• vom 03.12.2016, 12:00 Uhr

Vermessungen


Städte

Die Zukunft des Zusammenrückens




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Von Wolfgang Pauser

  • Klimaerwärmung und Zuwanderung machen die Städte dichter und enger. - Visionen für den komprimierten urbanen Raum.

Wenn Städte enger zusammenrücken, können sie dichter bepackt werden. Ein Paradebeispiel für diesen Trend, wie hier zu sehen, ist Hongkong. - © Nikada/ getty images

Wenn Städte enger zusammenrücken, können sie dichter bepackt werden. Ein Paradebeispiel für diesen Trend, wie hier zu sehen, ist Hongkong. © Nikada/ getty images



Wie viel Raum steht einem Menschen zu? Diese Frage ist unerhört. Wer sollte das Recht haben, sie zu entscheiden, und nach welchen Kriterien? Reichtum und Macht oder Bedürftigkeit und Ohnmacht? Sollte jeder Mensch gleich viel Raum beanspruchen dürfen oder sollte in Zukunft künstliche Intelligenz temporäre Raumnutzungen funktionsoptimiert zuteilen?

Zonen der Verdichtung

Information

Wolfgang Pauser, geboren 1959 in Wien, studierte Philosophie und Rechtswissenschaften, lebt als freiberuflicher Essayist in Wien. Der Beitrag ist eine Kurzversion des Einführungsvortrags "Luxus für Alle. Prototypen für die grüne Stadt", gehalten am Institut für Hochbau 2 der TU Wien.

Städte sind heute steigendem Zuwanderungsdruck ausgesetzt. Landflüchtige wie Kriegsflüchtlinge zieht es in die Metropolen. So wird Stadtraum zu einem knappen Gut. Jetzt schon lebt etwa die Hälfte der Menschen in Städten. Diese sind Zonen der Verdichtung. Es ist die Verdichtung selbst, die attraktiv wirkt und den Sog erzeugt. Eine Stadt lässt sich als Menschen anziehendes System beschreiben, das seinen eigenen Raum definiert und damit innere Enge produziert. Offen bleibt die Frage, wie dicht es in der Stadt der Zukunft werden soll. Und für wen es mehr oder weniger eng wird.

Zwei Themen bestimmen die Debatte um Stadtraum und Wohnraum. Neben der Zuwanderung motiviert die Klimaerwärmung Stadtplaner zur Politik des Nachverdichtens. Dabei war die Ökobewegung ursprünglich getragen von Städtern, die Sehnsucht nach ländlicher Natur verspürten und gerne zum Schafezüchten ins Waldviertel gezogen wären.

Vision von Park und Hochhaus in New York: "Stairscraper" der Architektengruppe Nabito.

Vision von Park und Hochhaus in New York: "Stairscraper" der Architektengruppe Nabito.© Nabito Vision von Park und Hochhaus in New York: "Stairscraper" der Architektengruppe Nabito.© Nabito

Diese antiurbane Gesinnung wandelte sich jedoch, als im Begründungsdiskurs der Begriff Umweltschutz durch den Begriff Klimakatastrophe ersetzt wurde. Die Verwissenschaftlichung der grünen Argumentation führte zu Gesamtbilanzierungen, die den schlanken Fußabdruck als neues Zielbild durchsetzten.

Entgegen dem Mythenbild heiler Natur erkannte man, dass bei rationaler Betrachtung das Landleben mehr Energie und Ressourcen verbraucht als das Leben in der Stadt. Vor allem dann, wenn das städtische Leben von der Kommunalpolitik ökologisiert wird. Weil die Klimaziele besser erreicht werden können, wenn möglichst viele Menschen in Städten wohnen, wird urbanes Nachverdichten zum neuen ökologischen Imperativ. Zugleich gibt es - wie zum Trost aller Menschen mit Natursehnsucht - eine neue Tendenz, den traditionellen Gegensatz zwischen Stadt und Land abzumildern.

Die Vision einer grünen Stadt gilt weithin als politisches Ziel. Der Individualverkehr soll vermindert und verlangsamt werden, Elektroautos sollen bessere Luft und Stille verbreiten, der Energieverbrauch von Gebäuden soll mit großem technischem und finanziellem Aufwand drastisch gesenkt werden.

Neben dieser energie- und verkehrstechnischen Vergrünung der Städte gibt es auch sinnliche und sinnbildliche Begrünung durch Pflanzen. Sogar der Anbau von Lebensmitteln soll sich in die Stadt verlagern. Gemüsebeete in Parks, auf Flachdächern und Balkonen sollen die Sehnsucht grüngesinnter Stadtbürger nach dem Landleben stillen, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Denn wer es heute mit der Ökologie ernst nimmt, zieht nicht mehr aufs Land, sondern in die Stadt.

Neue Nutzpflanzen

Urban Gardening bringt andere Pflanzen in die Stadt. Schon bisher gab es in Städten Bäume, Blumenbeete und Rasen. Nun kommen Nutzpflanzen hinzu. Urbanität als Kulturphänomen gab sich bisher in der Bepflanzung dadurch zu erkennen, dass nur Zierpflanzen zur Stadtdekoration gewählt wurden. Nutzpflanzen waren ausgeschlossen, da sie die ländliche Agrarkultur verkörperten. Ein Apfelbaum bringt daher nicht nur Äpfel in die Stadt, er funktioniert zugleich als kulturelles Signal, das gegen die bisherige Auffassung von Urbanität gerichtet ist.

Parallel zur ökologisch motivierten Aufwertung städtischer Verdichtung gibt es die entsprechende Entwertung der "Zersiedelung" von Landschaft durch verstreute Einfamilienhäuser. Neben den verkehrs- und energietechnischen Argumenten gegen Pendler und Wochenendhaus-Besitzer tritt hier ein ästhetisches Argument. Wer Zersiedelung beklagt, wünscht sich, dass das Land möglichst ländlich bleibt. Ländlich im Sinne einer traditionell agrarisch geprägten Landschaft, die als natürlich gilt, obwohl Wiesen und Wälder bloß eine veraltete Produktionstechnik darstellen.

Städte wurden bis vor wenigen Jahrzehnten als kulturelles Gegenprojekt zur Natur und zum Ländlichen betrachtet. Sie wollten möglichst städtisch sein. Heute bemühen sich Städte, möglichst ländlich und naturnah zu sein. Auf dem Lande findet das Gegenteil statt: Das Land wird der Stadt immer ähnlicher. Die Landschaft verstädtert.

Nachverdichten

Neben ökologischen und landschaftsästhetischen Argumenten tritt neuerdings die Zuwanderung als treibende Kraft für den politischen Willen zum Nachverdichten in den Vordergrund. Der Flüchtlingswelle verdanken mancherlei Branchen eine unerwartete Konjunktur. Die Hersteller von Zäunen und Mauern etwa, von Zelten und mobilen Toiletten, von Feldbetten und Fingerabdruck-Scannern, nicht zuletzt von Traglufthallen. Ein in Europa beinahe schon vergessener Bautypus kehrt zurück: die Grenzstation.

Die Baubranche freut sich über Aufträge, erst einmal alte Kasernen und leer stehende Hallen in Flüchtlingsquartiere umbauen zu können. In weiterer Folge wird ein neuer Bauboom erwartet. Denn wenn mehr Menschen hier wohnen wollen, muss es mehr Wohnraum geben. Diesen Wohnraum zu planen gibt auch dem Architektenberuf eine neue Perspektive.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-01 15:29:08
Letzte ─nderung am 2016-12-01 18:44:04



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