  • Artikel
  • Kommentare (7)
  • Lesenswert (32)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Walter Hämmerle

  • Längst schien entschieden, was Österreich ist: Heute tobt erneut ein Kampf um die Identität Österreichs.

Rotweißrote Zerreißprobe... - © Grafik: Irma Tulek

Rotweißrote Zerreißprobe... © Grafik: Irma Tulek



"Zwei Österreich, zwei Kulturen stehen sich in den österreichischen Landen gegenüber, die um Österreichs Zukunft kämpfen", schreibt der katholische Querdenker, Kunsthistoriker und Publizist Friedrich Heer 1981 in "Der Kampf um die österreichische Identität". Diese Auseinandersetzung tobt seit Jahrhunderten und bis ins Hier und Heute.

Dabei hatte es kurz einmal den Anschein, als ob die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik diesen Kampf ein für alle Mal entschieden hätte, die alten Wunden verheilt, die Gräben zwischen den Lagern endlich überwunden wären - und zwar im Sinne einer kollektiven Identität als österreichische Nation. Und es gab zudem Gründe zu vermuten, dass die schleichende Erosion nationalstaatlicher Institutionen seit den 1990er Jahren durch den Aufbau supranationaler Identitäten - vom Europäer bis zum Weltbürger - ersetzt, zumindest aber ergänzt werden könnte. Schleichend und kontinuierlich, und - dies vor allem - ohne eruptive Brüche im ständigen Prozess politischer Identitätsfindung.

Diese Annahmen, so viel ist heute sicher, haben sich als Wunschdenken erwiesen, nicht nur in Österreich, sondern quer durch Europa und darüber hinaus. Für Österreich bedeutet dies, einen besonderen Aspekt seiner Geschichte ein weiteres Mal zu durchleiden: den Kampf um die österreichische Identität. Und wenn es ein Verdienst dieses überlangen Wahlkampfs um das höchste Amt im Staat gibt, dann das, das Fortwirken dieser langandauernden Auseinandersetzung bis in die Gegenwart wieder sichtbar zu machen. Im Kern ist der Wahlkampf zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer um das Amt des Bundespräsidenten tatsächlich eine Fortsetzung dieser unseligen Identitätssuche, die Österreich seit dem 16. Jahrhundert heimsucht.

Vier "Invasionen"

Wie dieser Kampf in der Vergangenheit aussah, beschreibt Friedrich Heer (1916-1983) anschaulich. Österreich ist für ihn ein Spielball von Mächten und Kräften, geistigen wie politischen, die von außen einwirken, das Land und seine Bürger spalten und bei der Suche nach einer eigenen, eigenständigen Identität verwirren.

Vier prägende kulturelle, religiöse oder politische "Invasionen" beschreibt Heer: Erstens, die Reformation, die im 16. Jahrhundert von Norden, aus Deutschland, nach Österreich eindringt; zweitens, die katholische Gegenreformation des 17. und 18. Jahrhunderts, die vor allem spanische und italienische Einflüsse aufgreift, die zum einen mithelfen, den österreichischen Barock hervorzubringen, gleichzeitig jedoch das Land geistig abschotten. In der Folge sind es dann, drittens, die Ideen der westeuropäischen Aufklärung, die Mühe haben, die hohen Mauern dieser geistigen Isolation zu überwinden. Schließlich, viertens, die Unterwanderung der von Anfang an brüchigen Identität des Vielvölkerreichs durch den Deutschland-Glauben großer Teile seiner deutsch-österreichischen Bürger.

Für Heer ist es dieser Deutschland-Glaube, der im 19. Jahrhundert die geistigen Vorarbeiten für den Untergang des multinationalen Staats in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert leistet.

Der Österreich-Theoretiker Friedrich Heer (1916 - 1983).

Der Österreich-Theoretiker Friedrich Heer (1916 - 1983).© APAweb / Imagno, Picturedesk Der Österreich-Theoretiker Friedrich Heer (1916 - 1983).© APAweb / Imagno, Picturedesk

"Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert", so fasst Heer die tragische Geschichte vom Scheitern Österreichs zusammen, "stehen sich in den österreichischen Landen zwei (in besonderen Krisenzeiten drei, ja vier) politische Religionen gegenüber". Vom 16. bis zum 20. Jahrhundert - bis 1938/45 - tobt in Österreich ein Glaubenskampf, der die Basis aller Identitätsschwierigkeiten, aller Tragödien in und aus Österreich bildet. "Europäische Geschichte ist ein Kampf, in dem gegnerische Glaubensformen widereinander kämpfen", schreibt Heer - und Österreich, so kann man ergänzen, ist seine bevorzugte Bühne.

Nur kurze Auszeit

Dabei schien es bereits, als habe sich Österreich aus dieser Zerreißprobe befreien können. Es dauerte zwar, aber einige Jahrzehnte nach Gründung der Zweiten Republik begannen sich die Österreicher mit ihrem Österreichertum zu arrangieren; nicht sofort und längst nicht alle, aber dank wachsenden Wohlstands immer mehr. Dabei halfen die geostrategische Lage und der Beschluss der Neutralität 1955, die Österreich zwar zwischen den beiden großen militärischen Blöcken positionierte.

Das Land selbst jedoch ließ keinen Zweifel daran, dass es sich politisch und kulturell dem Westen zugehörig fühlte. Mittlerweile erhält man europäische Spitzenwerte, wenn es um den Stolz auf das eigene Land geht.

Tatsächlich ist die Deutsch-Gläubigkeit so vieler Österreicher, die das Land nach 1848, 1866 und bis 1938/45 wie ein Fieber erfasst hatte, heute gründlich getilgt - vor allem politisch, aber auch kulturell, nachdem das Religiöse seine prägende Kraft schon länger verloren hat. Nur sieben Jahre tatsächlicher Schicksalsgenossenschaft haben ausgereicht, eine jahrhundertealte Sehnsucht nach Vereinigung mit den "deutschen Brüdern" auszulöschen.

Die Linke wie die Rechte, die beide in der Vergangenheit (und Teile der extremen Rechten bis in die Gegenwart) dieser Sehnsucht nachhingen, hatten mit dem Kapitel abgeschlossen. Und wenn es dafür eines letzten Beweises bedurft hätte, dann ist es die Selbstverständlichkeit, mit der Van der Bellen und Hofer auf ihren Plakaten und in Reden die "Heimat" ins Spiel bringen.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 3




7 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-11-25 14:35:11
Letzte nderung am 2016-11-28 13:23:26



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Raubbau an der Landschaft
  2. Die Zukunft des Zusammenrückens
  3. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  4. "Die Bauern sind unsere Aborigines"
  5. Der nächste Kampf um Österreich
Meistkommentiert
  1. Der nächste Kampf um Österreich
  2. "Wir sind viel mutiger,
    als es den Anschein hat"
  3. Die unterschätzten Beamten
  4. Das trügerische Wir-Gefühl
  5. Raubbau an der Landschaft

Werbung